30. Mai 2008. Die Sonderausstellung „Stadt am Fluss“, die dem zweitältesten Stadtteil Kassels, der Unterneustadt, gewidmet ist, wird am kommenden Samstag, 31. Mai, um 11 Uhr - aus Rücksicht auf Gedenkveranstaltungen in der Martinskirche und Kassel-Marathon um einen Tag vorverlegt - im Stadtmuseum eröffnet. Zur Eröffnung sprechen Bürgermeister Thomas Erik Junge und Dr. Cornelia Dörr, Leiterin des Stadtmuseums.
Das älteste Exponat ist eine Urkunde zu dem für Leprakranke gebauten Siechenhof aus dem 14. Jahrhundert, das jüngste eine Luftaufnahme mit dem futuristischen QVC-Gebäude von vor wenigen Tagen. Dazwischen entfaltet sich die spannende Geschichte der vor 725 Jahren zum ersten Mal erwähnten Kasseler Unterneustadt, die vom 1. Juni bis 14. September das Thema einer großen Sonderausstellung im Stadtmuseum am Ständeplatz ist.
Zu bestaunen sind fast 150 kostbare, seltene und kuriose Zeugnisse der Stadtgeschichte: Neben vielem anderem die Schätze der zerstörten Unterneustädter Kirche, eines der ersten großen Gemälde der Stadt von Osten von 1650, romantische Fuldaansichten, historische Stadtpläne und Fotos, aber auch „Bettelordnungen“, Wollschafe für die „Tuchfabrik“, Maulbeerbäume, Geburtszangen des „Accouchieranstalt“, erhellende Dokumente zum Reformierten Waisenhaus oder auch eine Zellentür der „Elwe“, die eine ungewöhnliche Bündelung verschiedenster Einrichtungen und den sozialen Wandel in der „Stadt am Fluss“ beleuchten.
Über den folgenreichen Hafenbau, die Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg und den vernachlässigten Wiederaufbau, der sie über Jahrzehnte zum reinen Messe- und Parkplatz degradierte führt der Ausstellungsweg bis zur „kritischen Rekonstruktion“ der „Neuen Stadt am Fluss“, dem seit der Jahrtausendwende wohl ambitioniertesten Bebauungsprojekt der Stadt Kassel.
Wer will, kann sich mitten hinein ins „Dörfchen“ begeben und sich am Stammtisch des „Wilden Wassers“ über vielfältige Begebenheiten informieren. Einführend in die Ausstellung präsentiert die Redaktion „Bilderbogen“ des Hessischen Rundfunks einige ihrer schönsten Filme zum Geschehen am Fluss und begleitend zur Ausstellung kann die aktuell vom Ortsbeirat herausgegebene Festschrift „s’Dörfchen - 725 Jahre Unterneustadt“ studiert werden. Über das reichhaltige Begleit- und Führungsprogramm wird gesondert berichtet.
Weiterführende Informationen „Nova civitas casle“ wird die jüngst als moderne „Stadt am Fluss“ neu erstandene Kasseler Unterneustadt am 17. Mai vor 725 Jahren das erste Mal in einer Urkunde genannt: Direkt gegenüber seiner mächtigen Burg gelegen, eine unter Aufsicht Landgraf Heinrich I. von Hessen gewachsene Stadt mit planvoller Straßenführung und einem freien Marktplatz in der Mitte, dem eine der Hl. Maria Magdalena geweihte Kirche ihren Schutz geben sollte. Bis zum Zusammenschluss mit Altstadt und Freiheit 1377 stellte die Unterneustadt ein selbständiges Verwaltungs- und Gemeinwesen dar. Über Jahrhunderte hinweg lebten hier vor allem Lohgerber und Färberfamilien. Im Lauf der Zeit suchten viele aber auch etwa in der Seidenraupenzucht, im Müllerhandwerk, in Badeanstalten, im Hafen und schließlich in der rundum anwachsenden Industrie ihr Auskommen zu finden.
Plagen und Zerstörung Schon im Mittelalter ist aus den Urkunden von der frühen Fuldabrücke (1336) zu vernehmen - und von einer gewaltigen Wasserflut (1342), welche selbst vor dem Altar der Kirche nicht Halt machte. Weit in das 20. Jahrhundert hinein sollten diese Überschwemmungen, noch heute auch als „Unterneustädter Kirmes“ im Gedächtnis geblieben, immer wieder zu den besonderen Plagen des Stadtteils gehören. Die leidvollste Katastrophe brachte dem „Dörfchen“ jedoch der Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges. Er degradierte das völlig zerstörte Areal ungeachtet vielfältiger städtebaulicher Visionen und Illusionen über ein halbes Jahrhundert hinweg zu einer überwiegend als Messe- und Parkplatz genutzten Freifläche.
Wechselvolle Geschichte Zu den signifikanten Bauwerken, welche der Unterneustadt ursprünglich ihre besondere Gestalt und Prägung gaben, zählten neben ihrer Kirche unter anderem die Zollmauer, das „Jägerhaus“, die überaus malerische Unterneustädter Mühle, aber auch das seit 1364 an der Stadtgrenze gelegene Siechenhaus, das zur Versorgung Aussätziger diente. Von 1690 an gab es das Reformierte Waisenhaus, dem ein Werkhaus mit Druckerei zugeordnet wurde. Für „die Bedürfnisse des Volkes“ folgten zeitweilig unter Landgraf Friedrich II. das damals in Deutschland einzigartige „Accouchierhaus“ (1761) - ein Entbindungsheim für ledige Mütter - und ein eigens zur Aufnahme Neugeborener eingerichtetes „Findelhaus“. Der gleichen Epoche gehört die Eröffnung der „Charité“ (1785) und die Einrichtung eines für angehende Mediziner bestimmten „Theatrum Anatomicum“ (1776) an. Mit dem 19. und frühen 20. Jahrhundert, in denen gleich mehrere neue Brücken zur alten traten, ein Staatsgefängnis (1880), der Hafen (1895) und die Stadtschleuse erbaut wurden, erfuhr das traditionsreiche Viertel einschneidende Veränderungen, die zur Niederlegung der Magdalenenkirche und zum Abriss der Unterneustädter Mühle (1912) führen sollten. Aus dem ehemaligen Jägerhaus wurde zunächst eine Tuchfabrik, dann das gefürchtete Kastell und schließlich im Zuge des Wiederaufbaus der 1950er Jahre das „Haus der Jugend“.
Dennoch sollte es bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts dauern, ehe im Zuge einer „kritischen Rekonstruktion“ auf altem Grundriss rundum wieder eine neue „Stadt am Fluss“ erbaut wurde, deren preisgekrönte architektonische Besonderheiten zum Flanieren und Staunen einladen.
Das Stadtmuseum zeichnet in einer facettenreichen Sonderausstellung die wechselvolle Geschichte eines der ältesten Stadtteile Kassels vom Mittelalter bis in die Gegenwart nach.
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