14. Februar 2013.
Zum Mitmachen am Jubiläumsprojekt „Elfhundert Briefe an meine Stadt“ rufen die Initiatorinnen Laura Herbst, Julia Manz und Carina Mihr ab sofort alle Interessierten auf. Ausgehend vom Grundgedanken des Stadtjubiläums – ein Fest der Bürger für die Bürger – ist bei den Ideengeberinnen früh der Wunsch entstanden, zum Stadtjubiläum ein Bürgerprojekt mit aktiver Partizipation auf die Beine zu stellen. Das Projekt ist eines von mehr als 90 offiziellen Jubiläumsprojekten zur 1100 Jahr-Feier der Stadt Kassel.
„Wir lieben Kassel und leben und arbeiten gern hier“, sagen die Ideengeberinnen von „Elfhundert Briefe an meine Stadt“. So ist die Idee entstanden, zum Stadtjubiläum viele Gleichgesinnte zu gewinnen, die sich zu ihrer Heimat bekennen. „Wir wünschen uns zur 1100 Jahr-Feier mindestens 1100 Briefe an Kassel, die zeigen, warum die Menschen hier leben oder welchen Bezug sie zur Stadt haben.“ Was macht die Stadt für die Einwohner aus? Welche Lieblingsplätze haben Jung und Alt? Was zeichnet die Menschen vor Ort aus? Welche Erinnerungen verbindet man mit Kassel? Was würde Kassel noch liebenswerter machen? Welche Ideen haben die Bürger für Kassels Zukunft?
„Ab heute können alle, die Lust haben, einen Brief an Kassel zu schreiben, ihre Post auf den Weg geben“, erklärt das Projektteam. Der Valentinstag sei ein guter Zeitpunkt für den Beginn des Projekts. Neben geschriebenen Texten können auch Gedichte, Liedtexte und gemalte Bilder eingereicht werden. Eine Jury wird die schönsten elf Beiträge aussuchen. Neben Oberbürgermeister Bertram Hilgen steht mit Sänger Backy Negahban bereits ein weiteres Jurymitglied fest. Mit zwei weiteren potentiellen Jurymitgliedern werden momentan noch Gespräche geführt. Als besonderes Bonbon wird zudem unter den ersten hundert Einsendungen ein Platz in der Jury ausgelost.
Alle Beiträge werden im Dezember 2013 im Rathaus ausgestellt, die elf schönsten Einsendungen in vergrößerter Form präsentiert. „Wir wünschen uns eine bunte, emotionale Ausstellung“, so die Ideengeberinnen.
Unter allen Teilnehmern des Projekts werden attraktive Gewinnspielpreise verlost, zudem erhalten die elf kreativsten Beiträge eine besondere Anerkennung. Genaue Preise werden bekannt gegeben, sobald die Gespräche mit den Sponsoren abgeschlossen sind.
Zusendungen können zwischen dem 14. Februar und dem 31. Oktober 2013 an folgende Adresse geschickt werden: Stadt Kassel, Büro 1100, Stichwort: Brief an meine Stadt, Obere Königsstraße 8, 34117 Kassel. Fragen zum Projekt kann Laura Herbst, Telefon 0152.53873500, beantworten.
Regierungspräsident Dr. Walter Lübcke, Staatstheaterintendant Thomas Bockelmann und Kassels ehemaliger Oberbürgermeister Hans Eichel haben ihre Briefe an Kassel bereits eingereicht – sie sollen auch als veranschaulichende Beispiele dienen.
Dr. Walter Lübcke:
Sehr geehrte Stadt Kassel,
von Herzen gratuliere ich Dir zum 1100. „Geburtstag“, auch wenn Du wahrscheinlich noch einige Jährchen älter bist. Wie alt Du wirklich bist, dass wüsste wahrscheinlich am besten der Grund und Boden rund um das Regierungspräsidium zu berichten, denn hier vermuten alle die Keimzelle der Siedlung, aus der heraus Du zur Stadt geworden bist.
Auch wenn ich gebürtiger Waldecker bin, so macht es mich trotzdem ganz schön stolz, dass ich hier an dieser Stelle und dann auch noch im Jahr Deines Jubiläums Regierungspräsident sein darf. Schließlich habe ich viel mit Dir erlebt. Es fing schon damit an, dass meine Eltern hier geheiratet haben. Hier habe ich meine Banklehre gemacht und meine Fachhochschulreife erworben. Hier habe ich mein Studium abgeschlossen, und hier habe ich an der documenta 7 mitgearbeitet. Und irgendwie haben Deine Ehrlichkeit und Dein rauer nordhessischer Großstadtcharme ganz schön auf mich abgefärbt.
So, wie sich das Regierungspräsidium und Deine Innenstadt gegenseitig in die Augen, bzw. in die Fenster schauen, da sieht man sich das Alter wirklich nicht an. Ich blicke jedenfalls auf der anderen Seite des Steinwegs in ein zwar vertrautes aber frisches und sehr vitales Gesicht, das mit wachsendem Selbstbewusstsein in eine veränderte Welt schaut, die Dir eine gute Lage beschert hat.
Klar, Du trauerst immer noch über die „verlorene Stadt“. Aber ich bewundere Dich für das, was Du danach geleistet hast: So viele Menschen wie unter den Bomben gestorben sind oder die Stadt anschließend verlassen haben – so viele Menschen hast Du aufgenommen, Ihnen eine neue Heimat gegeben und ein neues Leben. Und das nicht nur einmal. Eine Generation nach den Flüchtlingen kamen noch einmal viele tausend Menschen von den südlichen und östlichen Rändern Europas, um hier zu arbeiten und zu leben. Auch von ihnen wurden viele Deine Bürger. Mit rechtschaffenem Pragmatismus und ohne Multikulti-Romantik bist Du für alle Deine Bürger da.
Ich wünsche Dir zu Deinem Jubeljahr, dass sich alle Deine Töchter und Söhne, Väter und Mütter noch mehr für Dich engagieren, egal woher sie kommen und wie lange sie schon hier leben.
Du hast es verdient, und nicht nur, wenn Du Geburtstag hast.
Dein Walter Lübcke
Regierungspräsident
Thomas Bockelmann:
Liebe Stadt Kassel,
im Jahr 2004 hatte ich das Glück, meine Arbeit als Intendant des Staatstheaters Kassel zu beginnen. Ich erinnere mich noch gut, wie viele sagten: „Schöne Position, aber Kassel?“. Und in meiner neuen Heimatstadt mit all ihren Narben musste ich schnell lernen, dass viele Einheimische eher erstaunt und skeptisch darauf reagierten, wenn ich mit zunehmender Begeisterung die neu entdeckten, tollen künstlerischen Traditionen dieser Stadt aufzählte: Das älteste Kulturorchester Deutschlands, über 500 Jahre alt, Gustav Mahler und Louis Spohr waren hier Kapellmeister. Mit dem Fridericianum das älteste Museum auf dem europäischen Festland, das – noch dazu zum ersten Mal - auch Normalsterbliche besuchen durften. Und für mich natürlich besonders wichtig: Mit dem Ottoneum das älteste Theater Deutschlands, schon 1605 wurde hier die ANTIGONE gespielt. Und dann noch mit der documenta die bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst auf der Welt, die bestimmt auch dazu beigetragen hat, dass die Menschen hier offener für Zeitgenössisches sind - auch im Theater - als anderswo.
Jetzt lebe ich schon seit rasant schnell vergangenen acht Jahren in der Unterneustadt, die sich so rasant entwickelt hat, wie die ganze Stadt. Jetzt sind wir eben nicht mehr in „Hessisch Sibirien“, im Zonenrandgebiet, sondern eine wirklich aufstrebende Stadt genau in der Mitte Deutschlands. Als ich in Kassel ankam, gab es fast 20 % Arbeitslose, heute nur noch halb soviel. In den vergangenen fünf Jahren war Kassel, was die wirtschaftliche Entwicklung angeht, die dynamischste Stadt Deutschlands. Auch Dank einer tollen Universität – Herrn Prof. Postlep sei Dank – mit ihren vielen Ausgründungen. Und unter den Städten mit der höchsten Lebensqualität stehen wir auch schon auf einem Podestplatz. Ab nächsten April ein internationaler Flughafen in Kassel-Calden. Trotz aller Umweltschutzerwägungen werde ich ihn nutzen. In der Buga schwimme ich von März bis September … Ein neues Schwimmbad an der Fulda gibt es auch bald, und den Spaziergang auf dem fast noch neuen Weg an der Fulda – Danke, Herrn Hilgen - mache ich mehrfach in der Woche. Von der unberührten Natur im Umland ganz zu schweigen. Aber am wichtigsten und am schönsten ist für mich selbstverständlich die Arbeit am Staatstheater Kassel mit seinen tollen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. An diesem Haus herrscht wirklich ein guter Geist. Und die Zuschauer kommen auch.
Seit 25 Jahren bin ich nun Intendant, noch nie war ich es so gern, wie in Kassel.
Thomas Bockelmann
Hans Eichel:
Liebeserklärung an meine Heimatstadt
Am wichtigsten sind die Menschen. Kassel ist der Mittelpunkt meiner Familie, seit über hundert Jahren. In und um Kassel leben die meisten meiner Freundinnen und Freunde, Freundschaften, die mitunter bis in die Schulzeit zurück reichen. Das bindet.
Die Kasseläner, Kasselaner und Kasseler: Das ist längst ein sehr buntes Volk. Zuverlässig seit eh, tolerant, weltoffen und neugierig. Da verdanken wir viel auch den Zugewanderten aus vielen Ländern der Erde. Nie erlebt man das so wie zur documenta-Zeit, wenn Künstler auch Kunstinteressierte aus der ganzen Welt sich hier in der nordhessischen Provinz ein Stelldichein geben, ein unglaubliches Gemisch aus gewachsener Bodenständigkeit und zugereister Weltläufigkeit, das findet zueinander in einem Flair, so dicht, wie man es in Weltstädten nicht finden kann.
Kassel ist im positiven Sinn eine ehrliche Stadt. Hier wird nichts beschönigt, aber ein berechtigter Optimismus schafft eine positive Grundstimmung. Die Universität mit ihren mehr aus 22.000 Studierenden aus aller Welt, ihrer forschenden Offenheit für die wirklichen Probleme unserer Zeit, den Klimawandel zum Beispiel, öffnet Zukunftsperspektiven. So ist Kassel, ist Nordhessen zu einem der bedeutendsten Labors für die Energiewende geworden. Mehr Menschen ziehen her als weg.
Kssels kulturelles Leben ist reich und vielfältig, auch wenn nicht gerade die documenta alles überstrahlt. Wohl keine Zweihunderttausenderstadt hat so viel zu bieten.
Und schließlich die Wilhelmshöher Allee, die vier Kilometer lange Barockachse, gekrönt vom Schloss, den Kaskaden und über allem der Herkules: Da geht einem das Herz auf.
Deshalb liebe ich Kassel und ertrage leicht alle Unzulänglichkeiten, die es hier natürlich auch gibt.
Hans Eichel
Hans-Jochem Weikert:
Meine liebe Mutterstadt,
Du feierst in diesem Jahr Deinem 1100sten Geburtstag und ich bin mit dabei! Ich darf nicht nur mit feiern, sondern durfte auch von Anfang an die Planungen für das Festjahr begleiten und auch das Jubiläumsprojekt leiten und darf es zum guten Abschluss bringen.
Ich bin über die Entscheidung von Oberbürgermeister Bertram Hilgen und des Magistrats sehr glücklich und auch ein bisschen Stolz.
Schließlich bin ich in 1946 als nichteheliches Kind in einem Reiheneckhäuschen meiner Mutter in der Lossesiedlung in Bettenhausen geboren und aufgewachsen. In Wolfsanger und der Gartenstadt Eichwald habe ich meine die ersten 20 Ehe- und Familienjahre verbracht und vieles erlebt.
Ich lernte mit den „Schmuddelkindern“ im „Dschungel“ und im „Lettenlager“ – beides Obdachlosensiedlungen der Nachkriegszeit – umzugehen. Ich erlernte das Fußballspielen mit Straßenschuhen auf dem „Spifa-Gelände“ in der Lilienthalstraße auf reinen Ascheplätzen.
Zur Friedrich-Wöhler-Schule in der Tischbeinstraße gings im Winter mit der Straßenbahn, im Sommer durch die Aue mit dem Fahrrad.
Sonntags trabte ich mit einigen weiteren 10 bis 12jährigen Jungs zu Fuß ins Auestadion, um Gala Metzner und Toni Helwig als Fußballgötter zu bewundern.
Wenn Mama mit mir Einkaufen in die Stadt ging, dann liefen wir zu Fuß bis in die Obere Königsstraße und aßen zur Belohnung ein „Stücker Speckkuchen“ aus der Bude vom Silber uffem Königsplatze. Man, hat das geschmecket!
Oder biem Fernau in der Treppenstraße holten wir uns ein Stücke Kochwurscht.
Die „Sonntagsausflüge“ in zu diesen Zwecken geschonten Ausgeh-Garderobe gingen an die Fulle (anfangs auch noch zum Baden), in die Karlsaue oder nach Wilhelmshöhe und zum Herkules.
Die ersten zaghaften Kussversuche unternahm ich mit Mädchen aus der Nachbarschaft im Nahe gelegen Eichwald. Dort, am Südhang in der Mitte des Waldstücks, ist auch heute noch mein Lieblingsplatz. Da werden die Erinnerungen an die Jugendzeit und die vielen schönen Eichwaldfeste wach.
Das tollste Eichwaldfest fand in 1954 statt. Am Sonntag, dem 4. Juli 1954 waren mehrere Hundert Besucher im Festzelt und lauschten der Radioübertragung des WM-Spiel Deutschland gegen Ungarn. So ist mir die emotionale Moderation des legendären Heribert Zimmermann beim 3:2-Sieg unvergesslich. (Tor, Tor, Tor – für Deutschland! Das Spiel ist aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister!)
In meinem fast fünfzigjährigen Berufsleben habe ich wenige Tief- und sehr viele Höhepunkte erleben dürfen. Die beiden Bundesgartenschauen in 55 und 81 – städtebauliche Meilensteine für Kassel. Die documenta-Ausstellungen 1 bis 13, das Brand-Stoph-Treffen, den Hessentag in den Siebzigern, und , und , und.
Du, meine Mutterstadt, bist durch die Kriegszerstörungen nicht mehr die schönste im ganzen Land – und doch bist Du es, weil Du aus Schutt und Asche wieder aufgestanden bist! Den Menschen hast Du Kraft zum Wiederaufbau gegeben – und gerade in den letzten Jahren einige „Schönheitsoperationen“ durchgemacht – die Dich zu einer der dynamischsten Städte Deutschlands gemacht haben.
Du bist nicht eitel geworden! Du hast ein gutes Preis-/Leistungsverhältnis. Du wirst immer attraktiver! Du gehörst zu den kulturell bedeutendsten Städten Deutschlands. Die Lebensqualität ist hervorragend. Du hast alles was man zum Wohlfühlen braucht.
Also altes Mädchen, lass uns zusammen das Alter genießen.
Dein
Hans-Jochem Weikert
Projektleiter kassel 1100
Kontakt / Fragen:
Stadt Kassel, Büro 1100, Obere Königsstraße 8, Zimmer H 221, 34117 Kassel, Telefon 05 61/7 87-20 13, E-Mail 2013@stadt-kassel.de, www.kassel-1100.de, Laura Herbst, Telefon 01 52/53 87 35 00
Spendenkonto:
Kasseler Sparkasse, BLZ: 520 503 53, Konto: 2244, Verwendungszweck: Stadtjubiläum
Zum Hintergrund:
Am 18. Februar 913 unterzeichnete König Konrad I. im damaligen Chassalla oder Chassella zwei Urkunden – die ersten schriftlichen Belege für die Existenz Kassels. Ausgehend vom Datum dieser sogenannten Ersterwähnungsurkunden wird die Stadt im Jahr 2013 ihre 1100-jährige Geschichte feiern. Das Jubiläumsjahr startet mit einem Festakt am 18. Februar 2013.
Stadt Kassel
Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Rathaus / Obere Königsstraße 8
34112 Kassel
Telefon: 0561 / 787-1231 oder 0561 / 787-1232
Telefax: 0561 / 787-87
E-Mail: presse@kassel.de
Pressesprecher Ingo Happel-Emrich
Pressesprecherin Petra Bohnenkamp
Kassel und die Region im Internet:www.kassel.de
Die Stadtverwaltung im Internet: www.stadt-kassel.de
Die Pressestelle documenta-Stadt Kassel ist Mitglied bei www.presse-service.de. Dort können Sie Mitteilungen weiterer Pressestellen recherchieren und per E-Mail abonnieren.