Am 22. Juli 2005 hat Bertram Hilgen sein Amt als Oberbürgermeister der Stadt Kassel angetreten. Heute hat er eine Bilanz dieser zehn Jahre gezogen. Wir bieten hierzu dieses Interview mit Oberbürgermeister Hilgen an.
21. Juli 2015. Seit zehn Jahren ist Bertram Hilgen (SPD) Oberbürgermeister der Stadt Kassel. Die nordhessische Großstadt, die fast 200.000 Einwohner zählt, hat in den zurückliegenden Jahren eine ungeahnte Entwicklung vollzogen. Kassel wächst, weil die Stadt Menschen eine Perspektive bietet. Sie finden hier Arbeit, kommen zum Studieren nach Kassel und schätzen die Stadt als Ort zum Wohnen und Leben.
Seit seinem Amtsantritt am 22. Juli 2005 hat Oberbürgermeister Hilgen diese Entwicklung miterlebt und mitgestaltet. In unserem Interview erklärt Hilgen, wie sich Kassel in diesen Jahren verändert hat.
Herr Hilgen, Sie haben den Begriff „Das neue Kassel-Gefühl“ geprägt. Was möchten Sie damit zum Ausdruck bringen?
Hilgen: Das Image unserer Stadt hat sich grundlegend gewandelt: Die Kasseler lieben ihre Stadt und sind stolz auf sie – und sie zeigen das auch! Parallel dazu hat sich auch die Außensicht gewandelt: Die dynamische wirtschaftliche Entwicklung ist bundesweit ebenso wahrgenommen worden wie die weitere Profilierung Kassels als lebendige und vielfältige Kulturstadt.
Der Kassel-Boom hatte sich schon länger angedeutet. Gab es aber eine Phase oder einen Zeitpunkt, an dem der Schalter umgelegt und der von Ihnen angesprochene Perspektivwechsel für alle deutlich spürbar wurde?
Hilgen: Aus meiner Sicht markierten insbesondere die Jahre 2012 und 2013 die Aufbruchsstimmung und die neue Sicht auf Kassel. Kassel wurde zur dynamischsten deutschen Großstadt gekürt und erklomm Platz Drei bei der Lebensqualität. Die documenta 13 endete mit einem Besucherrekord, die Medien berichteten begeistert über die ausgestellte Kunst und die Schönheiten der Stadt. Wir haben uns um die Ausrichtung des Hessentags bemüht, weil ich mir einen Imagegewinn für Kassel versprach. Und weil wir den Nachweis erbringen wollten, dass der Hessentag kein finanzielles Abenteuer bedeuten muss, wenn man es richtig anpackt. Am Ende kamen 1,8 Millionen Besucher und unterm Strich blieben 870.000 Euro Überschuss in der Stadtkasse. Die Stadtgesellschaft ist durch die 1100-Jahr-Feierlichkeiten noch stärker zusammengewachsen. Und seit die UNESCO die Wasserkünste als Weltkulturerbe ausgezeichnet hat, kommen drei Mal so viele Gäste aus aller Welt in unseren Bergpark Wilhelmshöhe. Und die erzählen zuhause, was für eine liebens- und sehenswerte Stadt Kassel ist.
Vor zehn Jahren war Ihr erster Tag im Rathaus als neuer Oberbürgermeister. Wie hat sich Kassel in dieser Dekade entwickelt?
Hilgen: Kassel hat vor allem wirtschaftlich enorm aufgeholt. Wenn man berücksichtigt, dass wir einen tiefgreifenden Strukturwandel zu bewältigen hatten, ist die Aufholjagd Kassels umso bemerkenswerter. Mit den erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz ist außerdem ein weiteres wirtschaftliches Standbein hinzugekommen. Die wirtschaftliche Basis in Kassel ist deutlich breiter geworden.
An welchen harten Fakten lässt sich Kassels wirtschaftlicher Aufschwung ablesen?
Hilgen: Seit 2005 ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten um fast 18.000 gestiegen, die Arbeitslosenquote sank in den vergangenen zehn Jahren von 19,2 auf derzeit 9,2 Prozent - das sind die besten Arbeitsmarktzahlen seit dreißig Jahren! Lagen die Einnahmen bei der Gewerbesteuer 2005 noch bei 115 Millionen Euro, so verzeichneten wir 2013 mit 170 Millionen Euro eine neue Bestmarke. Und seit 2007 sind vier Haushaltsjahre mit einem positiven Ergebnis abgeschlossen worden – das dürfte uns auch im laufenden Jahr gelingen.
Sie betonen selbst immer wieder, dass die Wirtschaft Sache der Wirtschaft sei. Hat die Stadt überhaupt eigene Möglichkeiten, ihre wirtschaftliche Entwicklung zu beeinflussen?
Hilgen: Konjunkturelle Schwankungen, weltweite Finanz- und Wirtschaftskrisen, politische Weichenstellungen auf Bundes- und Landeseben oder unternehmerische Entscheidungen spielen sich ohne unser Zutun ab. Die Stadt verfügt aber sehr wohl über Stellschrauben, um hier ein Stück zu steuern. Dazu gehören etwa eine vorausschauende Infrastrukturplanung und eine zielgerichtete Wirtschaftsförderung. Ebenso aber auch eine solide Haushaltsführung, um der Stadt neue Handlungsspielräumen zu erarbeiten, und eine effiziente Verwaltung. Diese Möglichkeiten haben wir entschieden und sehr erfolgreich genutzt, um Innovationen, Arbeitsplätze und Wachstum zu ermöglichen.
Können Sie einige Beispiele nennen?
Hilgen: Wir erschließen gerade das Gewerbegebiet Langes Feld, nachdem der Industriepark Kassel-Waldau und das Güterverkehrszentrum weitgehend vermarktet sind. Die ersten 27 Hektar stehen ab 2017 für neue Unternehmen zur Verfügung. Wir betreiben die Standortentwicklung für die Energiesystemtechnik Kassel am Hauptbahnhof, wo das Fraunhofer Institut IWES 100 Millionen Euro investiert. Die städtischen Unternehmen stehen gut da: Die Gesundheit Nordhessen Holding schreibt seit sechs Jahren schwarze Zahlen. Die Städtischen Werke haben ihre Geschäftsfelder und ihr Vertriebsgebiet strategisch ausgeweitet und 2014 einen Gewinn von 21,5 Millionen Euro erzielt. Die KVG hat ihr Streckennetz nach Vellmar ausgedehnt. Mit breiter Bürgerbeteiligung ist ein integriertes Stadtentwicklungskonzept für den Kasseler Osten erarbeitet worden, wo 30 Prozent der Gewerbesteuer erwirtschaftet wird.
Es ist kein Geheimnis, dass Sie ein sehr enges Verhältnis zu unserer Universität pflegen und auf wissensbasierte Entwicklung setzen.
Hilgen: Ich hatte unmittelbar nach meinem Amtsantritt mit dem Präsidenten der Universität Kassel, Prof. Rolf-Dieter Postlep, eine noch engere Zusammenarbeit vereinbart. Ich bin heute froh sagen zu können, dass das Miteinander in allen für beide Seiten relevanten Fragestellungen auf eine neue Grundlage gestellt worden ist. Die Stadt hat das Gründungs- und Innovationszentrum Science Park mit sieben Millionen Euro unterstützt und begleitet die städtebauliche Entwicklung des Campus Nord. Es gab und gibt bei den beiden Themen „Brüder Grimm“ und „documenta“ ein gemeinsames Verständnis und eine hervorragende Kooperation. Gerade in der Ära Postlep hat sich die Universität noch deutlicher zu ihrer regionalen Verantwortung bekannt und eigene Impulse gesetzt. Dafür bin ich sehr dankbar.
Der Oberbürgermeister Kassels ist nicht nur für die Wirtschaft zuständig, sondern ist gleichzeitig Kulturdezernent. Wie fällt hier Ihr Fazit aus?
Hilgen: Auch kulturell ist Kassel weiter vorangekommen und setzt mehr denn je auf die zunehmende Bedeutung der Kultur- und Kreativwirtschaft. So haben wir die Themen documenta, Brüder Grimm und Bergpark Wilhelmshöhe mit der Unterstützung des Landes und der Universität so weiterentwickelt, dass sie jetzt dem Anspruch einer „Weltmarke“ wirklich genügen: Pünktlich zur Museumsnacht 2015 eröffnen wir das multimediale Ausstellungshaus „Grimmwelt“ auf dem Weinberg, das in der Fachwelt und beim Publikum auf begeistertes Interesse stoßen wird. Mit der Überführung des documenta-Archivs in die documenta GmbH als Vorstufe zu einem documenta-Institut wird die Weltkunstausstellung außerhalb ihrer hundert Tage noch präsenter. Mit der von Erfolg gekrönten Bemühungen, den Bergpark zum UNESCO-Weltkulturerbe zu machen, ist ein Tourismusmagnet par excellence entstanden. Was Stadt und Land derzeit in die Neuordnung der Kasseler Museumslandschaft investieren, ist bundesweit selbst bei weitaus größeren Städten ohne Beispiel.
Sie betonen stets, wie wichtig Ihnen der Stadtfrieden und der Zusammenhalt der Stadtgesellschaft ist …
Hilgen: Integration hat für mich persönlich, als auch für die Kommunalpolitik einen ganz besonderen Stellenwert. Denn ein Drittel der Menschen in unserer Stadt hat eine Einwanderungsgeschichte. Ich bin stolz, wie gut das Zusammenleben in Kassel funktioniert, wie offen man Menschen begegnet, die als Flüchtlinge nach langer, beschwerlicher Odyssee aus Kriegsgebieten zu uns kommen. Gleichzeitig beeindruckt mich, wie breit und entschlossen die Stadtgesellschaft rechtsradikalen Tendenzen begegnet. Der Zusammenhalt wird jedoch auch durch gute Betreuungs- und Bildungsangebote gestärkt: Seit 2005 wurden 2.600 zusätzliche Betreuungsplätze für Kinder geschaffen und die Öffnungszeiten ausgeweitet, der Ausbau der Ganztagsschulen kommt voran und die Erfolge des Kasseler Übergangsmanagements Schule-Beruf können sich sehen lassen.
Als Oberbürgermeister sind Sie Chef der Verwaltung. Zum Amtsantritt kündigten Sie noch mehr Anstrengungen für Bürgerfreundlichkeit und Effizienz an. Konnten Sie dieses Versprechen einlösen?
Hilgen: Das neue Bürgeramt bietet wie das zentrale Bürgerbüro im Rathaus deutlich mehr Service und Angebote. An der Uni können Studierenden und Lehrenden in einem städtischen Bürgeramt die Leistungen des Einwohnerservice und des Ausländeramts in Anspruch nehmen. Über die zentrale Behördennummer „115“ lassen sich viele Dinge regeln, ohne ins Rathaus kommen zu müssen. Stadt und Landkreis haben überdies die Volkhochschule, das Gesundheitsamt, die Ausländerbehörde sowie die Kfz-Zulassungsstelle zusammengelegt. Seit meinem Amtsantritt haben bei der Stadtverwaltung deutlich mehr junge Menschen die Chance auf eine fundierte Ausbildung.
Zu Ihrer Bilanz-Presskonferenz haben Sie ans Fuldaufer eingeladen. Warum?
Hilgen: Weil mir die Ende 2009 eröffnete Fuldauferpromenade eine Herzensangelegenheit war. In den zurückliegenden Jahrzehnten wurde die Idee immer wieder diskutiert, aber nie beherzt angegangen. Ich wollte die stadtentwicklungspolitische Chance, die Stadt und ihre Menschen näher an den Fluss zu bringen, nicht vorüberziehen lassen. Heute wird die Promenade rege genutzt, die Menschen lieben die neue, reizvolle Perspektive auf unsere herrliche Flusslandschaft.
Wo hätten Sie sich im Rückblick ein anderes oder besseres Ergebnis gewünscht?
Hilgen: Bei der Multifunktionshalle auf den Giesewiesen und bei Salzmann hätte ich mir natürlich ein anderes Szenario gewünscht. Doch in beiden Fällen lagen die Gründe für das Scheitern nicht bei der Stadt und ihrem Oberbürgermeister. Für das Hallenprojekt Giesewiesen war die Stadt bereit, den Investor mit elf Millionen Euro für Infrastrukturmaßnahmen zu unterstützen. Als der Investor immer höhere Nachforderungen stellte, haben wir zu Recht die Reißleine gezogen. Und die Entwicklung des Salzmann-Geländes scheiterte letztlich an den fehlenden finanziellen Möglichkeiten des Investors. Ich freue mich deshalb, dass der neue Salzmann-Eigentümer angekündigt hat, dort etwa 450 neue Wohnungen bauen zu wollen sowie Nutzungen für Kultur und Gewerbe zu ermöglichen. Das ist eine vielversprechende Perspektive für den Kasseler Osten, von deren Umsetzung am Ende die ganze Stadt profitiert.
Und was halten Sie für besonders gut gelungen?
Hilgen: Neben der Fuldauferpromenade liegt mir auch die Grimmwelt besonders am Herzen. Im Zusammenhang mit dem Bau der Grimmwelt muss auch vom Weinberg die Rede sein - dieser wird gerade umfassend saniert und für die Öffentlichkeit wieder erschlossen. Von dort, dem Balkon Kassels, und vom Dach der Grimmwelt hat man bald einen atemberaubenden Blick auf eine der grünsten Großstädte Deutschlands – ein wirklicher Geheimtipp!
Zum Schluss: Wo steht Kassel heute?
Hilgen: Am Beginn einer vielversprechenden Zukunft.
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