Mediziner im öffentlichen Gesundheitsdienst sorgen sich: Wachsende Armut als Krankheitsrisiko – Ausbreitung multiresistenter Erreger

04. April 2019.

Gesundheitsförderung und Prävention sollten stärker in den Fokus genommen werden. Dafür sprechen sich die Bundesverbände der Ärztinnen und Ärzte und der Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD und BZÖG) bei ihrem 69. wissenschaftlichen Kongress aus. Unter dem Motto „Der Öffentliche Gesundheitsdienst – Mitten in der Gesellschaft“ kommen 800 Mediziner aus ganz Deutschland vom 4. bis 6. April 2019 in Kassel zusammen.

Besonderes Augenmerk gilt der Gesundheit der Menschen in den so genannten mehrfach belasteten Quartieren der Städte in Deutschland, erläuterte BVÖGD-Vorsitzende Dr. Ute Teichert. In allen Städten seien Quartiere zu finden, die eine hohe Aufenthaltsqualität und viele gesundheitliche Ressourcen haben. Andere hingegen seien starken Belastungen ausgesetzt. Dazu zählten Faktoren wie geringe Einkommen sowie starke Belastung aus Verkehr und Umwelt.

 

Höhere Krankheitsrisiko bei Armut

„Armut macht krank, weswegen wir in mehrfachbelasteten Quartieren vermehrt Menschen mit höherer Krankheitslast und höheren Krankheitsrisiken haben. Es ist eine wichtige Aufgabe des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in den Kommunen gerade die unterschiedlichen Bedingungen, in denen Kinder aufwachsen, Berufstätige arbeiten und Seniorinnen und Senioren leben, in den Blick zu nehmen, sie zu schützen und zu fördern.“, sagte Dr. Teichert. „Der Bundesverband der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes macht sich Sorgen um die Gesundheit von Bürgerinnen und Bürger in mehrfachbelasteten Quartieren.“

Ein Beispiel ist Übergewicht im Kindesalter, was sich exemplarisch auch in Kassel zeige, wo der Kongress in diesem Jahr stattfindet. Aus dem erst kürzlich veröffentlichten Kasseler Kindergesundheitsbericht geht hervor, dass Kinder aus mehrfachbelasteten Quartieren häufiger übergewichtig oder fettleibig als Kinder aus Quartieren mit hoher Aufenthaltsqualität, sagte Dr. Karin Müller, Leiterin des Gesundheitsamtes Region Kassel.

Einen Grundstein bilden dabei Maßnahmen der Kommunen, in denen der Öffentliche Gesundheitsdienst versucht gemeinsam mit anderen Fachämtern die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen in prekären Soziallagen zu fördern und zu verbessern. Beispiele sind im Bereich der Frühen Hilfen sowie die Gesundheitsförderung in Kindertagesstätten, Schulen und Quartieren. Maßgeblich beflügelt worden sei die Arbeit der Gesundheitsämter in den vergangenen drei Jahren durch das „Gesetz zur Förderung der Gesundheitsförderung und Prävention“ (Präventionsgesetz). Diese hebe die Kommune als entscheidende Lebenswelt für die Gesundheitsförderung hervor, erläuterte Dr. Teichert

 

Älter werdende Bevölkerung ist Herausforderung

Auf der anderen Seite werde eine immer älter werdende Bevölkerung auch den öffentlichen Gesundheitsdienst gerade unter den Gesichtspunkten Prävention und Gesundheitsförderung in Zukunft immer mehr beschäftigen, hob Dr. Ute Teichert hervor. Die sinkende Zahl jüngerer und die zugleich steigende Zahl älterer Menschen ändern die Struktur der Bevölkerung in Deutschland.

Nach einem stetigen Rückgang der Geburtenzahlen zwischen 1990 und 2011 ist inzwischen eine leichte Trendwende erkennbar. Seit 2012 nimmt die Zahl der Geburten wieder etwas zu. Zugleich ist aber die Anzahl der über 70-Jährigen in Deutschland von acht auf 13 Millionen Menschen gestiegen. In der Folge hat sich das so genannte Medianalter, das die Bevölkerung in eine jüngere und eine ältere Hälfte teilt, von 37 auf 45 Jahre erhöht. Ohne Zuwanderung würde die Bevölkerungszahl bereits seit über 40 Jahren abnehmen.

 

Immer mehr Alte von Armut bedroht

Die Entwicklung einer älter werdenden Bevölkerung sei bundesweit und so auch in Kassel zu beobachten, wie die aktuelle Bevölkerungsprognose der Stadt zeigt. Danach wird der Anteil der Menschen, die 60 Jahre und älter sind, in den nächsten zehn Jahren um voraussichtlich rund fünf Prozent auf über 39 Prozent steigen. „Im höheren Alter aber steigt das Risiko chronischer Krankheiten wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Krankheiten des Bewegungsapparates“, betonte Dr. Müller.

Hinzu komme, dass immer mehr alte Menschen von Armut bedroht sind. Seit Jahren ist das auch in Kassel zu beobachten – mit einer wachsenden Zahl von Seniorinnen und Senioren, die auf Grundsicherung angewiesen. „Altersarmut ist eine Belastung für die Gesundheit und das Wohlbefinden älterer Menschen“, erläuterte Dr. Teichert. „Altersarmut kann Gesundheitsprobleme verschärfen oder sogar die Entstehung von neuen Krankheiten mit verursachen.“

 

Sorge um Ausbreitung multiresistenter Erreger

Weiterhin mahnen die Gesundheitsämter einen verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika zur Verhütung der Entstehung von multiresistenten Erregern (MRE) an. „Die Zunahme von MRE beobachten wir im öffentlichen Gesundheitsdienst mit wachsender Besorgnis“, sagte Dr. Teichert. „Insbesondere das vermehrte Auftreten von Resistenzen bei gramnegativen Stäbchenbakterien gilt als problematisch. Mit der Erkenntnis, dass Therapieoptionen in diesem Bereich zunehmend limitiert sind, wächst die Bedeutung präventiver Strategien.“

Ein erfolgreicher Umgang mit MRE sei nur durch ein regional abgestimmtes Handeln innerhalb der medizinischen Einrichtungen möglich. Dabei nehmen Gesundheitsämter eine Schlüsselrolle ein, unter anderem durch die Koordinierung und Unterstützung von MRE-Netzwerken. In Übereinstimmung mit aktuellen, bundesweiten Initiativen widmen sich auch die vier hessischen Netzwerke in diesem Jahr schwerpunktmäßig dem Thema: „Rationale Antibiotika-Therapie“. Auch deshalb findet beim diesjährigen Kongress am Freitag, 5. April, von 9 bis 12.30 Uhr im Kolonnadensaal 6, erstmals ein MRE-Forum statt.

 

„Öffentlichen Gesundheitsdienst als gleichwertigen Partner wahrnehmen“

„Nur ein starker öffentlicher Gesundheitsdienst wird all diesen wichtigen Aufgaben in Zukunft gerecht werden können“, betonte Dr. Ute Teichert. „Daher fordern die Ärztinnen und Ärzte der Gesundheitsämter, den öffentlichen Gesundheitsdienst als gleichwertigen Partner im Gesundheitswesen wahrzunehmen und die Gehälter von Ärztinnen und Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst an die Gehälter der Klinikärztinnen und -ärzte anzugleichen. In Zeiten des Ärztemangels wird sonst keine Umsetzung der vor allem für die Gesamtbevölkerung so wesentlichen Aufgabe der Gesundheitsämter mehr möglich sein.“

 

Hintergrund – In BVÖGD und BZÖG sind 1500 Mediziner organisiert

Der BVÖGD und der BZÖG sind die Spitzenverbände des ärztlichen und zahnärztlichen Personals im öffentlichen Gesundheitsdienst. In den beiden Bundesverbänden sind etwa 1500 Ärztinnen und Ärzte sowie Zahnärztinnen und Zahnärzte organisiert.

Der 69. wissenschaftliche Kongress der Bundesverbände der Ärztinnen und Ärzte sowie der Zahnärztinnen und Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD und BZÖG) findet von Donnerstag, 4. April, bis Samstag, 6. April 2019, in Kassel statt.

Offen ist die Teilnahme am Kongress auch für Mitarbeiter aus Gesundheitsberufen sowie für Studierende: Für Hygieneinspektoren, Gesundheitsaufseher und Hygieneingenieure sowie Sozialmedizinische Assistenten und medizinische Fachangestellte gibt es spezielle Veranstaltungen, die diese nach vorheriger Anmeldung unentgeltlich besuchen können.

Das komplette Kongressprogramm gibt es auf der Internetseite https://bvoegd-kongress.de.

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