10. Februar 2020.
Am 29. Januar 2020 veröffentlichte die Firma TomTom ihren sogenannten „TomTom Traffic Index 2019“. Es wird dort unter anderem ein Städte-Ranking unter der Überschrift „Hamburg ist Stauhauptstadt“ abgebildet. Kassel wurde in diesem Rahmen erstmals aufgeführt und landete auf Rang 8 unter den deutschen bzw. weltweit auf Rang 150 von insgesamt 416 betrachteten Städten.
Um Schlussfolgerungen ziehen zu können, haben die zuständigen Experten innerhalb der Kasseler Stadtverwaltung diese Veröffentlichung zum Anlass genommen, um zu hinterfragen, was genau dort von TomTom ermittelt und verglichen wird. Der Versuch, über den kommunalen Ansprechpartner der Firma bestimmte methodische Fragen von TomTom beantwortet zu bekommen, war seit der Veröffentlichung leider bis jetzt nicht erfolgreich. Schriftlich liegt der Stadt bisher lediglich mittelbar eine Interpretation der Ergebnisse für Kassel vor, die TomTom gegenüber der lokalen Tageszeitung HNA abgegeben hat. Insofern basiert die hier nun vorgenommene Ersteinschätzung auf den von TomTom in mehr oder minder einfacher Weise öffentlich bereitgestellten Informationen.
Das Ergebnis dieser ersten Sichtung wirft deutliche Fragen an die Adresse von TomTom auf. Die Experten bei der Stadt Kassel sind der Meinung, dass TomTom in der Pflicht ist, seine Methode viel transparenter zu beschreiben und die Interpretation des Städte-Rankings zu relativieren bzw. zu konkretisieren. Ein belastbarer Vergleich des Verkehrs- und Stauaufkommens zwischen Städten setze unbedingt eine vergleichbare Basis voraus. Die von TomTom selbst so bezeichneten Kenngröße der „durchschnittlichen Verlängerung der täglichen Fahrzeit durch Verkehrsstaus in deutschen Städten“ erfüllt diese Voraussetzung nicht, weil sich die Basis, nämlich die Normalreisezeiten, von Stadt zu Stadt unterscheidet.
Aus Sicht von Dr. Georg Förster, Amtsleiter des Straßenverkehrs- und Tiefbauamts der Stadt Kassel, werde mit dem veröffentlichten „TomTom Traffic Index“ ein Wert ermittelt, der wenig geeignet sei, das Staugeschehen mehrerer Städte miteinander zu vergleichen: „Ein einfaches Beispiel. Stellen Sie sich eine Stadt A vor, in der man ganztägig im Auto mit einer durchschnittlichen Reisegeschwindigkeit von 20 km/h unterwegs ist und in der es über den Tagesverlauf keinerlei Schwankungen dieser Geschwindigkeit gibt, weil z.B. einfach ganztägig in gleicher Weise viel Verkehr ist. Stellen Sie sich nun eine andere Stadt B vor, in der bei Normalverkehr eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von 30 km/h erreicht wird, die aber bei erhöhtem Verkehrsaufkommen auf 25 km/h sinkt, d.h. die Reisezeit steigt dann. Die meisten Menschen würden aus ihrer Lebenswirklichkeit heraus vermutlich sagen, dass der Autoverkehr in Stadt B flüssiger läuft als in Stadt A, weil man eben zu jeder Tageszeit in Stadt B schneller unterwegs ist als in Stadt A. Der TomTom Traffic Index arbeitet nach den uns vorliegenden Veröffentlichungen scheinbar anders. Es werden augenscheinlich zunächst die Normalreisezeiten für eine Auswahl von Strecken einer konkreten Stadt ermittelt. Dann wird über ein nicht näher beschriebenes Verfahren zwischen Normalverkehr und erhöhtem Verkehrsaufkommen unterschieden. Anschließend wird berechnet, um wie viel Prozent die Reisezeiten bei erhöhtem Verkehrsaufkommen gegenüber Normalverkehr steigen. Dieser Prozentwert wird dann als Traffic Index bezeichnet und von TomTom als Stau-Niveau interpretiert. In meinem Beispiel wäre der Wert des Stau-Niveaus für Stadt A genau bei 0% und für Stadt B darüber, d.h. Stadt B schneidet beim TomTom-Vergleich schlechter ab als Stadt A. Hier sehe ich einen klaren methodischen Mangel.“
Natürlich habe es einen großen planerischen Wert zu wissen, welche Reisezeiten bzw. welche Reisegeschwindigkeiten sich auf wichtigen Routen im urbanen Straßennetz ergeben. Für die Verkehrssteuerung oder auch für Navigationsanwendungen sei ohne Zweifel auch der TomTom Traffic Index relevant, weil man daraus automatisiert ableiten könne, zu welchen Zeiten bzw. auf welchen Routen man am schnellsten zu seinem Ziel gelange. Insoweit seien derartige Daten und Services, die von mehreren Unternehmen angeboten werden, durchaus von Wert für Kommunen. Allerdings sei eben dieser konkrete Index, der von TomTom für das Ranking verwendet wird, nur für jede Stadt individuell aussagekräftig. Ein Vergleich von Städten miteinander und ein „Stau-Ranking“ basierend auf diesem Index sei bezüglich des Gehalts fragwürdig. TomTom suggeriere mit seiner Pressemeldung, es handele sich bei dem Traffic Index um eine Aussage, mit der das „Stau-Niveau“ zwischen Städten verglichen werden könne. In Wahrheit werde aber gar nicht bewertet, wie die Stau-Situation im Vergleich der Städte miteinander ist. Es werde nur bewertet, wie stark die relative Differenz der Reisezeiten im Vergleich zwischen Normalverkehr und gestörtem Verkehr für jede einzelne Stadt individuell ist.
TomTom mache zu vielen, tatsächlich für ein Ranking in Frage kommenden Aspekten keine Aussagen, z.B. Vergleich der durchschnittlichen Reisegeschwindigkeiten zwischen den Städten, Häufigkeit oder zeitliche Dauer von Stauereignissen im Städtevergleich, räumliche Ausdehnung von Stauereignissen im Städtevergleich, Anzahl der betroffenen Fahrzeuge im Städtevergleich. „Uns wundert, dass ein Pionier in Sachen Verkehrsdatenanalyse wie TomTom mutmaßlich aus Marketing-Gründen scheinbar fachliche Details vernachlässigt. Wir empfehlen allen genannten Städten, die Werte und Aussagen für sich zu prüfen. TomTom laden wir herzlich ein, über einen geeigneten Vergleichs-Index mit uns auf fachlicher Ebene bilateral zu diskutieren“, ergänzt Förster.
Auch Dirk Stochla, Verkehrsdezernent in Kassel, reagiert zurückhaltend auf die TomTom-Ergebnisse: „Wir Kommunen sind natürlich darauf angewiesen, ein regelmäßiges Monitoring unseres Verkehrsgeschehens durchzuführen. Auch der Vergleich mit anderen Städten ist grundsätzlich richtig, sinnvoll und hilfreich, weil wir darüber ja auch die Wirksamkeit von Maßnahmen bewerten können und Transparenz hergestellt wird. Allerdings erwarten wir schon, dass solche Daten fachlich fundiert interpretiert werden. Wir sehen uns durch den aktuellen Fall in unserer Auffassung bestätigt, alle für die Bewertung des Straßenverkehrs nötigen Informationen als Kommune selbst zu erheben und selbst auszuwerten.“
Zu den Ergebnissen bzw. Interpretationen, die TomTom an die HNA gesandt hatte, teilt die Stadt Kassel mit: Es wäre sicher schön und hilfreich gewesen, wenn TomTom solche Informationen auch direkt mit Kassel als explizit im Ranking benannte Kommune geteilt hätte. Die Ergebnisse selbst seien wenig überraschend: Zu absoluten Verkehrsmengen kann TomTom keine Aussagen machen, weil das technische Prinzip (Floating Car Data) keine Zählwerte liefert. Es wird offensichtlich lediglich ausgesagt, auf welchen Strecken relativ gesehen mehr Verkehr als auf anderen ist. So sei durchaus naheliegend, dass auf zweistreifigen Autobahnen und Bundesstraßen mehr Fahrzeuge unterwegs sind als auf eintreifigen städtischen Straßen. Es werden von TomTom einige Kasseler Knotenpunkte als sogenannte „Bottlenecks“ (Flaschenhals) identifiziert, von denen bekannt ist, dass diese bezüglich der Verkehrsbelastung in den Starkverkehrszeiten an ihren Leistungsgrenzen arbeiten. Ebenso finden sich die bekannten Überlastungen im Rahmen der Baustelle auf der Druseltalstraße im Jahr 2019 in den TomTom-Zahlen wieder.
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