Meldungsdatum: 06.01.2026

Michael Grünberg mit Justus-Möser-Medaille der Stadt Osnabrück ausgezeichnet

Beim Handgiftentag am 6. Januar 2026 hat Michael Grünberg die Justus-Möser-Medaille der Stadt Osnabrück erhalten. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Osnabrück erhielt die höchste Auszeichnung der Stadt für sein jahrzehntelanges Wirken für jüdisches Leben, interreligiösen Dialog und demokratischen Zusammenhalt in der Friedensstadt.

In ihrer Ansprache stellte Oberbürgermeisterin Katharina Pötter zunächst die besondere historische Verantwortung heraus, die mit der Auszeichnung verbunden ist. „Diese Medaille ist die höchste Ehrung unserer Stadt. Sie trägt den Namen eines Aufklärers. Eines Verteidigers von Recht, Vernunft und Freiheit. Und doch gehört zu ihrer Geschichte auch ein dunkler Anfang“, sagte Pötter. Die Medaille sei erstmals 1944 verliehen worden – durch den damaligen Osnabrücker Oberbürgermeister Erich Gaertner. „Und Gaertner war nicht bloß ein Oberbürgermeister, dessen Amtszeit zufällig in die Zeit des Nationalsozialismus fiel. Nein, Gaertner war überzeugter Nationalsozialist.“

Sie sei Michael Grünberg dafür dankbar, dass er sich auch in Kenntnis der Geschichte der Möser-Medaille dafür entschieden habe, die Auszeichnung anzunehmen. „Gerade dadurch bekommt diese Medaille heute eine neue, tiefere Bedeutung.“ Möser habe für genau die Werte gestanden, die die Nationalsozialisten bekämpft hätten, und dürfe ihnen nicht überlassen werden.

Seit mehr als drei Jahrzehnten habe Michael Grünberg das jüdische Leben in Osnabrück geprägt, hob Pötter in ihrer Laudatio hervor. Sie erinnerte an den tiefgreifenden Wandel der jüdischen Gemeinde durch die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion und an die damit verbundenen Herausforderungen. Grünberg habe diesen Prozess getragen, begleitet und gestaltet, sagte sie, „mit Geduld, mit Pragmatismus, mit großem persönlichem Einsatz“.

Dass die heutige Synagoge an der Straße In der Barlage ein lebendiger Ort jüdischen Lebens sei, trage ebenso Grünbergs Handschrift wie das erst kürzlich veranstaltete erste jüdische Kulturfestival in Osnabrück. Auch den Dialog der Religionsgemeinschaften in der Friedensstadt, etwa am Runden Tisch der Religionen, präge er seit vielen Jahren maßgeblich mit – „respektvoll, offen und auf der Basis gewachsener persönlicher Beziehungen“.

Die Möser-Medaille sei für ihn nicht nur eine persönliche Ehrung, sondern auch ein Zeichen der Wertschätzung für die jüdische Gemeinde und den gemeinsamen Weg von Gemeinde und Stadtgesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten, betonte Michael Grünberg in seiner Erwiderung. Die Medaille nehme er daher nicht nur für sich selbst entgegen, sondern stellvertretend für die vielen engagierten Menschen, die sich in Osnabrück täglich für ein friedliches Zusammenleben einsetzten.

Zugleich äußerte Grünberg seine Sorge über gesellschaftliche und politische Entwicklungen, bei denen sich Akteure von demokratischen Grundsätzen entfernten. Antisemitismus sei dabei nur eine Facette einer gefährlichen Veränderung. Umso wichtiger seien klare Haltung, gegenseitiger Respekt und offene Begegnung. Sein Wunsch sei es, diesen gemeinsamen Weg auch künftig fortzusetzen – „aus Verantwortung für unsere Geschichte und aus Hoffnung für die kommenden Generationen“.

In ihrer Handgiftenrede kündigte die Oberbürgermeisterin im Anschluss an die Ehrung an, dem Rat vorzuschlagen, die NS-Vergangenheit der Osnabrücker Stadtverwaltung wissenschaftlich untersuchen zu lassen. „Nicht in erster Linie, um nach über 80 Jahren einzelne Schuldige zu identifizieren“, betonte Pötter, „sondern um einen Beitrag dazu zu leisten, dass unser heutiger Rechtsstaat wehrhaft bleibt. Wie konnten damals rechtsstaatliche Prinzipien ausgehöhlt werden? Wie konnte Verwaltung Teil eines Unrechtssystems werden? Das sind nicht bloß akademische Fragestellungen für das historische Seminar unserer Universität. Es sind Fragen, deren Antworten uns alle angehen. Denn sie können uns dabei helfen, unsere Demokratie in stürmischen Zeiten wetterfest zu machen.“

Michael Grünberg ist der 45. Träger der Justus-Möser-Medaille. Seit 1944 wurde sie an 6 Frauen, 38 Männer und eine Institution (terre des hommes, 1979) verliehen. Zu den Ausgezeichneten gehören der Grafiker Friedrich Vordemberge-Gildewart (1955), Bundespräsident Theodor Heuss (1956), der Schriftsteller Erich Maria Remarque (1964), der Karikaturist Fritz Wolf (1983), die französische Schriftstellerin Hélène Cixous (2018) und der amtierende Bundesverteidigungsminister und frühere Osnabrücker Oberbürgermeister Boris Pistorius (2025).


Zu dieser Meldung können wir Ihnen folgende Medien anbieten:

Der Höhepunkt des Handgiftentags: Das gegenseitige Händereichen im Friedenssaal

©  Stadt Osnabrück/Hermann Pentermann
Der Höhepunkt des Handgiftentags: Das gegenseitige Händereichen im Friedenssaal


Oberbürgermeisterin Katharina Pötter bei ihrer Laudatio für Michael Grünberg

©  Stadt Osnabrück/Hermann Pentermann
Oberbürgermeisterin Katharina Pötter bei ihrer Laudatio für Michael Grünberg


Michael Grünberg wurde von OB Pötter mit der Justus-Möser-Medaille ausgezeichnet

©  
Michael Grünberg wurde von OB Pötter mit der Justus-Möser-Medaille ausgezeichnet


OB Katharina Pötter, Michael Grünberg und seine Ehefrau Ruth de Vries

©  Stadt Osnabrück/Hermann Pentermann
OB Katharina Pötter, Michael Grünberg und seine Ehefrau Ruth de Vries