Meldungsdatum: 04.09.2026
„Dass jemand komplett mit Eins abschneidet, ist eine große Ausnahme“, betont Bürgermeister Michael Joithe zu Beginn, als er Henrik Protzel freudestrahlend in seinem Büro beglückwünscht. Der 22-Jährige hat das geschafft, wonach sich viele zum Ausbildungsstart am Dienstag, 1. September, sehnen: Henrik Protzel hat seine Ausbildung bei der Stadt Iserlohn als Erzieher im Offenen Ganztag an der Grundschule Auf der Emst nicht nur bestanden, er hat alle Prüfungen mit der Bestnote „Sehr gut“ abgelegt und erhält dafür neben dem persönlichen Dank des Bürgermeisters einen Tag Dienstbefreiung als Belohnung.
Dabei war sein Weg bis zur Ausbildung bei der Stadt Iserlohn alles andere als geradlinig: „Nach dem Abitur habe ich ein duales Studium als Fitnessökonom begonnen, doch nach einem Semester merkte ich, dass sich diese Zukunft nicht richtig anfühlt“, erinnert sich der heutige Super-Azubi. An seinem 17. Geburtstag steckte er bereits mitten in den Abiturprüfungen und fühlte sich – wie er selbst sagt – in die Arbeitswelt hineingeschmissen. „Früher gab es klare Wege, heute teilt sich das alles noch mal in so viele Möglichkeiten auf. Wenn man aus der Schule kommt, spürt man einen Druck, direkt arbeiten zu müssen. Dabei weiß man zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht unbedingt, wohin die Reise führt.“
Nach dem abgebrochenen Studium begann Henrik eine Ausbildung im Labor, die sich im Arbeitsalltag jedoch als Handwerksberuf herausstellte. „Ich mache zwar viel Sport, aber dafür hatte ich zwei linke Hände“, schmunzelt der Iserlohner. Nach einem weiteren Jahr, währenddessen er in einem Bestattungsunternehmen arbeitete, traf er dann die richtungsweisende Entscheidung, für die er sogar seinen Wohnort ins Zentrum der Waldstadt verlegte. „Ich hatte in diesem Jahr Zeit, mir bewusst zu werden, was ich wirklich will. Einen Bezug zu Iserlohn hatte ich schon immer – alle meine Freunde leben hier. Früher habe ich Eishockey in Iserlohn gespielt und bin großer Fan der Roosters. Als Hobby spiele ich heute noch Inline-Skaterhockey bei den Mendener Mambas oder im Winter Eishockey in Bergkamen. Auch im Beruf brauche ich einfach Spaß an dem, was ich tue.“
Diese Erfüllung hat der ehemalige Lüdenscheider heute in der Arbeit mit Kindern gefunden, für die er durch seine Teilnahme an verschiedenen Angeboten des Christlichen Vereins Junger Menschen (CVJM) und sein späteres Ehrenamt als Betreuer bereits Praxiserfahrungen sammeln konnte. „Gerade im Grundschulalter befinden sich ja auch die Kinder in einem Übergang – vom Kindergarten in die Schule. Von ‚ich spiele‘ zu ‚ich muss aktiv lernen‘. Jeder ist anders, manche kann dieses System einengen.“
Nach einer zweijährigen schulischen Ausbildung am Friederike-Fliedner-Berufskolleg begann für ihn das zurückliegende Anerkennungsjahr an der OGS Auf der Emst. Dabei haben ihn seine intrinsische Motivation und seine grundlegend positive Lebenseinstellung durch die Prüfungen getragen.
„Dafür habe ich gar nicht so viel gemacht, wie man denkt. Mit Spaß nimmt man viel mit, gerade die Theorie-Praxis-Verknüpfungen waren für mich große Glücksmomente. Das hat nicht nur geholfen, die Theorie zu verinnerlichen, sondern hat dazu geführt, dass ich die zunächst abstrakt wirkende Literatur zum Ende hin mit Freude nochmal durchgearbeitet habe.“ Seine Abschlussarbeit widmete er dem Thema der Entwicklung von Zwillingen, die in unterschiedlichen Klassen eingeschult wurden.
Wenn der 22-Jährige anfängt, über seinen heutigen Beruf zu sprechen, beginnen seine Augen zu leuchten und Henrik gerät fast ins Schwärmen: „Das Schönste an der Arbeit mit Kindern sind ein freudestrahlendes Lachen und ein ehrliches Danke. Das bringt so viel Wärme in den Beruf. Ich bereue nichts.“ Sein Geheimrezept im Umgang mit den Kindern klingt denkbar leicht, benötigt im wuseligen Arbeitsalltag jedoch viel Ruhe und Geduld. „Ich rede viel, versuche, ein lockerer Typ zu sein – soweit das möglich ist – und eine nahbare Bezugsperson. Eine gute Basis zu den Kindern erleichtert den Alltag ungemein. Sie sollen sich wahrgenommen, aber nicht kontrolliert fühlen. Dabei versuche ich, den Spaß und die Freude am eigenen Tun weiterzugeben.“ Die tägliche Arbeit besteht neben der Hausaufgabenbetreuung darin, die Kinder in der Freizeit im Offenen Ganztag zu begleiten, mit ihnen zu spielen, und für sie da zu sein.
Bürgermeister Michael Joithe betont: „Gerade im Bereich der Erzieherinnen und Erzieher bin ich ein großer Freund davon, wenn sich männliche Bezugspersonen in Kindergärten oder Schulen engagieren.“ Auch Henrik unterstreicht: „Wir sind vier Männer und mehr als dreimal so viele Frauen. Dabei gibt es keinen Unterschied im Umgang mit den Kindern oder in ihrer Reaktion – wichtig aber ist, dass die Kinder sowohl männliche als auch weibliche Bezugspersonen haben.“
Mittlerweile, berichtet der Erzieher, habe er bereits Berufskrankheiten entwickelt: „Wenn in der Freizeit Familien mit Kindern an mir vorbeilaufen, kann ich gar nicht anders, als mit einem prüfenden Blick hinzuschauen – man erkennt, ob die Kinder angespannt sind oder nicht.“ Bürgermeister Joithe ergänzt: „Wenn selbst in der Freizeit dieser prüfende Blick entsteht, zeigt das nur, wie sehr Henrik für seinen Beruf brennt.“
Für die Zukunft schließt der Super-Azubi nichts aus: „Alle Türen stehen offen. Als Nächstes beginne ich ein berufsbegleitendes Studium der Kindheitspädagogik, für das ich dank der Anrechnung der Ausbildung nur die Hälfte der Regelstudienzeit benötige. Ich schließe aber auch nicht aus, dass ich ewig an der OGS Auf der Emst bleibe. Aktuell fühle ich mich pudelwohl.“
Sein Rat an alle startenden Azubis? „Habt Spaß an dem was ihr macht. Gerade aus schlechten Tagen lernt man und es ergeben sich neue Chancen. Fragen kostet nichts, nehmt die Hilfe und Unterstützung an, die euch gegeben wird.“ Für den Tag der Dienstbefreiung hat Henrik sich vorgenommen, den anstehenden Urlaub mit der Familie an der Ostsee um einen Tag zu verlängern. „Der Schützenfest-Montag oder der Iserlohn-Roosters-Sonderzug wäre auch eine Option gewesen – aber das ist noch zu lange hin“, lächelt er.
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