Meldungsdatum: 30.10.2026
Am Dienstag, 13. Oktober, nutzten viele Interessierte die Gelegenheit, den ehemaligen Oberpräsidenten der Provinz Westfalen, Ludwig Freiherr Vincke (1774-1844), im Rahmen der stadtgeschichtlichen Vortragsreihe des Stadtarchivs Iserlohn in der Volkshochschule Iserlohn zu treffen. Möglich wurde dieses Kennenlernen bei einer Lesung aus seinen persönlichen Tagebüchern. Glücklicherweise war Vincke nämlich von früher Jugend an und bis zu seinem Tod ein leidenschaftlicher Tagebuchschreiber. Immerhin 24 handgeschriebene Bände hinterließ er der Nachwelt. In einem groß angelegten Gemeinschaftsprojekt von Historischer Kommission für Westfalen, Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Münster e.V., und Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, erschien bis 2019 eine Edition der Tagebücher in elf umfangreichen Bänden.
Eine Auswahl seiner äußerst prägnanten Tagebucheinträge trug eindrücklich der Schauspieler Markus von Hagen aus Münster vor. Prof. Dr. Mechthild Black-Veldtrup, Leiterin des Landesarchivs NRW, Abteilung Westfalen, und Vorsitzende der Historischen Kommission für Westfalen, begleitete die Lesung mit einem pointierten einleitenden Vortrag zur Biografie Vinckes. Die von ihr zusammengestellten Tagebuchauszüge verband sie danach unterhaltsam in Form eines biografischen Interviews mit dem Freiherrn Vincke.
Während der Lesung wurde deutlich, dass Vincke, obgleich leitender Bürokrat, kein Schreibtischtäter war, sondern viel durch Westfalen reiste, sich mit den Lebensumständen der Bewohnerinnen und Bewohner seiner Provinz vertraut machte und sie zu verbessern suchte. Dabei machte er auch immer wieder Station in Iserlohn. Einen Bezug zur Stadt dürfte Vincke schon früh entwickelt haben, lebte er doch in seinen frühen Ehejahren nicht weit entfernt in Haus Busch bei Hagen, dem Elternhaus seiner ersten Frau.
Das Publikum konnte Aspekte der Iserlohner Stadtgeschichte im Spiegel von Vinckes Besuchen nachvollziehen, etwa wenn er ihm Fabrikant Müllensiefen auf einem Felsen über der Grüne die Stelle zeigte, an der später das Eiserne Kreuz zur Erinnerung an die Befreiungskriege errichtet werden sollte. Vincke vernetzte sich mit den führenden Vertretern der Iserlohner Kaufmannschaft wie Löbbecke und Riedel sowie Unternehmern wie Piepenstock und Rump, traf Pfarrer wie Strauß und Florschütz, Bürgermeister wie Post und Franz. Er logierte mehrfach im Gasthaus Weispfennig und unterhielt ein freundschaftliches Verhältnis zu dieser Familie. 1828 legte der Oberpräsident den Grundstein für die neue katholische Kirche. Mehrfach befasste er sich mit dem Straßenbau von Iserlohn nach Schwerte und Langschede. Er erkundigte sich über die neuesten industriellen Entwicklungen in den Fabriken in Iserlohn, Altena und Lüdenscheid. Schließlich war die Region damals eines der wirtschaftlichen Zentren der Welt und ein Vorreiter der Industrialisierung. Doch auch mit deren Schattenseiten musste sich Vincke auseinandersetzen, etwa als es in Iserlohn im November 1840 zu einem der wohl ersten Arbeiterproteste aus der Metallindustrie gegen die Firma J. H. Schmidt Söhne kam, Vincke danach Gespräche in Iserlohn führte und einen Bericht über das Armenwesen in der Stadt für die Regierung in Berlin verfasste.
Die Lesung endete mit interessierten Fragen aus dem Publikum. Anschließend gab es ausführliche und angeregte Unterhaltungen mit Brezeln und Getränken.
Prof. Dr. Mechthild Black-Veldtrup (re.) und Markus von Hagen (li.) bei der Lesung aus den Vincke-Tagebüchern.
Prof. Dr. Mechthild Black-Veldtrup (re.) und Markus von Hagen (li.) bei der Lesung aus den Vincke-Tagebüchern.
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