Pressemeldung der Stadt Bocholt

Bocholt, 15. Mai 2001

Europäisches Jugendcamp am Werbellinsee bei Berlin

Reisebericht von Klaus Held, Hohe-Giethorst-Schule

Bocholt (pd).

157 Schülerinnen und Schüler aus Rossendale, Naujoji Akmene, Doetinchem und Bocholt verbrachten eine erlebnis- und erfahrungsreiche Woche vom 22.-28. April 2001 in der ehemaligen Jugend- und Pionierrepublik Wilhelm Piek am Werbellinsee bei Berlin. Organisiert wurde dieses Schüler- und Jugendcamp von der Hohe-Giethorst-Schule und der Europäischen Staatsbürgerakademie Bocholt.

Seit fast 3 Schuljahren befinden sich nun schon die Schüler der Klassen 7a und 7b der Hohe-Giethorst-Schule in Bocholt auf Europakurs. Unter dem Motto: "Wer trägt Europa, wenn nicht wir – die Jugend?" waren sie im 5. Schuljahr damit angefangen, ihre Unterrichtsthemen und –aktivitäten ganz auf Europa abzustimmen. Zusammen mit ihren Partnerschulen `t Brewinc aus Doetinchem, der All Saints High School aus Rossendale und der Sauletekis-Secondary-School aus Naujoji Akmene nehmen sie auch zur Zeit an einem Comenius-Projekt teil. Doch was nützt die beste Partnerschaft, wenn sie sich lediglich auf Brief-, Medien- und Internetkontakte beschränkt? Aus diesem Grund beschlossen die Projektlehrer der beteiligten Schulen, zusammen mit der ESTA in Bocholt, ein großes Jugendcamp zum Kennenlernen auf dem Gelände der ehemaligen Pionierrepublik Wilhelm Piek am Werbellinsee durchzuführen. Dort, wo vor dem Fall der Mauer die jungen Pioniere der DDR mit Jugendlichen aus der damaligen kommunistischen Welt ihre Spartakiaden abhielten, trafen sich Schülerinnen und Schüler aus den westlichen Staaten mit ihren neuen Freunden aus dem ehemals kommunistischen Litauen. Möglich gemacht aber hatte dieses Treffen erst die umfangreiche Unterstützung der Stadt Bocholt und das großzügige Sponsoring einiger Bocholter Banken und Firmen.

Erwartungsvoll standen die Bocholter Schüler mit ihren Eltern auf dem Schulhof der Hohe-Giethorst-Schule und warteten auf die Schüler der Partnerschulen aus Doetinchem und Rossendale. Für letztere hatte die ESTA im Europainstitut ein Frühstück vorbereitet, da sie die Nacht durch gefahren waren und aufgrund der Maul- und Klauenseuche keinen eigenen Proviant mitnehmen durften. Auch für die Schüler aus den benachbarten Niederlanden war von der ESTA ein Lunchpaket vorbereitet worden. Es war also an alles gedacht worden. Gegen 10.30 Uhr ging es Richtung Berlin. Unterwegs gab es nicht nur bei den Pausen reichlich Gelegenheit, erste Kontakte zu schließen. Auch die Tatsache, dass 3 Nationen in zwei Bussen fuhren, half mit, erste Hemmungen abzubauen. Nach dem Abendessen und der Zimmerbelegung traf man sich in der Disco, wo Herr Dierkes von der ESTA alle Teilnehmer begrüßte und das Programm der Woche vorstellte. Anschließend gab es für die, die nach der langen Busfahrt immer noch nicht müde waren, reichlich Zeit, um noch so richtig "abzuzappeln".

Am Montag wurden die Schülerinnen und Schüler in insgesamt 10 gemischte Gruppen aufgeteilt. Hier hatten sie die Gelegenheit, sich mit Hilfe von Steckbriefen und Interviews näher kennen zu lernen und anschließend mit dem mitgebrachten Bild- und Textmaterial ihre Stadt und ihre Region vorzustellen. Abschließend wurden die Collagen in den beiden Unterkunftshäusern ausgestellt und zur Besichtigung freigegeben. Die Gespräche und Vorträge fanden an diesem Tag, wie auch während der ganzen Woche, in englischer Sprache statt. Den Abschluss des ersten Tages bildete der Film "Mr. Bean" im Kino, das ebenso wie die Disco, Sporthalle, Fußballplatz, Kegelbahn, Schwimmbad, Kiosk, Friseur, Spielplatz, und Strandcafe zum Freizeitbereich des Geländes gehört. Am Dienstag morgen hieß es früher aufstehen. Denn pünktlich um 8.00 Uhr ging es Richtung Berlin. Nach dem Besuch des Reichstages und des Technikmuseums stand Shopping in den Berliner Arkaden auf dem Programm. Wer etwas mehr für die historische Bildung tun wollte, konnte noch die "Topografie des Terrors" besuchen, eine Ausstellung über das sogenannte "Dritte Reich" auf dem ehemaligen Grundstück des NS-Reichssicherheitshauptamtes. Von hier aus erhielten vom damaligen Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei Heinrich Himmler die Gestapostellen im dritten Reich ebenso wie die politischen Abteilungen in den Konzentrationslagern ihre Weisungen und Befehle. Hier befand sich die Befehlszentrale für das System der Höheren SS- und Polizeiführer, das nicht nur das ehemalige deutsche Reichsgebiet, sondern alle Gebiete Europas umfasste, die von deutschen Truppen besetzt wurden. Hier wurden die berüchtigten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei aufgestellt, die in Polen und der Sowjetunion auf unvorstellbare Weise mordeten, und hier wurde auch der Völkermord an den europäischen Juden und Sinti und Roma geplant und organisiert. Nach dem Abendessen war wieder etwas leichtere Kost angesagt. Techno und Hip Hop standen auf dem Speiseplan von DJ Lars Normann.

Sportlich ging es am Mittwoch morgen zu. In national gemischten Gruppen konnten die Jugendlichen zwischen Fußball, Kegeln, Völkerball und Basketball wählen. Am Nachmittag dann wurde in nationalen Gruppen ein Kulturprogramm für den Abschiedsabend überlegt und anschließend eingeübt. Die Jugendlichen aus Bocholt hatten sich dabei für den Kunterdanz, den "Biemenhorster Erlkönig" als Pantomime und das Lied "Im schönen Deutschland" entschieden. Dazu wurde von jeder Gruppe eine Fantasiefahne aus den Farben und Emblemen der vier Nationen erstellt.

Zum Kaffee kam dann hoher Besuch. Der ehemalige deutsche Botschafter in Litauen, Dr. Ulrich Rosengarten, ließ es sich nicht nehmen, die litauischen und deutschen Jugendlichen am Werbellinsee zu besuchen.

Vor dem Abendessen nutzten einige Klassen das gute Wetter, um am Strand ein Eis zu essen. Wie schon am Vortag war auch an diesem Tag die Disco für die meisten Jugendlichen der krönende Abschluss eines diesmal nicht ganz so anstrengenden Tages.

Für den Donnerstag standen die Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen und ein Besuch beim Schiffshebewerk Niederfinow auf dem Programm. Speziell in Sachsenhausen wurden selbst sonst vorlaute Jugendliche kleinlauter. Zu unvorstellbar war für einige Jugendliche das Ausmaß des Grauens, was sie hier in Film und Ausstellungen präsentiert bekamen. Häufig wurde auch die Frage gestellt, wie so etwas denn möglich gewesen sei. Selbst im Bus nutzten viele Jugendliche noch die Möglichkeit, mit den Lehrern über dieses dunkle Kapitel deutscher Vergangenheit zu diskutieren, da noch viele Fragen auf dem Rundgang unbeantwortet geblieben waren.

Umso entspannter ging es dann bei der Besichtigung des Schiffshebewerkes Niederfinow zu. Mit dem Fährschiff "Müller" hatten die Jugendlichen selbst die Möglichkeit, sich in einer Art "Badewanne" 36 Meter tief absenken zu lassen, um dann, nach einer Ehrenrunde auf dem Finowkanal, mit dem Schiffshebewerk wieder aufwärts zu fahren. Der Sonnenschein bildete den würdigen Rahmen für dieses Erlebnis und machte auch diesen Tag für viele Jugendliche zu einem unvergesslichen Ereignis.

Den letzten Tag ließ man geruhsam angehen. Nach dem Besuch im Eberswalder Tierpark, wo manche Schüler zwar nicht Pferde, aber einen Löwen "kotzen" sehen konnten, nutzten die einzelnen Klassen den Nachmittag, um ihrem Kulturprogramm noch den letzten Schliff zu geben, bevor es dann am Abend hieß: Vorhang auf zum Abschiedsabend. Es war schon beeindruckend, was die Jugendlichen in der Kürze der Zeit zusammen gestellt hatten. Im Anschluss an die einzelnen Vorträge überreichte der Schulleiter der Hohe-Giethorst-Schule, Andreas Böing, jedem Jugendlichen eine Erinnerungsurkunde und den Schulen Pokale.

Eine Woche, in der viele neue Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen sowie englische Sprachkenntnisse erprobt und erweitert wurden, ging damit zu Ende. Was blieb, war der Wunsch, sich irgendwann und irgendwo einmal wiederzusehen. Fürs Erste wurden zunächst die Adressen ausgetauscht und die Tränen abgewischt, die zumindest den Lehrern dokumentierten, dass hier mehr abgelaufen war als eine herkömmliche Klassenfahrt zum Werbellinsee.

Nach dem Frühstück am Samstagmorgen hieß es dann, endgültig Abschied zu nehmen, zumindest von den Litauern. Die anderen blieben noch bis zur abendlichen Ankunft in Bocholt in den Bussen zusammen, bevor es auch für sie hieß, auf Wiedersehen zu sagen. Für die Briten gab es im Europainstitut noch ein Abendessen als Stärkung vor einer langen Nacht im Bus.

Wer mehr über die Fahrt und das Europa-Projekt erfahren möchte, kann das im Internet unter der Adresse: jump.to/comenius tun. Hier stehen auch die Artikel der Jugendlichen, die diese in der jeweiligen Heimatsprache an jedem Abend geschrieben haben.

Text und Foto: Klaus Held, Hohe-Giethorst-Schule Tel.: 02871/ 15885


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Schülergruppe vor dem Reichstag
Schülergruppe aus Bocholt vor dem Reichstag