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Training statt Knast
Im "Anti-Gewalt-Training" lernen junge Straftäter den Umgang mit Wut, Ärger und Gewalt
Borken - 10. Juni 2002. "Der hat mich einfach die ganze Zeit so blöd angeglotzt, da musste ich zuschlagen" sagt Bernd dem Jugendrichter (Name von der Redaktion geändert). Bernd steht wegen Körperverletzung vor dem Jugendgericht.
Das Urteil: Sozialdienst in einer sozialen Einrichtung und die Verpflichtung zur Teilnahme an einem Anti-Gewalt-Training. In diesem Training trifft Bernd auf fünf andere junge Männer. Sie sind wegen Körperverletzung, Raub, Nötigung oder schwerem Diebstahl verurteilt. Jetzt nehmen sie an dem Training teil, den der Fachbereich Jungend und Familie der Stadt Borken und die Evangelische Jugendhilfe Münsterland gemeinsam anbieten. Die jungen Männer wissen: Wenn sie sich noch etwas zuschulden kommen lassen, geht`s in den Knast.
"Die Jugendrichter haben hiermit die Möglichkeit, in Einzelfällen als Alternative zu Arrest die Weisung zur Teilnahme an einem solchen Training auszusprechen", erläutert Gudrun Hellhammer, Diplom Sozialpädagogin vom Borkener Jugendamt. Alfred Gerhards, Diplom Pädagoge und Soziotherapeut von der Evangelischen Jugendhilfe leitet das Training. Zusammen mit Hellhammer wurde das Konzept für das Anti-Gewalt-Training entwickelt. Unter fachlicher Begleitung und Anleitung wird die Straftat des einzelnen Jugendlichen detailliert aufgearbeitet. Dabei soll der Jugendliche lernen, in Konfliktsituationen keine Gewalt anzuwenden.
Über drei Monate lang, jeweils ein- bis zweimal in der Woche, treffen sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Räumlichkeiten der Evangelischen Jugendhilfe. Vor Beginn des Trainings wird ein verbindlicher Trainingsvertrag mit ihnen abgeschlossen. Zu diesem Regelwerk gehört Mitarbeit, Pünktlichkeit, Schweigepflicht, Offenheit, keine Drogen und keine Gewalt.
Idealtypisches Hauptziel des Trainings ist es, dass es den Teilnehmern gelingt, zukünftig ein Leben zu führen, ohne selbst gewalttätig zu werden. "Gewalt als Konfliktlösungsstrategie" erläutert Gerhards, "muss aus den Köpfen der Jugendlichen verbannt werden." Neben der Einzelfallbetreuung steht der Erfahrungsaustausch in der Gruppe im Vordergrund. Die Auseinandersetzung mit der Tat gehört ebenso dazu wie die Frage nach den Folgen. In dem Training sollen die Jugendlichen für den kriminellen Tatbestand ihrer Handlung sensibilisiert werden.
Das Erlernen von "konstruktivem Konfliktverhalten" hat bei Bernd schon, wie er selbst sagt, nach einigen Trainingseinheiten "etwas gebracht". "Heute erkenne ich viel früher, wenn ich Gefahr laufe auszurasten. Dann nehme ich mich bewusst zurück." Die hohe Gewaltbereitschaft hat oft etwas mit mangelndem Selbstbewusstsein und dem mangelnden Selbstwertgefühl zu tun, sind sich die beiden Pädagogen einig. "Auch das ist ein Ansatzpunkt", so Gerhards.
Während der Trainings-Zeit steht auch ein Besuch in einer Jugendvollzugsanstalt auf dem Programm. Die Abschreckung wirkt. Angst vor dem Knast haben sie alle. "Selbst die sogenannten harten Jungs lassen bei dem Besuch den weichen Kern erkennen", berichtet Hellhammer von dem letzten Gefängnisbesuch mit der Gruppe.
Was passiert, wenn die Straftäter an den Trainingsabenden nicht teilnehmen und damit das Hilfsangebot ausschlagen? Es droht eine erneute Verurteilung durch das Jugendgericht. "Natürlich haben wir keine 100-prozentige Erfolgsquote", so der Pädagoge Gerhards. Die meisten aber nehmen das Angebot an. "Wer sich helfen lassen will, dem hilft auch dieses Training", ist sich Hellhammer sicher, die Quote der Wiederholungstäter zu minimieren.
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