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Leverkusen, 08. Mai 2000

Erklärung von Oberbürgermeister Paul Hebbel

Anlässlich des 55. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges erhalten Sie als Anlage eine Erklärung von Oberbürgermeister Paul Hebbel mit der Bitte um Veröffentlichung:

55. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai - Presseerklärung

Leverkusen, 8. Mai 2000

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Leverkusenerinnen und Leverkusener,

am 8. Mai 1945 schwiegen in Europa die Waffen. Mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands endeten sechs Jahre Krieg, die mit dem Überfall auf Polen 1939 begannen und schließlich die gesamte Welt in Mitleidenschaft zogen. Nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 endete der Zweite Weltkrieg am 2. September schliesslich auch in Japan. Millionen Menschen sind diesem mörderischen Krieg zum Opfer gefallen.

Der 55. Jahrestag des Kriegsendes ist ein Anlass zur Rückbesinnung. Dieser Tag gilt dem Gedenken an die Opfer, die in diesem Krieg zu Tode gekommen sind. Es ist ein Tag, an dem wir innehalten und uns darauf besinnen sollten, wie dankbar wir für die lange Epoche des Friedens und der Freiheit sein dürfen. Wer sich in der Welt umsieht weiß, dass unser Friede nicht selbstverständlich ist. Auch in Europa haben viele Menschen erst in jüngster Zeit wieder die Grausamkeit von Kriegen erleben müssen.

Für Leverkusen endet der Krieg am 15. April 1945. Viele Menschen in unserer Stadt erinnern sich noch sehr gut daran. Seit 1940 waren sie regelmäßig bei Fliegeralarm in Keller und Bunker geflüchtet. Seit 1943 hatten sie verstärkte Luftangriffe erlebt. Seit das linksrheinische Köln am 6. März von den amerikanischen Truppen eingenommen worden war, lag Leverkusen unmittelbar unter Beschuss. So starben noch am 12. März sieben Kinder durch einen Granateinschlag am Bunker in der Niederfeldstraße und 13 weitere wurden verletzt. Die letzten und sinnlosesten Opfer in unserer Stadt waren mehrere 16jährige, die noch am 15. April fielen. Aufgehetzt durch die Kriegspropaganda hatten sie in Küppersteg das Feuer auf die nahenden amerikanischen Panzer eröffnet, nur wenige Stunden bevor der nationalsozialistische Bürgermeister am Rathaus die Stadt an die 94. US-Infanterie-Division übergab,

Die Bilanz der 12jährigen Naziherrschaft und des von ihnen angezettelten Kriegs ist verheerend:

Allein aus unserer Stadt wurden mehr als 100 Menschen wegen ihrer jüdischen Herkunft, aus politischen Gründen oder als Behinderte ermordert. Soweit bekann, starben 372 Zwangsarbeiter, bzw. Zwangsarbeiterinnen durch Bombenangriffe, an Krankheiten, Erschöfpung oder den Folgen von Misshandlungen. Die tatsächliche Zahl ist wahrscheinlich höher. Mehr als 2000 Soldaten und fast 1000 Zivilisten aus dem heutigen Stadtgebiet wurden im Krieg getötet. 1950 wurden noch 2076 Soldaten und 465 Zivilisten vermisst, und immer noch sind nicht alle Fälle aufgeklärt.

Hinter jeder dieser Zahlen steht das Schicksal eines Menschen.

Wer wäre angesichts solcher Schicksale nicht betroffen?

Wer denkt nicht auch an die Opfer, die heute in aller Welt Kriegen zum Opfer fallen, an Kindersoldaten und die Opfer von Landminen?

Vor 55 Jahren begann in Leverkusen die längste friedliche Epoche unserer Geschichte. "Ein Trümmerfeld und ein Chaos ohnegleichen ist uns hinterlassen worden," schrieb der 1933 von den Nationasozialisten aus dem Amt getriebene Bürgermeister Heinrich Claes, als er 1945 als erster demokratischer Bürgermeister sein Amt wieder aufnahm.

Seine Generation hat mit dem Wiederaufbau unserer Stadt unter großen Entbehrungen und Mühen Herausragendes geleistet. Auch daran sollten wir heute denken und dankbar sein, wie entschlossen sich damals die Frauen und Männer der ersten Stunde daran gemacht haben, unsere Gesellschaft neu zu gestalten.

Unser Gemeinwesen, unser heutiges Leben in Wohlstand, Frieden und in einer wohlgeordneten freiheitlich demokratischen Lebensform sind keine Selbstverständlichkeit. Vielleicht sollten wir uns dies öfter einmal bewusst machen. Sicher hilft dies auch, unsere heutigen Probleme mit etwas mehr Gelassenheit zu betrachten und unsere heutigen Aufgaben mit größerer Zuversicht anzupacken.

Paul Hebbel

Oberbürgermeister

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