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Magdeburg, 07. Februar 2003
herzflimmern
2. Theaterfest in der Kammer

Magdeburg. "Herzflimmern" ist das 2. Theaterfest der Freien Kammerspiele in dieser Spielzeit überschrieben. Neben zwei Premieren gibt es am Freitag, 14., und Sonnabend, 15. Februar, interessante Tanzgastspiele sowie zwei Lesungen junger Dramatiker. Am 15.2.203 steht die Uraufführung von "Olive-Generation" der jungen deutsch-griechischen Autorin Tanjana Tsouvelis im großen Saal auf dem Programm. Regie führt Christian Schlüter. Die Ausstattung besorgte Iris Kraft. Der Inhalt: Eine kleine Gruppe von Freaks führen in ihrem Programmkino, in dem ausschließlich japanische Kunstfilme laufen, einen verzweifelten Kampf für ihre Vision von einem besseren Kino und eilen dabei von Niederlage zu Niederlage. Zu schaffen machen ihnen vor allem die verworrenen eigenen Herzensangelegenheiten, die unaufhörlich steigende Temperatur der maroden Heizung und die übermächtige Konkurrenz der benachbarten Multiplexanlage. In ruhigen, klaren Bildern zeichnet Tanjana Tsouvelis das Bild einer Generation, die zwar von Olivenhandel im Internet leben kann, aber dennoch getrieben ist von der Sehnsucht nach einem Leben mit Liebe vor dem Frühstück und japanischen Film ganz groß in Cinemascope. Tanjana Tsouvelis sagt im Gespräch über ihr Stück: "...Mich hat interessiert, dass da eine altersmäßig bunt zusammengewürfelte Gruppe von Leuten ein Projekt verfolgt, das eigentlich ein ruinöses Unternehmen ist... dass zwischenmenschliche Wärme für sie wichtiger ist als volle Kassen, dass sie einen tapferen Kampf für ein besseres Kino kämpfen. Das alles scheint heute gesellschaftlich ein Auslaufmodell zu sein. ... Für mich sind diese Leute auch so etwas wie die letzten Idealisten." Und über die im Stück angelegte Komik sagte sie: "Die Situation dieser Leute erinnert daran, dass jemand versucht, Wasser aus einem Boot zu schippen, aber von außen sieht man: Das Boot geht sowieso unter. Das ist komisch und tragisch zugleich." Die deutsch-griechische Autorin, Schauspielerin und Regisseurin (Jahrgang 1966) lebt in Berlin und Athen. 1996 gewann sie ein Stipendium des Londoner Royal Court Theatre. 1999 war sie Jahresstipendiatin der Akademie der Künste in Berlin. Tanjana Tsouvelis wird zur Uraufführung ihres Stückes anwesend sein. Der Regisseur Christian Schlüter studierte Schauspieltheaterregie bei Jürgen Flimm in Hamburg und war 1994-98 Regieassistent am Hamburger Thalia Theater. Schlüter inszenierte am Thalia Theater Hamburg, in Tübingen, Zürich, Bielefeld, Essen und Bochum. Im Oktober 2001 gastierte seine Inszenierung "Howie the Rookie" von Mark O’Rowe an den Freien Kammerspielen Magdeburg (Produktion des Thalia Theaters Hamburg). Am Tag zuvor, am 14.2.2003, hat "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller Premiere. Die Regie liegt in den Händen von Sascha Hawemann, die Ausstattung besorge Alexander Wolf. Ferdinand liebt Luise, Luise liebt Ferdinand. Aber Luise lebt mit ihren Eltern in einfachen Verhältnissen, während Ferdinand als Sproß eines hochgestellten Vaters am Anfang einer schnellen Karriere steht. Für Luise treibt das große neue Gefühl die enge Welt ihrer Herkunft aus den Fugen. Für Ferdinand ist die ungleiche Verbindung ein Akt der Rebellion und Gelegenheit, mit dem mächtigen Vater die Kräfte zu messen. Doch der ist nicht bereit, die Provokation hinzunehmen. Auch Luises Eltern setzen der Liebe ihrer Tochter Widerstand entgegen. Unter dem Druck der fremden Interessen wird aus der Zuneigung des jungen Paars eine schreckliche Liebe... Mit Josip Culjak als Ferdinand und Christiane Höfler als Luise.

Tanztheatergastspiele

Neben den Premieren Theaterfestangebot an beiden Tagen durch herausragende Tanztheatergastspiele erweitert. Die polnisch-finnische Theatergruppe TRAVA (polnisch: grünes Gras) eröffnet das "Tanztheater special" am Freitag, 14. Februar, 21.30 Uhr, mit ihren beiden Stücken "Station Kautschuk" und "Hahmomania". Heini Nukari und Anna Jankowska fanden sich 1998 als ausgebildete Musikerinnen, die tanzen wollten, und sind heute Tänzerinnen, die auch singen. Das zweite Gastspiel am Sonnabend, 15. Februar, 21.30 Uhr, gestaltet das "Tanz-Paket" Berlin mit drei sehr unterschiedlichen Arbeiten. Der Tänzer Gerhard Maaß zeigt mit "König.Deutschland" eine eigene Choreografie, in der er so witzig wie einfallsreich zu Musik von Brecht/Weills "Mahagonny", O-Ton Richard Stücklen und skurrilen Wortfetzen einer Bundestagsabstimmung eine Politikerkarriere illustriert. "Interpretation eines unbekannten Textes" heißt der Untertitel der Choreografie "Aria" von Holger Bey nach Musik von John Cage, getanzt von Gundula Peuthert und Elena Sommer. Den dritten Teil des "Tanz-Pakets" bestreitet die "wee dance company". Die Kompagnie wurde 1999 in Berlin als freie internationale Tanztheatergruppe gegründet. "Laß uns nochmal drüber schlafen" heißt die Eigenproduktion von Marko E. Weigert, Sommer Ulrickson und Dan Pelleg und zeigt temperamentvoll-ironisch individuelle Varianten, den Sinn des Lebens zu definieren und den "diesbezüglich besten Weg" zu finden.

Neue Texte zum Theaterfest

Außerdem zwei interessante Nachwuchs-Dramatiker eingeladen. David Gieselmann liest am Freitag, 14. Februar, 21.30 Uhr aus seinem neuen Stück "Plantage". "Autofahren in Deutschland" heißt das Stück, das Ulrike Syha am 2. Theaterfesttag, am Sonnabend, 15. Februar, 21.30 Uhr, vorstellt. Vorlage für "Plantage" ist Tschechows "Kirschgarten", den David Gieselmann als Haschischplantage vor die Tore Berlins in die Mark Brandenburg verlegt. Der Plot lässt einiges erwarten. David Gieselmann, Jahrgang 1972, erlebte nach seinem Studium "Szenisches Schreiben" an der Berliner Hochschule der Künste und den Inszenierung eigener Stückprojekte in der freien Theaterszene einen geradezu kometenhaften Aufstieg als deutscher Jungautor. Nach der Teilnahme an der "Summer School" des Londoner Royal Court Theatre wurde sein dort uraufgeführter "Herr Kolpert" ein Riesenerfolg, in zahlreiche Sprachen übersetzt und u.a. in Finnland, Griechenland, Schweden, Australien, Deutschland (2000, Schaubühne Berlin) aufgeführt. Die 1976 in Wiesbaden geborene Autorin erhielt 2002 für "Autofahren in Deutschland" den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker. Hugo fährt Auto in Deutschland. Mietwagen möglichst, denn er ist auf der Flucht. Marthe ist seine Lebensgefährtin am anderen Ende der Republik, sie sehen sich selten. Dafür wird sie von Hugos Freund und Finanzberater Lorenz belagert. Doch auch er ist nicht nur Jäger, sondern gleichermaßen Gejagter. Lorenz fühlt sich von zwei ominösen Bulgaren verfolgt, wird aber schließlich von seiner Exfrau Cleo gestellt. Ulrike Syha hat mit "Autofahren in Deutschland" einen theatralischen Roadmovie vorgelegt, wie David Lynch ihn geschrieben hätte, wenn er Deutscher gewesen wäre. Die Autorin studierte Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn-Bartholdy" in Leipzig und war Regieassistentin am Schauspiel Leipzig, wo im September 2001 auch ihr Debütstück "Kunstrasen" uraufgeführt wurde. "Autofahren in Deutschland" wurde im November 2002 am Thalia Theater Hamburg uraufgeführt.

Der Überblick: 14./15.2 Theaterfest #2 herzflimmern 14.2.2002 19 Uhr Bühne - Premiere: "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller, Regie: Sascha Hawemann, Ausstattung: Alexander Wolf 21.30 Uhr Studio - Tanztheater special: theatregroup TRAVA: "Station Kautschuk", "Hahmomania" 21.30 Uhr wort/werk - David Gieselmann (Berlin) liest aus seinem neuen Stück "Plantage" ca. 23 Uhr nachtcafé laut: Theaterfestparty mit DJ

15.2.2003 19 Uhr Bühne - Premiere "Olive-Generation" (Uraufführung) von Tanjana Tsouvelis, Regie: Christian Schlüter 21.30 Uhr Studio - Tanztheater special: Tanz-Paket Berlin: "König Deutschland", "Aria", "Laß und nochmal darüber schlafen" 21.30 Uhr wort/werk – Ulrike Syha liest aus ihrem Stück "Autofahren in Deutschland" ca. 23 Uhr nachtcafé laut: Theaterfestparty mit DJ

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