herzflimmern
2. Theaterfest in der Kammer
Magdeburg.
"Herzflimmern" ist das 2. Theaterfest der Freien Kammerspiele in dieser
Spielzeit überschrieben. Neben zwei Premieren gibt es am Freitag, 14.,
und Sonnabend, 15. Februar, interessante Tanzgastspiele sowie zwei
Lesungen junger Dramatiker. Am 15.2.203 steht die Uraufführung von
"Olive-Generation" der jungen deutsch-griechischen Autorin Tanjana
Tsouvelis im großen Saal auf dem Programm. Regie führt Christian
Schlüter. Die Ausstattung besorgte Iris Kraft.
Der Inhalt: Eine kleine Gruppe von Freaks führen in ihrem Programmkino,
in dem ausschließlich japanische Kunstfilme laufen, einen verzweifelten
Kampf für ihre Vision von einem besseren Kino und eilen dabei von
Niederlage zu Niederlage. Zu schaffen machen ihnen vor allem die
verworrenen eigenen Herzensangelegenheiten, die unaufhörlich steigende
Temperatur der maroden Heizung und die übermächtige Konkurrenz der
benachbarten Multiplexanlage. In ruhigen, klaren Bildern zeichnet
Tanjana Tsouvelis das Bild einer Generation, die zwar von Olivenhandel
im Internet leben kann, aber dennoch getrieben ist von der Sehnsucht
nach einem Leben mit Liebe vor dem Frühstück und japanischen Film ganz
groß in Cinemascope. Tanjana Tsouvelis sagt im Gespräch über ihr Stück:
"...Mich hat interessiert, dass da eine altersmäßig bunt
zusammengewürfelte Gruppe von Leuten ein Projekt verfolgt, das
eigentlich ein ruinöses Unternehmen ist... dass zwischenmenschliche
Wärme für sie wichtiger ist als volle Kassen, dass sie einen tapferen
Kampf für ein besseres Kino kämpfen. Das alles scheint heute
gesellschaftlich ein Auslaufmodell zu sein. ... Für mich sind diese
Leute auch so etwas wie die letzten Idealisten." Und über die im Stück
angelegte Komik sagte sie: "Die Situation dieser Leute erinnert daran,
dass jemand versucht, Wasser aus einem Boot zu schippen, aber von außen
sieht man: Das Boot geht sowieso unter. Das ist komisch und tragisch
zugleich."
Die deutsch-griechische Autorin, Schauspielerin und Regisseurin
(Jahrgang 1966) lebt in Berlin und Athen. 1996 gewann sie ein
Stipendium des Londoner Royal Court Theatre. 1999 war sie
Jahresstipendiatin der Akademie der Künste in Berlin. Tanjana Tsouvelis
wird zur Uraufführung ihres Stückes anwesend sein.
Der Regisseur Christian Schlüter studierte Schauspieltheaterregie bei
Jürgen Flimm in Hamburg und war 1994-98 Regieassistent am Hamburger
Thalia Theater. Schlüter inszenierte am Thalia Theater Hamburg, in
Tübingen, Zürich, Bielefeld, Essen und Bochum. Im Oktober 2001 gastierte
seine Inszenierung "Howie the Rookie" von Mark O’Rowe an den Freien
Kammerspielen Magdeburg (Produktion des Thalia Theaters Hamburg).
Am Tag zuvor, am 14.2.2003, hat "Kabale und Liebe" von Friedrich
Schiller Premiere. Die Regie liegt in den Händen von Sascha Hawemann,
die Ausstattung besorge Alexander Wolf.
Ferdinand liebt Luise, Luise liebt Ferdinand. Aber Luise lebt mit ihren
Eltern in einfachen Verhältnissen, während Ferdinand als Sproß eines
hochgestellten Vaters am Anfang einer schnellen Karriere steht. Für
Luise treibt das große neue Gefühl die enge Welt ihrer Herkunft aus den
Fugen. Für Ferdinand ist die ungleiche Verbindung ein Akt der Rebellion
und Gelegenheit, mit dem mächtigen Vater die Kräfte zu messen. Doch der
ist nicht bereit, die Provokation hinzunehmen. Auch Luises Eltern setzen
der Liebe ihrer Tochter Widerstand entgegen. Unter dem Druck der fremden
Interessen wird aus der Zuneigung des jungen Paars eine schreckliche
Liebe... Mit Josip Culjak als Ferdinand und Christiane Höfler als Luise.
Tanztheatergastspiele
Neben den Premieren Theaterfestangebot an beiden Tagen durch
herausragende Tanztheatergastspiele erweitert. Die polnisch-finnische
Theatergruppe TRAVA (polnisch: grünes Gras) eröffnet das "Tanztheater
special" am Freitag, 14. Februar, 21.30 Uhr, mit ihren beiden Stücken
"Station Kautschuk" und "Hahmomania". Heini Nukari und Anna Jankowska
fanden sich 1998 als ausgebildete Musikerinnen, die tanzen wollten, und
sind heute Tänzerinnen, die auch singen.
Das zweite Gastspiel am Sonnabend, 15. Februar, 21.30 Uhr, gestaltet das
"Tanz-Paket" Berlin mit drei sehr unterschiedlichen Arbeiten. Der Tänzer
Gerhard Maaß zeigt mit "König.Deutschland" eine eigene Choreografie, in
der er so witzig wie einfallsreich zu Musik von Brecht/Weills
"Mahagonny", O-Ton Richard Stücklen und skurrilen Wortfetzen einer
Bundestagsabstimmung eine Politikerkarriere illustriert. "Interpretation
eines unbekannten Textes" heißt der Untertitel der Choreografie "Aria"
von Holger Bey nach Musik von John Cage, getanzt von Gundula Peuthert
und Elena Sommer. Den dritten Teil des "Tanz-Pakets" bestreitet die "wee
dance company". Die Kompagnie wurde 1999 in Berlin als freie
internationale Tanztheatergruppe gegründet. "Laß uns nochmal drüber
schlafen" heißt die Eigenproduktion von Marko E. Weigert, Sommer
Ulrickson und Dan Pelleg und zeigt temperamentvoll-ironisch individuelle
Varianten, den Sinn des Lebens zu definieren und den "diesbezüglich
besten Weg" zu finden.
Neue Texte zum Theaterfest
Außerdem zwei interessante Nachwuchs-Dramatiker eingeladen. David
Gieselmann liest am Freitag, 14. Februar, 21.30 Uhr aus seinem neuen
Stück "Plantage". "Autofahren in Deutschland" heißt das Stück, das
Ulrike Syha am 2. Theaterfesttag, am Sonnabend, 15. Februar, 21.30 Uhr,
vorstellt.
Vorlage für "Plantage" ist Tschechows "Kirschgarten", den David
Gieselmann als Haschischplantage vor die Tore Berlins in die Mark
Brandenburg verlegt. Der Plot lässt einiges erwarten. David Gieselmann,
Jahrgang 1972, erlebte nach seinem Studium "Szenisches Schreiben" an der
Berliner Hochschule der Künste und den Inszenierung eigener
Stückprojekte in der freien Theaterszene einen geradezu kometenhaften
Aufstieg als deutscher Jungautor. Nach der Teilnahme an der "Summer
School" des Londoner Royal Court Theatre wurde sein dort uraufgeführter
"Herr Kolpert" ein Riesenerfolg, in zahlreiche Sprachen übersetzt und
u.a. in Finnland, Griechenland, Schweden, Australien, Deutschland
(2000, Schaubühne Berlin) aufgeführt.
Die 1976 in Wiesbaden geborene Autorin erhielt 2002 für "Autofahren in
Deutschland" den Kleist-Förderpreis für junge Dramatiker. Hugo fährt
Auto in Deutschland. Mietwagen möglichst, denn er ist auf der Flucht.
Marthe ist seine Lebensgefährtin am anderen Ende der Republik, sie sehen
sich selten. Dafür wird sie von Hugos Freund und Finanzberater Lorenz
belagert. Doch auch er ist nicht nur Jäger, sondern gleichermaßen
Gejagter. Lorenz fühlt sich von zwei ominösen Bulgaren verfolgt, wird
aber schließlich von seiner Exfrau Cleo gestellt. Ulrike Syha hat mit
"Autofahren in Deutschland" einen theatralischen Roadmovie vorgelegt,
wie David Lynch ihn geschrieben hätte, wenn er Deutscher gewesen wäre.
Die Autorin studierte Dramaturgie an der Hochschule für Musik und
Theater "Felix Mendelssohn-Bartholdy" in Leipzig und war
Regieassistentin am Schauspiel Leipzig, wo im September 2001 auch ihr
Debütstück "Kunstrasen" uraufgeführt wurde.
"Autofahren in Deutschland" wurde im November 2002 am Thalia Theater
Hamburg uraufgeführt.
Der Überblick:
14./15.2 Theaterfest #2 herzflimmern
14.2.2002
19 Uhr Bühne - Premiere: "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller,
Regie: Sascha Hawemann, Ausstattung: Alexander Wolf
21.30 Uhr Studio - Tanztheater special: theatregroup TRAVA: "Station
Kautschuk", "Hahmomania"
21.30 Uhr wort/werk - David Gieselmann (Berlin) liest aus seinem neuen
Stück "Plantage"
ca. 23 Uhr nachtcafé laut: Theaterfestparty mit DJ
15.2.2003
19 Uhr Bühne - Premiere "Olive-Generation" (Uraufführung) von Tanjana
Tsouvelis, Regie: Christian Schlüter
21.30 Uhr Studio - Tanztheater special: Tanz-Paket Berlin: "König
Deutschland", "Aria", "Laß und nochmal darüber schlafen"
21.30 Uhr wort/werk – Ulrike Syha liest aus ihrem Stück "Autofahren in
Deutschland"
ca. 23 Uhr nachtcafé laut: Theaterfestparty mit DJ
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