Maikundgebung
02.05.2003 | Herten
Rede von Bürgermeister Klaus Bechtel
1. Mai 2003 – Maikundgebung auf dem Marktplatz in der Hertener Innenstadt - Rede von Bürgermeister Klaus Bechtel:
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Kolleginnen und Kollegen,
seit über 100 Jahren feiern wir den 1. Mai als Tag der Arbeit. Die Veranstaltungen an diesem Tag sind eine Demonstration für Arbeit und soziale Gerechtigkeit. In Deutschland haben Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit der Kraft der Gewerkschaften in den letzten Jahrzehnten viel erreicht :
- Die deutschen Löhne sind mit die höchsten in der Welt.
- Wir haben Gesetze und Tarifverträge, die beispielhaft die Rechte von Arbeitnehmern festschreiben
- und wir haben ein dichtes soziales Netz, das dafür sorgt, dass die Menschen in unserem Land im Alter und bei Krankheit abgesichert sind, das arbeitslos werdende Frauen und Männer unterstützt werden und das für viele Notlagen Hilfen bietet.
- dass es zum einen nur noch schwer durchschaubar ist
- und zum anderen auch vielfachen Missbrauch ermöglicht.
- Bündnisse für Arbeit, Runde Tische, präsentieren sich den Bürgern als Gesprächskreise, wo jede Seite peinlichst darauf bedacht ist, ihren Standpunkt zu verteidigen
- Jeder pflegt seine Besitzstände und verweigert reflexhaft jede Veränderung
- Die Arbeitslosigkeit nähert sich der 5 Mio-Grenze.
- Das Wachstum geht auf Null.
- Nach jedem Aufschwung kommen weniger Arbeitsplätze zurück als verloren gingen.
- Die öffentlichen Kassen sind leer. Mit den weniger werdenden Einnahmen leben insbesondere die Kommunen mittlerweile von der Hand in den Mund.
- Wenn eine Stadt die Straßen nicht mehr in Ordnung bringen kann,
- wenn das Geld für die Sanierung von Schulen und Sportstätten nicht mehr da ist,
- wenn Grünanlagen nicht mehr gepflegt werden können,
- wenn Vereine und Verbände nicht mehr unterstützt werden können,
- die sozialen Lasten für unsere Stadt erhöhen sich ständig
- immer höhere Leistungs-Standards werden von oben gesetzt,
- immer neue Leistungs-Gesetze werden produziert, die uns Kommunen neue Pflichtausgaben aufbürden.
- noch mehr Staat
- noch mehr Schulden
- noch höhere Steuern.
Wir setzen unseren Wohlstand aufs Spiel. Natürlich lässt sich die Steuergerechtigkeit noch verbessern. Das ändert aber nichts an dem Grundsatz, dass der Sozialstaat bezahlbar sein muss.
Auch neue Schulden, wie es einige Politiker fordern, sind das falsche Rezept. Leben wir weiter auf "Pump", verfrühstücken wir die Zukunft unserer Kinder und Enkel. Wir brauchen wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen, die uns auf längere Sicht wieder ein steigendes Wachstum bescheren – das bringt wieder Geld in die öffentlichen Kassen.
Dabei muss uns allen klar sein: unser eng geflochtenes soziales Netz ist bei fast 8 Mio Menschen, die vom Arbeitsamt ihr Geld bekommen oder von der Sozialhilfe leben, so nicht mehr finanzierbar.
Der Sozialstaat war über all die Jahrzehnte ein Erfolgsmodell. Er hat viel für den inneren Frieden getan. Er muss gesichert werden. Nur, wenn er so bestehen bliebe wie jetzt, wäre es mit dem inneren Frieden auch bald vorbei. Unseren Sozialstaat müssen wir umbauen.
Dafür brauchen wir einen festen Willen und eine Koalition der Vernunft. Was uns fehlt, ist eine "Kultur des Wandels"! Veränderung wird in unserem Land weniger als Herausforderung sondern mehr als Bedrohung empfunden.
Deshalb sage ich: Was unsere Bundesregierung jetzt vorhat, ist in dieser Situation für unser Land und seine Menschen doch keine Zumutung ! Nicht nur meiner Meinung nach sind das nur erste Ansätze, denen weitere Schritte folgen müssen. Wer bereits hierbei von sozialer Ungerechtigkeit spricht, setzt Gerechtigkeit mit der Unantastbarkeit des Bestehenden gleich. Wir haben uns angewöhnt, nur das als "gerecht" anzusehen, was jeden Besitzenden, jeden Leistungsempfänger schützt, was jede Form von Besitzstand auf Dauer garantiert. Wir haben uns angewöhnt , für nahezu alle Lebenslagen Ansprüche an den Staat zu formulieren. Was ist aber gerecht an einem Arbeitsmarkt, der so viele Menschen so systematisch ausschließt? Was ist gerecht, wenn immer mehr junge Menschen nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen? Was ist gerecht, wenn immer weniger Menschen in unserem Land immer höhere Abgaben zahlen müssen ? Wir werden es nicht schaffen, unsere Errungenschaften für uns und unsere Kinder zu erhalten oder auszubauen, wenn die Fronten so starr bleiben wie sie derzeit sind. Wer den Wohlstand in diesem Land erhalten will, der muss sich dem Veränderungsdruck stellen, der muss den Mut haben, die notwendigen Prozesse einzuleiten. Ein Risiko für Deutschland sind diejenigen, die sich festklammern am Erreichten und darin verharren und nicht diejenigen, die verändern wollen. Ich bin davon überzeugt: Wir werden die Menschen für Reformen gewinnen, wir müssen sie dabei einbeziehen. Ich bin auch davon überzeugt: Die Bürgerinnen und Bürger können die Wahrheit vertragen. Und - sie merken sehr schnell, wenn die Politik oder Interessenvertreter ihnen hier was vorgaukeln. Andere Länder haben uns in den letzten Jahren vorgemacht, wie Reformen erfolgreich umgesetzt werden. Politiker, Gewerkschafter, Verbandsvertreter: Lasst uns endlich aufhören, uns gegenseitig auszubremsen! Lasst uns den 1. Mai 2003 zum Beginn eines gemeinsamen Veränderungsprozesses machen: Im Interesse und zum Wohle aller Bürgerinnen und Bürger, in unserer Stadt, in unserem Land. Glück Auf !
Pressekontakt: Pressestelle, Peter Brautmeier, Telefon: 02366-303262



