12,7 Prozent aller Magdeburger leben mit Behinderungen
Behindertenbeauftragter Hans-Peter Pischner stellt Jahresbericht vor
Anlässlich des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen hat Magdeburgs Behindertenbeauftragter Hans-Peter Pischner für die Betroffenen Chancengleichheit, die Gewährleistung eines selbst bestimmten Lebens und wirkliche Beteiligungsmöglichkeiten im Arbeitsleben gefordert. "Einzelnen Verbesserungen für behinderte Menschen stehen grundsätzliche Probleme bei ihrer Integration und Gleichstellung gegenüber", so Pischner bei der Vorstellung seines Jahresberichtes für 2002. Darin schildert der Behindertenbeauftragte unter anderem die Lebensumstände der fast 30.000 behinderten Menschen in der Landeshauptstadt Magdeburg.
Auf dem Arbeitsmarkt, einem der wichtigsten Bereiche für die Integration behinderter Menschen, war im vergangenen Jahr eine leichte Entspannung zu verzeichnen. Im Jahresdurchschnitt waren in Magdeburg 906 Betroffene ohne Arbeit und damit rund 10 Prozent weniger als 2001. "Dieser Rückgang ist auf eine Reihe von Arbeitsförderungsmaßnahmen und das Wirken des Integrationsfachdienstes zurückzuführen", erklärt Hans-Peter Pischner. "Inzwischen hat sich die positive Tendenz wegen der insgesamt verschlechterten Arbeitsmarktlage und der Politik der Bundesanstalt für Arbeit, die die Förderung für Behinderte drastisch abgebaut hat, wieder zum Negativen gewendet."
Fortschritte gab es in den Bereichen Bauen, Wohnen und Verkehr. "Durch die Einrichtung der neuen Bürgerbüros Mitte und Nord, die beide barrierefrei zugänglich sind, wurden Behördenwege für Körperbehinderte erleichtert", nennt die Beigeordnete für Soziales, Jugend und Gesundheit Beate Bröcker wichtige Veränderungen für die Betroffenen. "Mit der außerdem abgeschlossenen Sanierung der integrativen Kindertageseinrichtung in der Lumumbastraße verfügt die Landeshauptstadt nun über drei moderne barrierefreie integrative Kitas."
Auch die schwierige Marktlage für behindertengerechte Wohnungen entspannte sich etwas, da die Wohnungsanbieter neue barrierefreie Wohnungen bereitstellen konnten oder bestehende Wohnungen durch behindertengerechte Verbesserungen aufwerteten. Trotzdem besteht in diesem Bereich nach wie vor ein Defizit.
Die Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) stellten mehrere barrierefreie Haltestellen fertig (Alte Neustadt, Diesdorf, Brückstraße) und erhielten 19 weitere Niederflurstraßenbahnen. Künftig wollen die MVB nur noch Fahrzeuge mit ausklappbaren Rampen erwerben, um den Ein- und Ausstieg für Rollstuhlfahrer zu verbessern.
Zu den Problemen, mit denen sich Betroffene im vergangenen Jahr an den Behindertenbeauftragten wandten, gehörten vor allem Fragen des Behindertenrechts, die Suche nach geeignetem Wohnraum und soziale Probleme. Häufig wurden auch das Zuparken von Behindertenparkplätzen kritisiert und fehlende Bordabsenkungen angemahnt.
Der Behindertenbeauftragte schätzt ein, dass sich die Erwartungen vieler Magdeburger Betroffener an das neue Bundesgleichstellungsgesetz und an das Landesgleichstellungsgesetz bisher nicht erfüllt haben. "Die Regelungen dieser Gesetze erweisen sich als zu wenig verbindlich und nur begrenzt durchsetzbar", so Pischner. "Die Veranstaltungen im Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen 2003 werden deswegen verstärkt dazu genutzt, sich gegen eine erneute soziale Ausgrenzung der Betroffenen zur Wehr zu setzen."
Besorgt zeigt sich der Behindertenbeauftragte auch über die unsoziale Sparpolitik der Landesregierung, die in nicht zu akzeptierender Weise auf Kosten behinderter Menschen geht: "Ich erinnere an die drastische Blindengeldkürzung und an die Härten, die das Kinderförderungsgesetz für behinderte Kinder im Vorschulalter bringt." Wurden diese bisher in integrativen Kindereinrichtungen betreut, soll deren individueller Förderbedarf künftig vielfach vom Land nicht mehr anerkannt und finanziert werden.
"Auch wenn noch viele Veränderungen erforderlich sind, um behinderten Menschen das Leben zu erleichtern, haben sich der städtische Raum und die Infrastruktur in Magdeburg in den vergangenen Jahren wesentlich zugunsten der Lebensbedingungen für Behinderte verbessert", zieht der Behindertenbeauftragte Bilanz. Erst kürzlich wurde innerhalb der Stadtverwaltung eine Integrationsvereinbarung zur Teilhabe behinderter Menschen abgeschlossen. Damit soll eine weitere Verbesserung der Situation der behinderten Beschäftigten erreicht werden. Ziele der Vereinbarung sind unter anderem die Verbesserung der behindertengerechten Ausstattung der Arbeitsplätze und die Sensibilisierung für die Bedürfnisse behinderter Menschen innerhalb der Verwaltung. Die Integrationsvereinbarung betrifft die Interessen von etwa 330 schwerbehinderten und den behinderten Menschen gleichgestellten Mitarbeitern. Das sind etwa 5,7 Prozent aller Beschäftigten der Stadtverwaltung.
Noch in diesem Jahr wird Magdeburg der Erklärung von Barcelona "Die Stadt und die Behinderten" beitreten. Die Erklärung, die im März 1995 auf einem Kongress in der spanischen Metropole formuliert wurde, beinhaltet Ziele zur Schaffung gleichberechtigter Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten für behinderte Menschen in den und durch die Kommunen.
"Eine wirkliche Chancengleichheit und ein weitgehend selbst bestimmtes Leben sind aber nicht allein durch schöne Worte und politische Absichtserklärungen zu erreichen", erklärt Pischner. "Es genügt auch nicht, nur die eine oder andere Barriere auf Straßen oder in Gebäuden abzubauen. Integration von Menschen mit Behinderungen bedeutet vielmehr auch, in allen Lebensbereichen Bedingungen zu schaffen, um behinderte Menschen nicht auszugrenzen. Dafür müssen die erforderlichen Hilfen sowie die notwendige Assistenz im täglichen Leben bereitgestellt und auch finanziert werden."
Bei Rückfragen: Hans-Peter Pischner, Behindertenbeauftragter der Landeshauptstadt Magdeburg, Tel.03 91/5 40 23 42
Hintergrundinformationen:
Das Jahr 2003 wird auf Beschluss des EU-Ministerrates als Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderungen unter dem Motto "Nichts über uns ohne uns" begangen. In Magdeburg leben derzeit rund 20.000 schwerbehinderte Menschen, darunter etwa 12.000 mit erheblichen Bewegungseinschränkungen, 1.600 Blinde und Sehbehinderte, fast ebenso viele Hör- und Sprachbehinderte, etwa 1.000 Menschen mit geistigen Behinderungen sowie etwa 2.000 Menschen mit psychischen und seelischen Beeinträchtigungen. In den Kreis der von Behinderungen Betroffenen gehören aber auch fast 5.000 Pflegebedürftige und bis zu 2.000 an verschiedenen Formen von Altersdemenz erkrankte Menschen. 56 Prozent der Betroffenen sind älter als 65 Jahre, während weniger als 3 Prozent jünger als 18 Jahre sind. Bei den meisten von ihnen trat die Behinderung nicht von Geburt an auf, sondern entstand - zumeist durch Erkrankung - im Laufe des Lebens. Etwa 54 Prozent der Betroffenen sind weiblich. In Sachsen-Anhalt gibt es über 170.000 Schwerbehinderte, in ganz Deutschland sind es rund 6,7 Millionen.
|