Magdeburg gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht
Magdeburg.
Mit zwei Gedenkfeiern erinnert die Landeshauptstadt Magdeburg am Sonntag an die Reichspogromnacht am 9. November 1938, die auch in Magdeburg zur Zerstörung der Synagoge und vieler jüdischer Geschäfte im Stadtzentrum sowie zur Vertreibung vieler jüdischer Mitbürger führte.
Am Vormittag wird der Beigeordnete für Kultur, Schule und Sport, Dr. Rüdiger Koch, am Denkmal der ehemaligen Synagoge in der Julius-Bremer-Straße Worte des Gedenkens sprechen und einen Kranz niederlegen.
Bei einer Feierstunde auf dem Jüdischen Friedhof in Fermersleben wird Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper am Nachmittag (16.30 Uhr) Worte des Gedenkens sprechen. An der Feierstunde wird auch ein Mitglied des Zentralrates der Juden in Deutschland teilnehmen.
OB Trümper wird in seiner Rede daran erinnern, dass die jüdischen Traditionen in Magdeburg genau so alt sind wie die christlichen Traditionen dieser Stadt. Sie wurden in der Nazizeit beinahe ausgelöscht, von der fast 2000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde überlebten nur 83 den Holocoust.
"Wir wollen gemeinsam gedenken und erzählen, was nicht vergessen werden darf", so OB Trümper in seiner Gedenkrede, in der er bekannte Magdeburger Juden erwähnte, die die Geschichte ihrer Stadt mitgeschrieben haben: Dr. Otto Schlein, Arthur Ruppin, Nomi Rubel.
Hintergrund:
Juden in Magdeburg
Prominente Magdeburger Juden bis 1945:
Anton List (Mitbegründer von Fahlberg-List)
Louis Petzon, Kaufmann
Senta Petzon, Nomi Rubel, Schriftstellerin
Gebrüder Barasch, Kaufhausbesitzer
Gustav Ricker, Arzt
Familie Blumenfeldt, Zirkusfamilie
Nach 1945 kehrten einige jüdische Mitbürger zurück.
1946 fand in Magdeburg die erste jüdische Neujahrsfeier statt
1947 wurde der Landesverband der jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt gegründet
Juden waren in der DDR anerkannte Verfolgte des Naziregimes (VVN).
Eine politische und religiöse Anbindung gestaltete sich schwierig.
Es gab einen großen Auswanderungstrend nach Israel, den 1945 begründeten Staat. Die Anerkennung Israels durch die USA erschwerte das öffentliche Wirken und Wiedererstehen der jüdischen Gemeinden in der DDR, bis auf Berlin.
Zu DDR-Zeiten gab es kein Gemeindeleben, die Gemeinde existierte de facto nicht mehr. 1989/90 hatte die Gemeinde noch 9-10 Mitglieder.
Die Thora verpflichtet zur Mitverantwortung. Eine Gemeinde benötigt 10 erwachsene Männer. Der Talmud enthält die Lebensgestaltungsanweisungen für alle Lebensbereiche.
In den letzten Jahren ist die jüdische Gemeinde wieder angewachsen und zählt heute etwa 700 Mitglieder, ca. 400 kommen aus dem Umland, 99% davon sind russische Zuwanderer.
Der Jüdische Friedhof
Jüdische Friedhöfe tragen auch die Bezeichnung "Guter Ort" oder "Halle des Lebens"
1999 begann die Urbarmachung des Friedhofes am Fermersleber Weg und die Wiederentdeckung der jüdischen Geschichte Magdeburgs in einem ABM-Projekt. Auf dem Friedhof gibt es ein Ehrengrab für die Gefallenen des I. Weltkrieges, die der jüdischen Gemeinde angehörten.
Grabsteine von Moritz Rahmer, Philippson, Guyla Grosz, Eltern von Nomi Rubel (Familie Petzon). Dr. Otto Schlein ist allerdings auf dem Westfriedhof beigesetzt worden. Hier findet sich auch das Grab der legendären Magdeburger Zirkusfamilie Blumenfeld. Bis 1920 hatte sie das einzige feste Zirkusgebäude in Deutschland.
Das Projekt zur Erforschung und Dokumentation des jüdischen Friedhofes wird vorerst 2004 beendet sein.
- Umgang mit dem Erbe
Nur 83 Magdeburger Juden haben den Holocaust überlebt. An sie erinnert und mahnt das 1988 errichtete Denkmal vom Magdeburger Metallgestalter Josef Bzdok.
Erst seit der Wende ist die jüdische Gemeinde in unserer Stadt - mit Unterstützung von Stadt und Land - wieder erstarkt.
Seit der Wende haben wir eine in unserer Stadt wirkende Deutsch-Israelische Gesellschaft. Seitdem hat die Begegnung mit der jüdischen Kultur und jüdischen Künstlern an großer Bedeutung gewonnen. Vorträge und Podiumsgespräche über israelische Literatur, die Geschichte und aktuelle Politik Israels und die deutsch-israelischen Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart gehören inzwischen zum Alltag in Magdeburg.
Im Juli 1996 beschloss der Stadtrat, auf Vorschlag der Verwaltung, dass der Brückenneubau, der den Verkehr von West nach Ost führt, den Namen "Jerusalem-Brücke" tragen soll. Wir haben diesen Namen zu Ehren der Stadt Jerusalem gewählt, die 1996 ihren 3 000sten Geburtstag feierte. Beiden Städte sind, nach dem politischen Willen der Bürgerschaft nach 1990 ein großes Stück zusammengewachsen. Israelische Kulturtage fanden bereits dreimal in Magdeburg statt. Die Namensgebung war also auch ein symbolischer Brückenschlag von Magdeburg in das 3 000 Jahre alte Jerusalem. So wie diese Brücke die beiden Ufer der Elbe verbindet, so sollen Brücken der Versöhnung und der Verständigung zwischen Deutschland und Israel gebaut werden.
Insbesondere nach 1990 gab es in der Magdeburger Bürgerschaft den Wunsch, die Kontakte nach Israel aufzunehmen. Zum einen gründete sich eine 1991 die deutsch-israelische Gesellschaft in Magdeburg zum anderen erwachte ein neues historisches Bewußtsein für die einstmals sehr große Magdeburger Jüdische Gemeinde. Die Brückenbenennung knüpft also auch an diese stadtgeschichtlichen Traditionen an und ist im Gedenken derer geschehen, die aus der Jüdischen Gemeinde Magdeburg nach 1933 in Israel als "Jeckes" eine neue Heimat fanden oder zeitweilig dorthin auswanderten, so wie die bekannte Magdeburgerin Nomi Rubel.
|