MagdeburgRolle
Magdeburg.
Zum Jubiläum Magdeburg 12hundert starteten der Offene Kanal e.V. und ARTist! e.V. die Gemeinschaftsaktion "MagdeburgRolle". Ziel der beiden regen Vereine ist es, filmische Bilddokumente aus der Stadtvergangenheit zu sichten, zu dokumentieren, zu digitalisieren und als etwa 90-minütigen Film publik zu machen. Gesammelt werden Filme im 8- oder 16-Millimeter-Format aus Privatbeständen oder ungenutzten Archiven.
"Das Interesse der Magdeburger an der Aktion ist groß. Seit den 50er Jahren wurde Schmalfilmerei zum verbreiteten Hobby. Wir haben viel Filmmaterial bekommen, bis jetzt von etwa 50 Stunden Spieldauer. Ältere Magdeburger überließen uns sogar ihre Schmalfilm-Projektoren von einst", würdigt Bettina Wiengarn, die Geschäftsführerin des Offenen Kanals der Landeshauptstadt, das Engagement.
Zum einen sind es Streifen von Amateurfilmern, die in Arbeitsgemeinschaften und Zirkeln ein beträchtliches, oftmals semiprofessionelles Niveau erreichten. In den Studios der Amateurfilmer - eine namhafte Adresse war das Haus der Lehrer in Magdeburg - entstanden sowohl Spiel- und Dokumentar- als auch Kurzfilme mit Anspruch.
Andererseits sind die Archive der unzähligen Hobbyfilmer eine ergiebige Quelle für die MagdeburgRolle. Hier wurde vor allem das familiäre Alltagsleben dokumentiert. "Was wir beim Betrachten empfinden, ist mit der Freude und Entdeckerlust eines Archäologen zu vergleichen, der plötzlich Zugang zu einer verschütteten, verwehten Epoche findet", meint Christoph Hackel von ARTist! e.V.. "Es ist eine Alltagsarchäologie."
Primär interessiert dabei nicht, wie etwa der Hasselbachplatz vor 30 Jahren aussah, sondern wie er beim Familienbesuch, beim Einkauf oder als Wohnort erlebt wurde. "Wir haben ein soziologisches Interesse an den Episoden", hebt Hackel hervor. "Alltagsleben, Lebensweise, Rituale und Traditionen sind von Bedeutung." Zu welchen Magdeburger Sehenswürdigkeiten führte man seinen Besuch hin? Wo und wie wurde nach der Einschulung gefeiert? Wichtige Ereignisse wie Konfirmation und Jugendweihe, letzter Schultag und Hochzeitsfeier, filmische Szenen aus der Familie wie aus der Arbeitswelt sind häufig vertreten. Familiäres und Offizielles durchdringen sich. Im vorliegenden Material rückt auch der Besuch der Westverwandtschaft ins Blickfeld, andererseits finden sich Impressionen von einer DSF-Veranstaltung (DSF = Deutsch-Sowjetische Freundschaft).
Spannung versprechen die aktuellen Interviews des Offenen Kanals mit den Filmern von einst. Sie werden ihre ureigenensten Stadt-Geschichten berichten und die Bilder aus nun schon beträchtlichem zeitlichen Abstand kommentieren. Diese Interviews werden zum Bestandteil der MagdeburgRolle.
Während die drei Jahrzehnte von 1960 bis 1990 relativ umfangreich erfasst sind, ist filmisches Material aus der Zeit vor 1950 sehr rar. "Danach sind wir auf der Suche", betont Bettina Wiengarn. "Wenn jemand aus dieser Zeit noch Schmalfilmdokumente besitzt, ist er uns sehr willkommen."
Der technische Zustand der Filme ist zumeist noch sehr gut - und das nach 40,50 Jahren. Der Offene Kanal und ARTist! sehen es aber dennoch als wichtige Verpflichtung an, diese unersetzlichen Zeitdokumente zu archivieren und technisch auf der Höhe der Zeit zu sichern, denn die zumeist schon älteren Filmautoren leisten sich kaum den aufwändigen Umschnitt auf DVD-Format. Eine Magdeburgerin beispielsweise brachte eine Reihe von Schmalfilmschnipseln an, keiner länger als 30, 40 Zentimeter. Beim Offenen Kanal wurde daraus wieder ein vorführbares Stück Film.
Die erste MagdeburgRolle soll im Juni über die Leinwand des traditionsreichen Oli-Kinos flimmern. Viele Magdeburger äußerten schon jetzt ihr großes Interesse an den Vorstellungen - schließlich geht es um ein Stück gelebtes Leben, um Heimat und Heimischwerden, um biografische und räumliche Verwurzelungen. Während von den Initiatoren ursprünglich nur die Herstellung eines Films ins Auge gefasst wurde, ziehen sie nun aufgrund der Materialfülle weitere Folgen in Betrachtung.
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