Die Stadtfeld-Kinos und Henny Porten aus Magdeburg
"Belichtungszeit: 1200" II - 12 Kapitel Kinogeschichte in Magdeburg
"Belichtungszeit: 1200" II startet am 20. Mai zur traditionellen Kinozeit um 20 Uhr in den Olvenstedter Lichtspielen (OLi) in die zweite Runde. Bereits im Vorjahr fand die verdienstvolle Entdeckungsreise des Kulturvereins ARTist e.V. zur Magdeburger Film-, Musik- und Architekturhistorie ein außerordentlich interessiertes Publikum. Im Jubiläumsjahr Magdeburg 12hundert soll nun in 12 Kapiteln an sechs weiteren erlebnisreichen Abenden die Erinnerung an die Kinohochburg Magdeburg vertieft werden, so ARTist-Projektchef Christoph Hackel. Vor mehr als 60 Jahren flimmerten die bewegten Bilder in 33 Kinos über die Leinwände zwischen Sudenburg, Rothensee und Westerhüsen. In dieser Kino-Hochzeit, lange vor der massenhaften Verbreitung des Mediums Fernsehen, erreichte ein Spitzenfilm wöchentlich bis zu 75.000 Zuschauer.
Die Anfänge des Films waren stumm. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gab es die ersten kurzen Stummfilme. Abgelichtet wurde von der Weltausstellung bis zum Kaisermanöver so ziemlich alles, was sich ohne Kunstlicht hintereinanderweg aufs Zelluloid bannen ließ. Bald kamen die ersten stummen Geschichten hinzu, die es auf eine Spieldauer von zehn Minuten und mehreren Einstellungen brachten. In aller Regel kommentierte ein Pianist das Geschehen mit seinen musikalischen Mitteln; oftmals wurden auch Kinoerzähler engagiert. In den 20er Jahren näherte sich der Stummfilm bei ausgefeilter Dramaturgie und Charakterzeichnung schon fast der Spielfilmlänge. Lebens- und Liebesschicksale fanden ebenso wie Abenteuerstoffe große Nachfrage. Das Kino verlor seinen Jahrmarkts- und Kneipenruch. Zu den geliebt-verspotteten "Flohkinos" und "Handtuch-Sälen" kamen die Filmpaläste, oftmals gediegen-plüschig mit Samtportieren und Kristalllüstern ausgestattet. Mit der Architektur von "Rasiersitz", Parkett, Logen und Rängen ging eine soziale Staffelung einher.
Der erste Kapitel der "Belichtungszeit: 1200" II widmet sich den Stadtfeld-Kinos: An das "Saxonia", die "Westend-Lichtspiele" und das "OLi" wird mit großer Unterstützung durch die Stadthistoriker Nadja Gröschner und Dieter Niemann in Episoden, Erlebnisberichten, Anekdoten und mit zahlreichen Bilddokumenten erinnert. Vom historischen Kinoprogramm bis zur originalen Eintrittskarte sind sie unermüdlich am Sammeln und Bewahren, dabei oftmals von alten Magdeburgern tatkräftig unterstützt.
An historischer Stätte, eben dem "OLi", wird dann auch das zweite Kapitel zelebriert: Die Aufführung des 1920 von Ernst Lubitsch inszenierten Stummfilms "Kohlhiesels Töchter". In 106 Minuten eine Liebeskomödie voller Irrungen und Wirrungen, eine bayerische Variante zu Shakespeares "Der Widerspenstigen Zähmung", bis die kratzbürstig-widerspenstige Liesl und die bildhübsche Gretl, die beiden Töchter des Gastwirts Kohlhiesel, an den richtigen Mann geraten und sich Herz zu Herzen findet. In den Hauptrollen agieren u. a. Emil Jannings, Gustav von Wangenheim, Jakob Tiedtke und Willy Prager - und sie allesamt in Trab gehalten von einem Schauspielstar mit Magdeburger Wurzeln: Henny Frieda Ulricke Porten, am 7. Januar 1890 als zweite Tochter des Opernbaritons Franz Porten und seiner Frau Wincenzia in Magdeburg geboren. Sie spielt beide "Kohlhiesel"-Töchter - das stur-trampelige Liesl wie das hilfsbereite Gretl. Paraderollen der Wandlungskunst für die Porten!
Die Kinomusik stammte von Giuseppe Becce, der auch für "Das Kabinett des Dr. Caligari" erfolgreich Spannung komponierte. Zur Aufführung im "OLi" gibt es Livemusik von Burkhard Schmidt. Henny Porten übrigens verfilmte 1930 "Kohlhiesels Töchter" noch ein zweites Mal, diesmal im Tonfilm. Dabei machte sie Furore mit einem Duett, bei dem sie wiederum beide Partien - die der Liesl und der Gretl - auf der Leinwand nicht nur spielte, sondern nun auch noch auf die Tonspur sang. Eine tontechnische Innovation, und der Zeit weit voraus.
|