Partnerschaft zu Izmit: Kontakte werden ausgebaut

27. Oktober 2006. Kassels türkischer Partnerstadt Izmit statteten jetzt Oberbürgermeister Bertram Hilgen und Stadtverordnetenvorsteher Jürgen Kaiser ihren Antrittsbesuch ab. Begleitet wurden sie von Unternehmern aus der Photovoltaik-Branche, Architekten, Stadtplanern, Vertretern der Vereinigung Freunde der Stadt Izmit und einem Vertreter der Universität Kassel, die auf eigene Kosten mitgereist waren.

Während eines Empfanges bei Izmits Oberbürgermeister Ibrahim Karaosmanoğlu unterstrichen die beiden Stadtoberhäupter sowie Jürgen Kaiser großes Interesse an der dem Ausbau nach dem Erdbeben in der Türkei im August 1999 gegründeten und im Februar 2000 offiziell unterzeichneten Partnerschaftsvereinbarung. Hilgens Izmiter Amtskollege teilte mit, dass er im Zuge einer Verwaltungsreform mittlerweile für alle Städte und Gemeinden in der Provinz Kocaeli zuständig sei. Diese ist ein wirtschaftlicher Schwerpunkt innerhalb der Türkei, wo rund 20 Prozent der gesamten türkischen Wirtschaftsleistung erbracht werden. Nach der verheerenden Naturkatastrophe im August 1999 hätten zunächst die entstandenen Schäden beseitigt und neue Wohnungen errichtet werden müssen. Infolge der wirtschaftlichen Expansion gebe es vermehrt Zuzüge in die Region. Die Stadt habe deshalb die Absicht, im Rahmen der notwendigen Infrastrukturmaßnahmen auch den Blick auf den Ausbau von Erholungseinrichtungen und den Umweltschutz zu richten.

Oberbürgermeister Bertram Hilgen unterbreitete das Angebot, bei Fragen der Stadt- und Verkehrsentwicklung sowie bei Umweltschutzmaßnahmen Verwaltungshilfe zu leisten, wenn dies gewünscht werde. Gleichzeitig lud er seinen Amtskollegen zu einem Gegenbesuch nach Kassel im nächsten Jahr während der documenta ein.

Auf dem Besuchsprogramm der Kasseler Delegation stand auch die Besichtigung der Universitätsklinik und andere Fachbereiche der Universität Izmit, die während des Erdbebens weitestgehend zerstört worden waren. Auf einem Höhenzug am Rande der Stadt wurde deshalb eine völlig neue Universität für rund 50.000 Studenten errichtet. Die Universitätsklinik hat rund 800 Betten und ist ein Haus der Maximalversorgung, das der Kasseler Delegation in einem Gespräches mit den Chefärzten und der Klinikleitung vorgestellt wurde.

Einen Erfahrungsaustausch führten die mitgereisten Stadtplaner und Architekten mit Vertretern der Architektenkammer der Provinz Kocaeli. Architekten in der Türkei sind gehalten, ihre Planungen der jeweiligen Kammer vorzulegen, die dort begutachtet werden, ehe sie zur Genehmigung an die jeweilige Stadt- oder Gemeindeverwaltung weitergeleitet werden. Ausschreibungen für herausragende Bauwerke finden nicht statt. Die Kasseler Architekten stellten anhand der Planung und der baulichen Umsetzung des Kinder-, Jugend- und Waisenhauses in Izmit ihre Vorgehensweise bei Planungen dieser Art vor. Es wurde vereinbart, in Verbindung bleiben und Erfahrungen auszutauschen.

Während eines Gespräches mit Vertretern der Industrie- und Handelskammer der Provinz Kocaeli wurde der Kasseler Delegation die industrielle Entwicklung der Stadt Izmit dargestellt. Dr. Roland Burmeister von der Firma SMA Niestetal und Alexander Galip von der Firma Solartechnik in Lohfelden wiesen auf die Möglichkeiten des Einsatzes von Photovoltaikanlagen als erneuerbare Energiequelle hin. Die beiden Unternehmer machten deutlich, dass ein Einsatz dieser Technologie nur dann sinnvoll sei, wenn der Staat finanzielle Vergütungen für den eingespeisten Strom leiste, um die Investitionskosten damit zu decken. Da Erdöl, Kohle und andere fossile Brennstoffe nur noch begrenzt vorhanden seien, sei es notwendig, sich schon jetzt rechtzeitig um Alternativenergien zu bemühen. Während der Diskussion zeigten die Kammervertreter ein großes Interesse an der zukunftsweisenden Technologie.

Im Mittelpunkt des zweiten Besuchstages stand die Besichtigung des von Kasseler Architekten und Stadtplanern errichteten Kinder-, Jugend- und Waisenhauses im Stadtteil Bekirpaşa, das im Sommer 2003 eingeweiht worden war. Hier leben mittlerweile 112 Kinder, die liebevoll betreut werden. Die Delegation konnte sich davon überzeugen, dass sich der riesige Gebäudekomplex in einem guten Zustand befindet. Der Vertreter des türkischen Sozialministeriums, Hamdi Kadiologlu, stellte heraus, dass diese Einrichtung zu den modernsten in der Türkei zähle und die Regierung für die absehbaren notwendigen Reparaturen und Instandsetzungen sorgen werde.

Oberbürgermeister Hilgen regte an, die Vereinbarung über eine Zusammenarbeit der Betreuung von Kindern im Jugend- und Waisenhaus vom 17. Mai 2003 mit Leben zu erfüllen. In dem noch zu gründenden Beratungsausschuss könnten neben Betreuungsfragen auch Probleme der Integration von Behinderten in die Gesellschaft besprochen werden, wie dies von türkischer Seite gewünscht wurde.

Professor Dr. Gerd Hellstern von der Kasseler Universität hielt in der Partneruniversität eine Vorlesung und stellte sich den Fragen der anwesenden Studentinnen und Studenten. Die Kasseler Universität und die Universität Izmit werden auch künftig eine Zusammenarbeit pflegen. Im vergangenen Semester haben sechs junge Menschen aus Izmit in Kassel studiert.

Die Kasseler Delegation besuchte im Rathaus Bekirpaşa eine bemerkenswerte Ausstellung von Bildern, sogenannte Schattenspiele. Oberbürgermeister Hilgen regte an, diese Ausstellung in der Karl Branner Seitenhalle im Kasseler Rathaus zu zeigen. Im Gegenzug könnte die Kasseler Ausstellung „Stadtbilder“ im Rathaus Bekirpaşa präsentiert werden.

Beeindruckt wahren die Delegationsmitglieder von der kleinen evangelischen Kirchengemeinde inmitten der Stadt Izmit, die von Pfarrer Wolfgang Häde geleitet wird. Der Geistliche, der aus Heinebach, Kreis Hersfeld-Rotenburg, stammt, erzählte von Vorbehalten der Bevölkerung gegenüber der Evangelischen Gemeinde, die sich manches Mal durch Eier- und Steinewerfen äußere. Die Kirchengemeinde sei von einer Stiftung abhängig, die für die Finanzierung aller Ausgaben sorge. Pfarrer Häde würde sich sehr über Kontakte zu Kasseler Kirchengemeinden freuen, die über izmitkilise@e-kolay.net möglich sind.

Während einer Gesprächsrunde von Unternehmerinnen und Unternehmern und mit Jugendlichen des Vereins „Jugend von Kocaeli“ wurden weitere Verbindungen geknüpft. Bürgermeister Abdullah Köktürk vom Stadtteil Bekirpaşa lud Kasseler Jugendliche zu einem Jugendtreffen im April 2007 nach Izmit ein. Lediglich die Fahrtkosten müssen gezahlt werden. Der Aufenthalt werde die Stadt Izmit finanzieren.

Interessierte können sich an Magistratsdirektor Martin Gille, Telefon (05 61) 7 87-70 00, wenden.

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