27. April 2007. Eines der größten Erdgasvorkommen der Welt wird derzeit von einem Gemeinschaftsunternehmen der Wintershall AG und der russischen Gasprom im nördlichen Sibirien erschlossen. Im „Kielwasser“ dieser Kooperation, durch die sich Deutschland langfristig Erdgaslieferungen in erheblichem Umfang sichert, haben die für das Gebiet zuständige Stadt Nowy Urengoi (110.000 Einwohner) und die Stadt Kassel unter der Moderation der Universität Kassel einen kontinuierlichen Erfahrungsaustausch vereinbart. Derzeit studiert eine achtköpfige Delegation aus hochrangigen Verwaltungsexperten unter Führung des stellvertretenden Bürgermeisters Vladimir Ilich Nuikin für zwei Wochen die Kasseler Administration.
In Vorträgen und Diskussion tauschten sich die Experten beider Städte und der Universität über modernes Verwaltungsmanagement, eGovernment, leistungsorientierte Vergütung des Personals, über Jugend- und Familienförderung, die Zusammenarbeit der städtischen Stellen mit Bürgern und Vereinen und über die Steuerung von Betrieben aus, die sich in städtischem Besitz befinden. Auf starkes Interesse stießen bei den Russen auch die Organisation und Technik der Müllverbrennung sowie die Bürgerbeteiligung bei der Planung der Unterneustadt. Die Repräsentanten beider öffentlichen Institutionen konnten sich einen ganzen Tag in der Wintershall AG von fortschrittlichen Methoden der Personalführung und -entwicklung überzeugen und besichtigten bei dieser Gelegenheit auch den vorbildlichen unternehmenseigenen Kindergarten.
Beim Gegenbesuch einer Delegation aus Kassel im November vergangenen Jahres in Nowy Urengoi standen die Themen Bürgernähe der Stadtverwaltung, Kinder- und Jugendförderung im Vordergrund. Die deutsche Seite konnte sich dabei von dem hohen Stand der Nowy Urengoier Administration überzeugen. Stark beeindruckt war sie von der Flexibilität, Effizienz und dem überragenden Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kommunalverwaltung, die mit den widrigen Umständen des Klimas nahe am Polarkreis zurecht kommen müssen. In Nowy Urengoi herrscht Permafrost bis zu 400 m Tiefe, bis zu 50 Grad Kälte im Winter und drei Monate nahezu ständige Dunkelheit. Trotzdem ist es gelungen, in nur dreißig Jahren eine Stadt für 110.000 Einwohner mit komfortablen Schulen, Krankenhäusern, Kindergärten, Sportstätten, Restaurants, Hotels usw. aus dem Boden zu stampfen.
Dass die Kooperation über die Distanz von fünf Flugstunden (mit einem unvermeidlichen Zwischenaufenthalt in Moskau) und angesichts der Sprachbarriere überhaupt effektiv werden konnte, ist günstigern Umständen zu verdanken. Dazu zählen die Bereitstellung von Dolmetschern durch die Wintershall AG ebenso wie die Technik der internetgestützten Online-Konferenz, die am Lehrstuhl von Professor Reese (Moderator der Kooperation) schon seit vier Jahren für die Weiterbildung von Verwaltungspersonal eingesetzt wird. Mittels dieser Technik treffen sich Experten beider Stadtverwaltungen jeden Monat in einem virtuellen Konferenzraum zur Besprechung beiderseits interessierender Themen.
Die überaus erfolgreiche Zusammenarbeit beider Städte soll mittels dieser Online-Konferenzen künftig auf gemischte russisch-deutsche Schüler- und Studentengruppen ausgedehnt werden. Hier sollen temporäre Projekte solcher Gruppen beispielsweise zur Förderung energiesparenden Verhaltens und zu neuen Formen der Bürgerbeteiligung initialisiert werden. Schüler und Studenten in Nowy Urengoi, die ihr Interesse an der deutschen Sprache auf diese Weise dokumentieren, könnten auf mittlere Sicht durch Stipendien an der Kasseler Universität belohnt werden.
Wenn die russische Delegation am Montag nach zwei Wochen intensiver Arbeit in ihre Heimatstadt zurückkehrt, wird sie neben einer großen Fülle Fachinformationen auch beste Eindrücke von Kassels Kultur und Bürgern mitnehmen.
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