Mit neuem wissenschaftlichen Verfahren geht es in die Zukunft
27.09.2007 | Herten
Entwicklungsperspektive für Westerholt
Schon vor der beabsichtigten Schließung des Bergwerks Lippe mit dem Standort Westerholt an der Stadtgrenze Gelsenkirchen/Herten setzen sich Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Verwaltung zusammen, um sich über die Zukunft des Areals Westerholts zu beraten. Erste Schritte wurden jetzt vorgestellt.
Hintergrund für die Pressekonferenz ist ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München (TUM). Der Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und Planung, unter der Leitung von Professor Peter Latz, setzt sich bereits seit dem Sommer 2006 mit dem Thema „Westerholt“ in Studienarbeiten auseinander.
Ein Bestandteil dieses Forschungsprojektes ist unter anderem eine so genannte "Charrette", die Prof. Latz folgendermaßen erklärt: „Die innovative Strategie wurde entwickelt, um in kurzer Zeit komplexe Probleme der Stadtentwicklung anzupacken. Bei der Planungsmethode ‚Charrette’ – deren Namen aus dem französischen ‚Karren’ entlehnt ist – handelt es sich um einen dynamischen Planungsprozess mit öffentlichem Charakter.“ Das Verfahren, das von der Forschungsgruppe durchgeführt wird, beinhaltet mehrere Gruppen, die mit verschiedenen Methoden arbeiten und ihre Ideen und Konzepte austauschen um sie abschließend einer Jury vorzulegen. Diese wird die Entwurfsvarianten dann bewerten. Das Charrette zum Thema Westerholt findet im Zeitraum vom 26. November bis zum 30. November 2007 auf der ehemaligen Zeche Schlägel und Eisen in
Herten statt.
Ziel des Forschungsprojektes, so Prof. Latz, sei die Entwicklung qualifizierter Designalternativen und deren frühzeitige Einbringung in die Planungs- und Entscheidungsprozesse bei der Nachnutzung von Altindustriestandorten, so dass mögliche Depressionsphasen mit ihren negativen Konsequenzen für ganze Stadtteile abgemildert bzw. verhindert würden.
„Westerholt mit einer Fläche von ca. 33 Hektar und den Bestandsgebäuden bietet eine ideale Möglichkeit diesen Forschungsansatz in der Praxis zu überprüfen.“ Latz bedankt sich bei der Deutschen Steinkohle AG (DSK) und der Montan-Grundstücksgesellschaft mbH (MGG) für die Of-fenheit, die man seinem Projekt, den Studenten und Mitarbeitern entgegenbringt.
Das Projekt wird im Rahmen des Förderschwerpunktes REFINA (Forschung für die Reduzierung der Flächeninanspruchnahme und ein nachhaltiges Flächenmanagement) vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt.
Professor Dr. Hans-Peter Noll, Vorsitzender der MGG-Geschäftsführung, bewertet das Forschungsprojekt positiv: „Die frühzeitige Einbindung aller am Prozess Beteiligten schafft bei uns die Hoffnung, schon lange vor der Schließung ein Konzept in den Händen zu halten, wie und mit welchem Schwerpunkt die Entwicklung des Areals Westerholt erfolgen kann. Hier gilt je früher desto besser. Denn die Entwicklung einer ehemaligen Industriefläche mit Sanierung, Baureifmachung, Erschließung und Vermarktung, ist so schon ein Geschäft, bei dem man einen langen Atem benötigt. Durch das heute vorgestellte Verfahren sind wir sicher, dass wir hier einiges an Zeit gewinnen können und den Entwicklungsprozess für eine nachhaltige Nutzung sinnvoll beschleunigen können.“
Auch Michael Kuschke, Markscheider des DSK-Bergwerks Lippe zeigt sich begeistert: „Mit der Integration der TU München wollen wir beweisen, dass wir frühzeitig unserer sozialen Verantwortung für den Standort Westerholt gerecht werden. Infolge dessen haben wir, von Anfang an, die Anfrage der TUM mit Freude aufgenommen und die Arbeiten unterstützt. Noch sind beim Bergwerk Lippe über 2.000 Mitarbeiter beschäftigt, aber wir müssen jetzt schon an die Zeit nach der Schließung denken.“
„Eine zügig umsetzbare Perspektive für eine Nachfolgenutzung des Standortes Westerholt ist für die Stadt Herten von hoher Bedeutung. Das Gelände bietet für die Ortsteile Westerholt und Bertlich die einzig nennenswerte Entwicklungsmöglichkeit. Deshalb erwarten die Einwohner dieser Stadtteile aus dem Forschungsvorhaben erste Ideen und Vorschläge, die Grundlage einer breiten Diskussion und Beteiligung sein können“, sagt Hertens Stadtbaurat Volker Lindner. Insbesondere sei man gespannt, wie eine Nachfolgenutzung in die Ortsteile einzubinden ist und für deren Entwicklung Impulse geben kann.
Die Stadt Gelsenkirchen sieht durch die Integration des Forschungsvorhabens gute Chancen, eine tragfähige und akzeptierte Lösung für die Folgenutzung des Bergwerksareals zu erzielen. „Insbesondere der frühe Zeitpunkt ermöglicht einen „fließenden“ Übergang von der heutigen montanindustriellen Prägung hin zu einer stadtteilverträglichen Folgenutzung, die den beiden angrenzenden Stadtteilen – Herten-Westerholt und Gel-senkirchen-Hassel – zugute kommt“, betont Thomas Robbin, Projektleiter beim Gelsenkirchener Planungsamt.
Zusammen mit den bereits seit längerer Zeit brachliegenden Nachbarflächen der früheren Kokerei Hassel und dem ehemaligen Kraftwerk Westerholt könne insbesondere die Freiraum- und Naherholungsentwicklung im Gelsenkirchener Norden verbessert werden. Im Freiflächenentwicklungskonzept der Stadt Gelsenkirchen seien bereits Ansätze für eine Verbindung des Stadtteils mit dem Westerholter Wald skizziert worden, die nun einen Schritt näher rücken könnten.
Gesamtziel der Städte Gelsenkirchen und Herten ist es, die Planungen zur Nachfolgenutzung in ein integriertes Handlungskonzept einzubinden, das mit den Stadtteilen Hassel, Westerholt und Bertlich als interkommunales Stadtteilprojekt angelegt ist. Dadurch solIen die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen unter Mitwirkung der Bewohnerinnen und Bewohner gestärkt und das Erscheinungsbild der Ortsteile verbessert werden.
Die Design-Charrette für das Bergwerk Lippe – als Bindeglied zwischen diesen Orten – kann bereits erste wichtige Impulse für diesen Transformationsprozess liefern. Das Forschungsprojekt der TU München wird insofern von beiden Städten als wichtiger Beitrag zur Ideenfindung für das Bergwerksgelände und die angrenzenden Ortsteile gesehen.
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