Magdeburg erinnert an die Opfer der Reichspogromnacht
Am Freitag am Synagogen-Mahnmal und auf dem jüdischen Friedhof
Magdeburg.
Mit zwei Gedenkfeiern erinnert die Landeshauptstadt Magdeburg am kommenden Freitag an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938, die auch in Magdeburg zur Zerstörung der Synagoge und jüdischer Geschäfte im Stadtzentrum sowie zur Vertreibung vieler jüdischer Mitbürger führte.
Der Beigeordnete für Kultur, Schule und Sport, Dr. Rüdiger Koch, wird am 9. November um 10:00 Uhr am Mahnmal der Alten Synagoge in der Julius-Bremer-Straße Worte des Gedenkens sprechen und ein Gebinde niederlegen.
Während einer Gedenkfeier um 14.00 Uhr auf dem Jüdischen Friedhof im Fermersleber Weg erinnert Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper an den 9. November 1938. Zu den Teilnehmern der Gedenksunde gehören unter anderem Vertreter der Synagogengemeinde, des Evangelischen Kirchenkreises, Propst Kuschel für die katholische Kirche sowie Lehrer und Schüler des Ökumenischen Domgymnasiums.
„Die Erinnerung an die Reichspogromnacht 1938 ist ein wichtiges Zeichen wider das Vergessen und die Gleichgültigkeit, ist Erinnerung an die Opfer, an zerstörtes Leben und für immer vernichtete Kulturgüter“ erklärt Magdeburgs Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper anlässlich der diesjährigen Gedenkfeiern. „Doch Gedenken ist keine Momentaufgabe. Gedenken muss lebendig sein. Die Begegnung und der Umgang mit den Geschehnissen der Vergangenheit muss in unseren Alltag einfließen.“
Von den fast 2.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Magdeburg überlebten den Holocaust nur 83. „Die Opfer und die damit verbundenen Schicksale ihrer Familien dürfen nie vergessen werden", so OB Trümper. „Die Magdeburgerinnen und Magdeburger können mit ihrer Teilnahme an den Gedenkfeiern am Synagogenmahnmal in der Julius-Bremer-Straße und auf dem Jüdischen Friedhof am kommenden Freitag ein Zeichen wider das Vergessen setzen.“
Hintergrundinformationen
Nach 1945 kehrten einige jüdische Mitbürger nach Magdeburg zurück. 1946 fand in Magdeburg die erste jüdische Neujahrsfeier statt. 1947 wurde der Landesverband der jüdischen Gemeinden Sachsen-Anhalt gegründet
Es gab einen großen Auswanderungstrend nach Israel, den 1945 gegründeten Staat. Die Anerkennung Israels durch die USA erschwerte das öffentliche Wirken und Wiedererstehen der jüdischen Gemeinden in der DDR, bis auf Berlin. Zu DDR-Zeiten gab es kein Gemeindeleben, die Gemeinde existierte de facto nicht mehr. 1989/90 hatte die Gemeinde in Magdeburg noch 9 oder 10 Mitglieder. In den letzten Jahren ist die jüdische Gemeinde wieder angewachsen und besteht vor allem aus russischen Zuwanderern.
Der Jüdische Friedhof
Jüdische Friedhöfe tragen auch die Bezeichnung "Guter Ort" oder "Halle des Lebens". 1999 begann die Urbarmachung des Friedhofes am Fermersleber Weg und die Wiederentdeckung der jüdischen Geschichte Magdeburgs in einem ABM-Projekt. Auf dem Friedhof gibt es ein Ehrengrab für die Gefallenen des I. Weltkrieges, die der jüdischen Gemeinde angehörten.
Auf dem Jüdischen Friedhof im Fermersleber Weg befinden sich die Grabsteine von Moritz Rahmer, Philippson und Guyla Grosz. Hier ist auch das Grab der legendären Magdeburger Zirkusfamilie Blumenfeld. Bis 1920 hatte sie das einzige feste Zirkusgebäude in Deutschland. Der jüdische Arzt Dr. Otto Schlein ist auf dem Westfriedhof beigesetzt worden.
Umgang mit dem Erbe
Nur 83 Magdeburger Juden haben den Holocaust überlebt. An sie erinnert und mahnt das 1988 errichtete Denkmal am Platz "An der Alten Synagoge" vom Magdeburger Metallgestalter Josef Bzdok. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde 2004 durch die Magdeburgische Gesellschaft von 1990 ein Relief zur Erinnerung an die 1938 zerstörte Magdeburger Synagoge aufgestellt.
Seit der Wende gibt es in Magdeburg eine Deutsch-Israelische Gesellschaft. Dadurch hat die Begegnung mit der jüdischen Kultur und jüdischen Künstlern an Bedeutung gewonnen. Vorträge und Podiumsgespräche über israelische Literatur, die Geschichte und aktuelle Politik Israels und die deutsch-israelischen Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart gehören inzwischen zum Alltag in Magdeburg. Erstmals fand 2007 in Magdeburg eine „Woche der jüdischen Kultur und Geschichte“ statt.
Im Juli 1996 beschloss der Stadtrat, dass der Brückenneubau über die Elbe, der den Verkehr von West nach Ost führt, den Namen "Jerusalem-Brücke" tragen soll. Der Name wurde zu Ehren der Stadt Jerusalem gewählt, die 1996 ihren 3 000. Geburtstag feierte. Die Namensgebung war also auch ein symbolischer Brückenschlag von Magdeburg in das 3 000 Jahre alte Jerusalem. So wie diese Brücke die beiden Ufer der Elbe verbindet, so sollen Brücken der Versöhnung und der Verständigung zwischen Deutschland und Israel gebaut werden.
Stolpersteine
Am 18. März 2007 weihte Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper im Rahmen einer Gedenkstunde die ersten Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Magdeburg ein. Der erste Stolperstein ist dem früheren Magdeburger Bürgermeister Dr. Herbert Goldschmidt gewidmet. Der Stein wurde an der Ostseite des Rathauses gegenüber der Johanniskirche in den Fußweg eingelassen. Hier war der sozialdemokratische Bürgermeister 1933 von der Gestapo aus seinen Diensträumen abgeführt worden. 1943 wurde Dr. Herbert Goldschmidt in einem Konzentrationslager bei Riga ermordet.
Zehn Stolpersteine wurden auf der Nordseite des Alten Marktes zwischen Bötelstube und Buttergasse in den Gehweg verlegt, zwei weitere Steine in den Gehweg der Leibnizstraße eingelassen. Am 7. Dezember werden im Rahmen einer Feierstunde weitere Stolpersteine zur Erinnerung an ermordete jüdische Mitbürger verlegt.
Finanziert werden die Erinnerungsmale ausschließlich durch Spenden. Ein Stein kostet 120,- Euro. Darin enthalten sind auch die Kosten für die Pflege sowie für die Dokumentation in einem "Magdeburger Gedenkbuch", das möglichst viele Angaben über Leben und Schicksal der ermordeten Menschen aufnimmt. Ein Buch, zusammengetragen von Vereinen, Initiativen, Schulklassen und Einzelpersonen. Es widmet sich der Spurensuche nach dem Lebensweg der Ermordeten – jüdischer Menschen vor allem, aber auch Sinti und Roma oder anderer Opfer. Die ersten Seiten sind bereits gedruckt.
Spenden für weitere Stolpersteine können auf das Konto 140 00 101 bei der Stadtsparkasse Magdeburg (BLZ: 81053272) überwiesen bzw. eingezahlt werden. Als Verwendungszweck muss dabei unbedingt die Ziffernfolge 0.541000.050014.3 angegeben werden.
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