F. W. Bernstein erhält den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor

07. Februar 2008. Der „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“, vergeben von der Stadt Kassel und der Stiftung Brückner-Kühner, ist in diesem Jahr dem Schriftsteller und Zeichner F. W. Bernstein zugesprochen worden, der am 4. März seinen 70. Geburtstag feiert. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am Samstag, 16. Februar, 18 Uhr, im Kasseler Rathaus verliehen.

Zugleich wird der „Förderpreis Komische Literatur“ in Höhe von 3000 Euro, gefördert von der Kasseler Sparkasse, an den Autor Philipp Tingler aus Zürich überreicht. Der Kasseler Literaturpreis wird seit 1985 Jahren jährlich vergeben und zeichnet Autoren aus, deren Werk auf hohem künstlerischen Niveau von Komik und Groteske geprägt ist. Ausgezeichnet wurden unter anderem Loriot, Ernst Jandl, Irmtraud Morgner, Robert Gernhardt, Peter Bichsel oder Ror Wolf und beim letzten Mal Gerhard Polt. Die Laudatio auf F.W. Bernstein hält der Journalist, Lektor und Übersetzer Thomas Bodmer aus Zürich.

Das hr-fernsehen wird ein Filmporträt des Preisträgers vorstellen, bevor F. W. Bernstein aus seinem Werk liest. Zuvor wird Philipp Tingler geehrt und sich mit Kostproben seiner ausgezeichneten Prosa vorstellen. Das musikalische Programm gestalten Frank Wolff, Cello, und Markus Neumeyer, Klavier und Gesang, beide Mitglieder des legendären „Neuen Frankfurter Schulorchesters“, mit Stücken zu Texten von F.W. Bernstein. Die Veranstaltung ist öffentlich.

Begründung des Stiftungsrates

Für den Stiftungsrat hat F. W. Bernstein alias Professor Fritz Weigle schon einen festen Sitz im „Walhalla der Komischen Künste“, weiter heißt es: Als Lyriker, Prosaist, Dramatiker, Zeichner und Illustrator ist Bernstein ein erklärter Vertreter der „deutschen Äußerlichkeit“; sein programmatisches Motto lautet denn auch: „Immer den Sinn schön flach halten.“ Mit artistischer Leichtigkeit verknüpft er Poesie und Nonsens, Anmut und Sprachkritik, altmeisterlichen Formsinn und Modernität zu einem unverwechselbaren Personalstil. Indem er spielerisch-parodistisch auf historische Textsorten, etwa das Sinngedicht, die Ballade oder das komische Epos zurückgreift, belebt er weithin vernachlässigte Traditionen neu und beweist somit ihre Gegenwartstauglichkeit. Als Gründungsmitglied der „Neuen Frankfurter Schule“ hat F. W. Bernstein maßgeblichen Anteil an der von ihr getragenen Renaissance literarischer und zeichnerischer Hochkomik - und damit an einer erfreulich nachhaltigen Entkrampfung der deutschen Nachkriegskultur.

Über F. W. Bernstein

F. W. Bernstein (bürgerlich : Fritz Weigle) wurde am 4. März 1938 in Göppingen geboren. Er lebt heute mit seiner Frau Sabine in Berlin. Nach dem Abitur studierte er ab 1957 an der Kunstakademie in Stuttgart, wo er Robert Gernhardt kennen lernte. 1958 wechselten beide nach Berlin an die HBK. Im weiteren Verlauf war Bernstein zunächst Referendar und Lehrer in Frankfurt, 1968 Assessor in Bad Homburg und ab 1972 Kunsterzieher an der PH in Göttingen. Von 1984 bis zu seiner Emeritierung 1999 war Professor Weigle der erste Lehrstuhlinhaber für Karikatur und Bildgeschichte in Deutschland an der Hochschule der Künste in Berlin. F. W. Bernstein ist Mitbegründer der „Neuen Frankfurter Schule“. 1964 trat er offiziell in die Redaktion der Zeitschrift PARDON ein. Kurz zuvor waren ihm bereits bei einer langen Autofahrt die inzwischen ins deutsche Volksgut eingegangenen Verse „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche“ eingefallen. Wenig später wurde gemeinsam mit Robert Gernhardt und F. K. Waechter die Pardon-Beilage „Welt im Spiegel“ (WimS), die ‚unabhängige Zeitung für eine saubere Welt‘, aus der Taufe gehoben. Bernstein gehört auch zum Redaktionsstab des 1979 gegründeten Satire-Magazins „Titanic“. F. W. Bernstein hat zahlreiche Bücher mit seinen Zeichnungen und Texten veröffentlicht. Zu seinem literarischen Werk gehören legendäre Gemeinschaftsarbeiten wie „Die Wahrheit über Arnold Hau“ (1966 mit R. Gernhardt und F. K. Waechter) oder „Besternte Ernte“ (1976 mit R. Gernhardt). Bei Reclam erschienen 1994 unter dem Titel „Reimweh“ Gedichte und Prosa. Zuletzt brachte der Antje Kunstmann-Verlag seine „Gedichte“ (2003) heraus sowie „Die Superfusseldüse. 19 Dramen in unordentlichem Zustand“ (2006). F. W. Bernstein zählt zu den Alt- und Großmeistern der deutschen Satire und wurde 2003 mit dem „Göttinger Elch“ und dem „Binding-Kulturpreis der Stadt Frankfurt“ ausgezeichnet.

Die Vergabe des Förderpreises Komische Literatur an Philipp Tingler,
der von seinem Zürcher Verlag „Kein & Aber“ vorgeschlagen wurde, begründet der Stiftungsrat mit der „brillanten und hochkomischen Erzählkunst“ des Autors, weiter heißt es: Sowohl die Kurzprosa der Bände „Leute von Welt“ und „Juwelen des Schicksals“ als auch der jüngste Roman „Fischtal“ bestechen durch Sprachwitz und Einfallsreichtum, Präzision der Darstellung und Treffsicherheit der Pointen. Philipp Tingler beherrscht die Kunst der Beleidigung ebenso wie die der Lebenshilfe im Zeitalter globaler Irrungen und Wirrungen. Scharfsinnige Gesellschaftskritik vereint mit einer "wütenden Leidenschaft für das eigene Ich" sorgen für ergiebiges Lesevergnügen und zeigen ein viel versprechendes Talent literarischer Ironie.

Philipp Tingler
wurde 1970 in Berlin (West) geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und Philosophie in St. Gallen, London und Zürich. Tingler hat für Rundfunk und Fernsehen wie auch als Fotomodell gearbeitet und hat neben seinen Büchern und Beiträgen in Anthologien zahlreiche Artikel und Essays für Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. 2001 wurde er mit der Ehrengabe des Kantons Zürich für Literatur ausgezeichnet und im selben Jahr für den Ingeborg-Bachmann-Preis nominiert. Er lebt in Zürich. Buchveröffentlichungen: „Hübsche Versuche“ (2000); „Ich bin ein Profi (2003), „Juwelen des Schicksals“ (2005), „Leute von Welt“ (2006), „Fischtal“ (2007).

Der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor
wurde 1984 der Stadt Kassel von der Stiftung Brückner-Kühner zum Geschenk gemacht. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und wird Schriftstellern zugesprochen, deren Werk sich auf hohem künstlerischen Niveau durch Humor, Komik und Groteske auszeichnet. Seit 1985 erhielten folgende Personen die Kasseler Auszeichnung: Loriot, Eike Christian Hirsch, Ernst Jandl, Wolfgang Preisendanz, Irmtraud Morgner, Ernst Kretschmer, Robert Gernhardt, Walter Hinck, Christoph Meckel, Volker Klotz, Hanns Dieter Hüsch, Karl Riha, Max Goldt, Franzobel, Ingomar von Kieseritzky, Peter Bichsel, George Tabori, Franz Hohler, Eugen Egner, Ror Wolf, Katja Lange-Müller und Gerhard Polt. Den Förderpreis Komische Literatur in Höhe von 3000 Euro erhielten bislang Frank Schulz, Jochen Schmidt, Tilman Rammstedt und Jess Jochimsen. Der Preis wird in diesem Jahr erstmals von der Kasseler Sparkasse finanziert.

Die Stiftung Brückner-Kühner
wurde von den Schriftstellern Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner ins Leben gerufen, die 30 Jahre zusammen in Kassel lebten und dort 1996 kurz nacheinander verstarben. Die Stiftung wirkt heute als Literaturzentrum auf den Gebieten des Komischen und der avancierten Dichtkunst, und sie unterhält das Dichterhaus Brückner-Kühner. Dem Stiftungsrat gehören folgende Personen an: der Literaturprofessor Dr. Walter Pape (Vorsitzender, Köln), die Lektorin Dr. Renate Jakobson (Berlin), der Autor Ingomar von Kieseritzky (Berlin), der Literaturwissenschaftler Christian Maintz (Hamburg), der Übersetzer Harry Rowohlt (Hamburg) sowie Dr. Thomas Wohlfahrt, Leiter der literaturWERKstatt Berlin. Auch der Preisträger des Vorjahres ist jeweils für ein Jahr Mitglied. Geschäftsführender Kurator der Stiftung ist der Literaturwissenschaftler Dr. Friedrich W. Block. Näheres zum Engagement der Literaturstiftung unter www.brueckner-kuehner.de.

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