Magdeburg.
Nachdem die Zollbrücke ihre allegorischen Figuren zurückerhalten hat, sollen nun auch die historischen Kandelaber wieder hergestellt werden. Das städtische Tiefbauamt bereitet derzeit einen Nachguss der gusseisernen Kandelaber vor. Sie sollen noch in diesem Jahr montiert werden.
Die vier allegorischen Figuren wurden im Rahmen der Sanierung der Zollbrücke durch Bildhauer nach dem Vorbild der Originale reproduziert und geben dem Bauwerk nach der Sanierung ein großes Stück seiner Individualität zurück. Die jeweils benachbarten äußeren Postamentblöcke tragen die Beleuchtungseinrichtung. Im Kontrast zu den Großplastiken steht die derzeit rein zweckorientierte Konstruktion der Beleuchtungsmaste, die die historische Anmutung des Gesamtensembles durchbricht.
Das historische Ensemble der vier allegorischen Figuren stand zum Zeitpunkt der Jahrhundertwende 19./20. Jh. im künstlerischen Kontext mit reich verzierten, gusseisernen Kandelabern. Diese Verzierungen wurden vermutlich während der beiden Weltkriege oder in der Zeit dazwischen demontiert. Der Verbleib der Originalteile ist nicht bekannt.
Um das architektonische Bild der Zollbrücke wieder vollkommen herzustellen, sollen die historischen Kandelaber nachgebildet werden. Dazu müssen die Zierelemente nach historischem Vorbild als Halbschalen gießtechnisch hergestellt werden, um danach an den Masten montiert zu werden.
Die Wiedererrichtung der historischen Kandelaber kostet rund 90.000 €. Bei der Realisierung dieses Vorhabens wird die Stadt finanziell unterstützt durch die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt, die ÖSA-Versicherungen Sachsen-Anhalt und die Stadtsparkasse Magdeburg.
Hintergrund
Die Zollbrücke ist aufgrund ihres Alters, ihrer Bauart und ihrer Gestaltung eine der wertvollsten Brücken der Landeshauptstadt Magdeburg. Der Zustand des 126 Jahre alten Bauwerkes zwang die Bauverwaltung zu einer umfangreichen Sanierung. Dabei wurden auch die historischen allegorischen Figuren neu hergestellt und erhielten ihren historischen Platz zurück.
Die Brücke ist ein wichtiger Bestandteil des derzeitigen Strombrückenzuges der neben dem Nordbrückenzug das überwiegend westlich der Elbe gelegene Stadtzentrum mit den östlichen Stadtteilen verbindet.
Das Bauwerk wurde zwischen 1880 bis 1882 als zeittypischer repräsentativer Brückenneubau im Stil des Neobarock errichtet. Die Zollbrücke ist eine Gewölbebrücke mit drei Gewölbeöffnungen. Die mittlere Gewölbeöffnung gewährleistet den Schiffsverkehr auf der Zollelbe zum Zollhafen. Die Brücke hat eine Gesamtbreite von 14 Metern und eine Länge von ca. 75m. Das Gewölbetragwerk besteht bis auf die Stirnringe ausschließlich aus Ziegelmauerwerk. Die Stirnmauern sind aus Sandsteinblöcken gesetzt.
Die monumental betonten Pfeiler und Widerlager, das Schmuckwerk an den Pilastern in Form von Stadtwappen und die bossierten großformatigen Sandsteinblöcke der Gewölbestirnringe prägen das Erscheinungsbild des Bauwerkes ebenso wie die Konsolgesimse und die Balustraden mit den Großpostamenten. Auf den vier Großpostamenten der mittleren Pfeiler ruhen vier repräsentative Großplastiken, die als allegorische Figuren die aufstrebenden Wirtschaftszweige Handel, Schifffahrt, Landwirtschaft und Industrie in Magdeburg am Ende des 19. Jahrhunderts verkörpern.
Am 9. Februar 2004 hatte der Stadtrat die Wiederherstellung der Brückenfiguren beschlossen. Da eine Restaurierung der Originale aufgrund der starken Verwitterung und der großen Substanzverluste nicht mehr zweckmäßig war, wurde gemeinsam mit Denkmal-Fachbehörden entschieden, Kopien aufzustellen. Die Originale haben heute v.a. einen musealen Wert.
Mit großer Wahrscheinlichkeit bestehen die vier originalen Plastiken aus einem Thüster Kalkstein, einem sehr weichen Naturstein aus dem Weserbergland zwischen Hildesheim und Hameln. Für die Kopien wurde ein marmorähnlicher, weißer, fester Kalkstein aus Lens (Frankreich) verwendet, da das Originalmaterial steht heute nicht mehr in solch großen Blöcken zur Verfügung steht und das Material aus Frankreich weniger witterungsanfällig ist.
Die vier allegorischen Figuren symbolisieren die Schifffahrt, den Handel, die Industrie und die Landwirtschaft. Sie wurden nach einem Auswahlverfahren durch die Bildhauer und Steinrestauratoren
- Wieland Schmiedel, Crivitz („Schifffahrt“)
- Markus Gläser, Leipzig („Handel“ und „Industrie“)
- Guntram Kretschmar, Müggendorf („Landwirtschaft“)
neu gefertigt.
Für die Neuanfertigung der vier Zollbrückenfiguren wurden insgesamt 365.000 € aufgewandt, davon 320.000 € aus dem städtischen Haushalt. 45.000 € wurden von Sponsoren zur Verfügung gestellt, darunter der Stadtsparkasse Magdeburg, der ÖSA, der Städtischen Werke Magdeburg und von Lotto Toto.
Geschichtliches
Der Bau der Zollbrücke war 1876 beschlossen worden. Sie gilt als älteste Steinbrücke Magdeburgs, die bildkünstlerisch anderen Städten entlang der Elbe und den weiten Handelsverbindungen der Stadt die Referenz erweisen sollte.
Mit den bekrönenden – seinerzeit keineswegs unumstrittenen - Figuren sollten um 1880 nicht namhafte Persönlichkeiten oder „hervorragende Männer“ der Magdeburger Stadtgeschichte dargestellt werden, sondern Eigenschaften „der gesamten Bürgerschaft“ wie „Mannhaftigkeit, Entschlossenheit, Einmüthigkeit und Tüchtigkeit für glorreiche Thaten“.
Deshalb symbolisieren die vier Figuren als Allegorien die wirtschaftlichen Hauptaufgaben einer Stadt des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Alle vier Skulpturen stellen jeweils eine männliche stehende Figur und ein Kind oder Jüngling dar - beide sind jeweils mit symbolischen Attributen versehen.
Jede der stehenden männlichen Figuren hält ein für den Beruf typisches Werkzeug in der Hand:
- die „Schifffahrt“ ein Ruder
- die Industrie einen Zirkel,
- der Handel ein Buch und Schreibgerät (Füller)
- die Landwirtschaft eine Sichel.
-
Die vier allegorischen Skulpturen wurden in den Jahren 1880 bis 1882 von Emil Hundrieser entworfen, einem der bedeutendsten Bildhauer der Wilhelminischen Kunstepoche. Sie wurden speziell für die Zollbrücke Magdeburg in einer heute nicht mehr bekannten Werkstatt geschaffen.
An den Originalen waren um 1990 ca. 50 % der Oberflächen um ca. 0,5 bis 1,5 cm abgewittert. Somit waren feingliedrige Teile der Arme und Hände der Kinderplastiken sowie die Gesichter schon verloren gegangen. Dies beeinträchtigte die ästhetische Wirkung sehr. Trotzdem ist jede Figurengruppe für sich noch erkennbar und in ihrer Grundsubstanz erhalten.