23. Juni 2008. Helmut Thiele ist tot. Der Wappenringträger der Stadt Kassel starb, wie erst jetzt bekannt wurde, am Dienstag, 17. Juni, im Alter von 87 Jahren.
Oberbürgermeister Bertram Hilgen würdigte Thiele als einen Menschen, dem es gelungen sei, mit seiner stadtgeschichtlichen Grundlagenarbeit verloren geglaubte Quellen wieder sprechen zu lassen. Eines seiner herausragende Projekte seien die 13 Bände, mit denen er die im zweiten Weltkrieg vernichteten Kasseler Kirchenbücher aus der Zeit von 1731 bis 1839 durch das Studium zahlreicher Quellen zu ersetzen vermochte. Durch Helmut Thiele seien viele Facetten der Kasseler Stadtgeschichte wieder zum Vorschein gekommen. Thieles besonderes Anliegen sei es gewesen, die Rolle jüdischer Bürgerinnen und Bürger bei der Entwicklung Kassels zur Großstadt mit aufblühender Industrie sowie den regen Handel und Gewerbe darzustellen.
Da die Originalquellen während der NS-Zeit und nach dem Bombenangriff im Oktober 1943 fast vollständig vernichtet worden seien, habe der in Kassel gebürtige Thiele in aufopferungsvoller Kleinarbeit aus allen verfügbaren Unterlagen Daten zusammengetragen. Dabei habe er festgestellt, dass es Anfang des vorherigen Jahrhunderts kein Judenghetto oder einen ähnlichen Wohnbezirk in Kassel gegeben habe. Vielmehr hätten nachbarliche und berufliche Kontakte mit den christlichen Mitbürgern bestanden.
Durch seine detektivische und geduldige Arbeit sei es möglich geworden, so Hilgen weiter, sich ein Bild über die gesellschaftliche Situation vom 17. Jahrhundert bis 1942 in Kassel zu machen. Ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Kassel würden Thieles Bücher zum Anlass nehmen, Ahnenforschung zu betreiben. Nicht zuletzt sei das Wirken Thieles ein entscheidender Beitrag zum deutsch-jüdischen Dialog gewesen. „Helmut Thiele hat der Stadt ein Stück ihres verloren geglaubten Gedächtnisses wieder zurückgegeben“, so Oberbürgermeister Hilgen.
Für seine Leistungen um die Geschichte Kassels wurde Helmut Thiele mehrfach ausgezeichnet. So erhielt er 1986 die Stadtmedaille, 1991 den Ehrenbrief des Landes Hessen und 1995 die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft für Familienkunde. Und 2007 wurde ihm die zweithöchste städtische Ehrung, der Wappenring, verliehen.
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