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Magdeburg, 29. August 2008
Kleine Glocke kehrt in die Johanniskirche zurück
Am kommenden Dienstag in der Jakobstraße

Die Restaurierung der kleineren Glocke der Johanniskirche ist beendet. Am kommenden Dienstag, 2. September 2008, ab ca. 12.00 Uhr wird die Glocke mit einem Schwerlastkran in die Glockenstube gehoben. Zuvor, ab ca. 10.00 Uhr, erfolgt das Einheben der Hölzer für den neuen Glockenstuhl aus Eichenholz.

 

Die kleinere (rund 3 Tonnen) der beiden Johanniskirchenglocken ist in den vergangenen sechs Monaten vom Glockenschweißwerk Lachenmeyer in Nördlingen restauriert worden. Die Sanierung umfasste das Wiederanschweißen von zwei abgeschlagenen Kronenhenkeln und eine aufwändige Rissschweißung im Bereich des Schlagringes. Der erst in einer späten Phase der Vorbereitung erkannte Riss hatte die Sanierung der Glocke zwingend erforderlich gemacht.

 

Die größere (rund 6,5 Tonnen) der beiden Glocken konnte dagegen in der Glockenstube bleiben und wird im jetzigen Zustand wieder in das Geläut eingebaut. Für beide Glocken wurde jeweils ein neuer Klöppel geschmiedet. Der Klöppel für die größere Glocke liegt bereits in der Westvorhalle der Johanniskirche und kann dort besichtigt werden. Er hat eine Masse von rund 250 Kilogramm. Ziel des Kuratoriums für den Wiederaufbau der Johanniskirche ist es, das neue Geläut zum Reformationstag am 31. Oktober 2008 erstmals erklingen zu lassen.

 

Nach der Demontage des alten stählernen Glockenstuhles im Februar wurden im Nordturm der Kirche die baulichen Voraussetzungen für den Einbau des Glockenstuhles aus Eichenholz geschaffen. Ein Teil der Arbeiten war die Montage eines Trägers, der das Einhängen der Glocken in den neuen Glockenstuhl ermöglicht.

 

Die Gesamtkosten betragen rund 225.000 Euro. Darin enthalten sind die Kosten für die Errichtung des hölzernen Glockenstuhls und die Sanierung des Glockengeläutes von rund 150.000 Euro. Die Kosten von rund 75.000 Euro für die Schaffung der baulichen Voraussetzungen zum Einbau des Glockenstuhls werden aus städtischen Mitteln finanziert. Im Juli dieses Jahres wurde ein Antrag auf Denkmalfördermittel in Höhe von 50.000 Euro bewilligt. Damit können weitere dringend notwendige Sanierungsmaßnahmen am Nordturm der Johanniskirche und an der gotischen Westvorhalle durchgeführt werden.

 

Das Kuratorium zum Wiederaufbau der Johanniskirche hatte in den zurückliegenden Jahren neben Spenden für den Wiederaufbau der Kirche und die Wiedererrichtung des Südturmes einschließlich Haube seit Dezember 2006 mit "Glockenstühlen" auch Spenden für die Wiedererrichtung des Geläutes der Johanniskirche gesammelt.

 

Hintergrund:

Am 13. Dezember 1990 wurde auf der 8. Sitzung der ersten frei gewählten Stadtverordnetenversammlung nach der Wiedervereinigung Deutschlands der Beschluss zum Wiederaufbau der Johanniskirche gefasst. Am 16. Januar 1991, am Tag des Gedenkens der zweiten Zerstörung Magdeburgs, gründete sich das Kuratorium für den Wiederaufbau der Johanniskirche. Am 2. Oktober 1999 konnte die wieder aufgebaute Johanniskirche feierlich eingeweiht werden.

 

Die Vollendung des Aufbaus wurde durch das Aufsetzen der Spitze des Südturmes am 27. Januar 2004 gekrönt. Die zwei im Nordturm vorhandenen Glocken, darunter die sogenannte große Festglocke aus dem Jahr 1670, hatten den Zweiten Weltkrieg wie durch ein Wunder überstanden. Eigentlich zur Einschmelzung vorgesehen, wurden sie nach dem Krieg in Hettstedt und Wilhelmsburg wiedergefunden und 1954 nach Magdeburg gebracht. Seither hängen sie stumm im Nordturm. Die Aufhängung weist Schäden durch Materialermüdung auf, die wiederum auf die starke Torsionsbeanspruchung zurückzuführen ist. Die Erneuerung des Glockenstuhls im Nordturm wird bereits seit Anfang der 90er Jahre geplant. Der neue Glockenstuhl aus Eichenholz soll den jetzigen aus Eisen ersetzen.

 

Eigentümer der Glocken ist die Evangelische Trinitatisgemeinde Magdeburg. Dies soll sich auch nach Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit der Glockenanlage nicht ändern.

 

Die Landeshauptstadt Magdeburg, vertreten durch das Hochbauamt, hat für die Wiedererrichtung des Glockenstuhls die Bauherrenfunktion übernommen. Das Kuratorium für den Wiederaufbau der Johanniskirche zu Magdeburg übernimmt Kosten in Höhe von ca. 150.000 Euro, die durch Spenden und Sponsoring  eingeworben wurden. Jährliche Betriebskosten für das Geläut in Höhe von ca. 600 Euro übernimmt die Messe- und Veranstaltungsgesellschaft Magdeburg mbH als Bewirtschafter der Johanniskirche.

 

Die Glocken der Johanniskirche sollen künftig zu folgenden Anlässen läuten:

- Jahrestag der Zerstörung Magdeburgs am 16. Januar,

- Reformationstag am 31. Oktober,

- Jahreswechsel,

- Gedenken zum Wiederaufbau der Johanniskirche mit der

   Errichtung des Südturmes am 12. Mai (alle fünf Jahre)

- Todestag Otto-von-Guerickes am 11. Mai (alle fünf

   Jahre)

- Kirchliche Veranstaltungen auf Anforderung des

  Veranstalters

- Sonderanlässe nach Abstimmung und mit Einverständnis

  der Vertragspartner

 

Zur Geschichte der Kirche St. Johannis

Das Gotteshaus steht für rund 1.000 Jahre wechselvolle Geschichte Magdeburgs, wenn man die romanische Vorkirche einbezieht. St. Johannis war die Kirche der Kaufleute. 941 wird auf dem Plateau am Bürgermarkt eine Volkskirche erwähnt. Entsprechend den Sitten der Zeit wurde diese Kirche um 1170 dem Schutzheiligen Johannes dem Evangelisten anvertraut.

 

Fünfmal zerstört und fünfmal wiederaufgebaut, stieg die älteste Rats- und Pfarrkirche der ehemals großen und reichen Stadt Magdeburg zum Symbol des Lebenswillens ihrer Bürgerschaft auf.

 

Nach Bitten der zur Reformation geneigten Ratsmitglieder begab sich Dr. Martin Luther um 1524 nach Magdeburg. In der Johanniskirche hat er am 26. Juni 1524 gepredigt "Über die falsche und wahre Gerechtigkeit" - ein Schulbeispiel für die Kraft des Wortes, denn diese Predigt war Ausgangspunkt für den Übergang Magdeburgs zum Protestantismus. Die Türen und Fenster der Kirche mussten geöffnet werden, da nicht alle Gläubigen Einlass fanden. Hunderte Magdeburger standen vor dem Gebäude, um Luthers Predigt zu hören.

 

Schon 1530 trat Magdeburg in den Schmalkaldischen Bund zur Verteidigung der Reformation ein. Seit der Reichsacht von 1547 war die Stadt einer der Mittelpunkte der protestantischen Opposition, Magdeburg war "Unseres Herrgotts Kanzlei" – wie Wilhelm Raabe es später ausdrückte. Dafür zahlte die Stadt 1631 einen hohen Blutzoll: Als Tillys Truppen die Stadt in Schutt und Asche legten, fiel auch die Johanniskirche.

 

Der Wiederaufbau nach dem 30-jährigen Krieg wurde maßgeblich von einem bedeutenden Bürger mitgestaltet - dem Naturforscher und Diplomaten Otto von Guericke. Er war nicht nur über 50 Jahre Ratsmitglied der Stadt, sondern drei Jahrzehnte ihr Bürgermeister. Otto von Guericke heiratete mit Margarete Alemann in eine der ältesten Magdeburger Ratsfamilien ein und beide Familien erwarben ein Erbbegräbnis in der bedeutendsten Reformationskirche der Stadt.

 

Am 16. Januar 1945 teilte die Johanniskirche abermals das Schicksal ihrer Stadt. Sie fiel dem Bombenhagel zum Opfer. Nach dem Krieg retteten notdürftige Sanierungsmaßnahmen die Kirche, die eigentlich abgerissen werden sollte. Als Mahnmal ragte die Johanniskirche jedoch mit anderthalb Türmen und dem Kirchenschiff ohne Dach, solchermaßen offen und verletzlich, über 50 Jahre in die Stadtsilhouette - vergleichbar dem Schicksal der Dresdner Frauenkirche.

 

Der Wiederaufbau begann 1998, am 2. Oktober 1999 wurde die wieder errichtete Johanniskirche feierlich eröffnet. Der Wiederaufbau kostete 20,2 Mio. DM und wurde zu 80 % vom Land Sachsen-Anhalt gefördert. Die Kirche wird heute als Kulturhaus für Konzerte, Ausstellungen, Tagungen, Ehrungen und kirchliche Veranstaltungen genutzt.

 

Die "Trauernde Magdeburg" - in der spätgotischen Vorhalle der Kirche zu sehen - ist ein Teil des Wormser Lutherdenkmals. Sie hat eine Zeit in der Kirchenruine gestanden, den sozialistischen Machthabern nicht optimistisch genug, wurde sie verbannt in unzugängliche Museumsräume. 1999 erhielt sie einen in der Stadt würdigen und ihrem Schicksal angemessenen Platz.

 

In der Kirche sind Reste der romanischen Grundmauern zu entdecken, im freigelegten Kellergewölbe. Spätgotisch präsentiert sich die gerettete Sakristei aus dem Jahre 1505.

 

Der Treppenturm führt hinauf zu einer Aussichtsplattform mit einem sensationellen Rundblick über Magdeburgs Innenstadt. Der Kanzelträger der Renaissance gehört zu den zahlreichen Kunstwerken. Von der obersten Galerie kam man die Dimension des Kircheninnenraums erleben, auch wenn das Kreuzrippengewölbe nicht wieder hergestellt werden konnte.

 

Die Johanniskirche war immer auch ein geistiges Zentrum Magdeburgs. Dem altehrwürdigen Kirchenraum angemessen, wurde ein Nutzungskonzept entwickelt, das an diese Tradition anknüpft. Hier finden Kunst und Wissenschaft, Kultur und Freude, Politik und Zeitgeist, Magdeburger und Fremde, Menschen aus nah und fern Einlass. Ausstellungen, Preisverleihungen, Gedenkstunden, das Fest der Religionen, Jugendfeiern und viele Tagungen und Kongresse bilden das Jahresprogramm.



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