Einweihung der Günter-Särchen-Straße im Stadtzentrum am kommenden Dienstag
Stadt ehrt Vorreiter der deutsch-polnischen Versöhnung
Magdeburg.
Die bisher unbenannte Straße an der Kathedrale St. Sebastian wird künftig Günter-Särchen-Straße heißen. Die offizielle Einweihung der Straße erfolgt durch Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper am kommenden Dienstag (4. November) um 14.00 Uhr.
Die Benennung einer Straße nach Günter Särchen hatte der Magdeburger Stadtrat am 10. April 2008 auf Grund eines Antrages der Anna-Morawska-Gesellschaft, des Ökumenischen Dialogs für Deutsch-Polnische Verständigung e.V., der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Sachsen-Anhalt e.V. und der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste beschlossen. Der Antrag wurde unterstützt vom Bischöflichen Ordinariat des Bistums Magdeburg.
Mit der Straßenbenennung leistet die Landeshauptstadt Magdeburg einen wichtigen Beitrag, um das Andenken an Günter Särchen, der sein Leben der deutsch-polnischen Versöhnung gewidmet hatte, wach zu halten. So würdigte die katholische Wochenzeitung Tygodnik Powszechny Günter Särchen anlässlich seines Todes im Jahr 2004: „Günter Särchen war einer der größten Vorreiter für die deutsch-polnische Versöhnung. Einer, über den zu wenig gesprochen wird – in Polen wie vor allem im heutigen Deutschland.“
Günter Särchen arbeitete von 1953 bis 1984 im Bischöflichen Amt Magdeburg und leitete dort die Arbeitsstelle für pastorale Hilfsmittel, die die katholischen Gemeinden in der gesamten DDR mit Medien versorgte. Schon früh begann er, sich von Magdeburg aus für die deutsch-polnische Verständigung und Versöhnung einzusetzen.
Bereits 1960 fuhr er erstmals nach Polen, wo er Gesprächspartner in Gemeinden und Klöstern, in den Klubs der katholischen Intelligenz und in Laski, dem geistigen Zentrum der polnischen Laienbewegung, fand.
Durch zahlreiche von ihm initiierte Aktionen, durch Pilgerfahrten an die Orte der Konzentrationslager, durch eine kontinuierliche Bildungsarbeit in den vor 40 Jahren von ihm gegründeten „Polenseminaren“ - dem Vorläufer der Anna-Morawska-Gesellschaft - hat Günter Särchen deutsch-polnischer Versöhnung in der DDR den Weg bereitet.
Lothar Kreyssig, der Begründer der Aktion Sühnezeichen, hatte ihn zu diesem Weg ermutigt. Die Arbeitseinsätze in ehemaligen Konzentrationslagern gestaltete Günter Särchen gemeinsam mit der Aktion Sühnezeichen, zu deren Leitungskreis er lange Zeit gehörte.
Aus seinen Kontakten zu Polen erwuchsen vertrauensvolle Beziehungen zu zahlreichen polnischen Bischöfen, Priestern und Laien.
In seinem Einsatz für die deutsch-polnische Aussöhnung hat sich Günter Särchen auch durch vielfach erfahrene Repressionen nicht entmutigen lassen.
Vita
Günter Särchen wurde am 14. Dezember 1927 in Wittichenau geboren. Er besuchte die katholische Volksschule und erlernte den Beruf eines Textilverkäufers. Im Oktober 1944 wurde er zur Front einberufen, im Januar 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft, aus der er als kranker Mann zurückkam.
In dieser Zeit dachte Günter Särchen grundlegend über die Notwendigkeit einer Versöhnung des deutschen Volkes mit seinen Nachbarvölkern nach und sah, dass aus dem christlichen Glauben der Auftrag erwächst, dieser Versöhnung in Deutschland den Weg zu bereiten.
Die Möglichkeit dazu bekam er, als er 1950 in Görlitz als Jugendhelfer für das Erzbischöfliche Kommissariat zu arbeiten begann. Nach seiner Beteiligung am Aufstand vom 17. Juni 1953 übte Günter Särchen diesen Beruf ab 1953 in Magdeburg aus. Von 1958 bis zu seiner Invalidisierung 1984 leitete Günter Särchen die Arbeitsstelle für pastorale Hilfsmittel beim Erzbischöflichen Kommissariat Magdeburg.
Die Magdeburger Zeit war die Zeit seiner großen Versöhnungsarbeit. Im Auftrag seiner Kirche fuhr er nach Polen, suchte und fand dort Gesprächspartner in Gemeinden und Klöstern, in den Klubs der katholischen Intelligenz, lernte viele Priester und Bischöfe kennen, darunter in Krakau Karol Wojtyla, dem späteren Papst Johannes Paul II. So war Günter Särchen für den Gründer von Aktion Sühnezeichen, Lothar Kreyssig, wichtiger Partner zur Vorbereitung von Pilgerfahrten nach Polen, die den ökumenischen Gedanken widerspiegelten.
Viele Jahre war Günter Särchen in der Leitung dieses kirchlichen Versöhnungswerks engagiert. Bei seinen vielen Fahrten nach Polen lernte er immer mehr Menschen kennen, die zur Versöhnung mit den Deutschen bereit waren.
Der Name Günter Särchen hat in Polen einen guten Klang. Die Republik Polen ehrte ihn 1990 mit der Kommandeursstufe des Verdienstordens der Republik Polen, die Bundesrepublik Deutschland 1993 mit dem Bundesverdienstkreuz.
Günter Särchens Versöhnungsarbeit ging von Magdeburg aus. Seit den sechziger Jahren lud Günter Särchen zu den Magdeburger Polenseminaren ein. Hier trafen sich zweimal im Jahr alle Interessierten, denen an Versöhnung mit dem Nachbarland gelegen war. Hierher kamen wichtige Vertreter der Kirche und der Demokratie-Bewegung Polens, um über die Situation in Polen zu informieren und Versöhnung konkret zu teilen.
Aus diesen Seminaren ist die Magdeburger Anna-Morawska-Gesellschaft für deutsch-polnische Verständigung entstanden, deren Vorsitzender, später Ehrenvorsitzender Günter Särchen bis zu seinem Tode am 19. Juli 2004 war.
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