Magdeburg erinnert an die Opfer der Reichspogromnacht
Am Sonntag Gedenkveranstaltung in der Johanniskirche
Magdeburg.
Mit einer Gedenkfeier in der Johanniskirche erinnert die Landeshauptstadt am kommenden Sonntag an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938, die auch in Magdeburg zur Zerstörung der Synagoge und jüdischer Geschäfte im Stadtzentrum sowie zur Vertreibung vieler jüdischer Mitbürger führte. Die Gedenkfeier beginnt um 15.00 Uhr. Im Anschluss findet ein Schweigemarsch zum Denkmal für die zerstörte Synagoge in der Julius-Bremer-Straße statt, wo der Rabbiner Ariel Lototski das jüdische Totengebet sprechen wird.
Die Gedenkfeier wird gemeinsam von beiden Kirchen, der Synagogengemeinde, dem Land Sachsen-Anhalt und der Landeshauptstadt gestaltet.
Worte des Gedenkens sprechen am Sonntag während der Veranstaltung in der Johanniskirche Superintendent Michael Seils und Rabbiner Ariel Lototski. Für die Landeshauptstadt Magdeburg spricht Bürgermeister Dr. Rüdiger Koch Worte, das Land Sachsen-Anhalt wird vertreten durch Dr. Angela Kolb, Ministerin der Justiz..
Von den fast 2.000 Mitgliedern der jüdischen Gemeinde in Magdeburg überlebten den Holocaust nur 83. An die Opfer und die Schicksale ihrer Familien erinnern während der Gedenkfeier in der Johanniskirche Schüler des Ökumenischen Domgymnasiums. Der Chor der Synagogengemeinde unter der Leitung von Svetlana Ozerskaia sorgt für den musikalischen Rahmen.
Im Anschluss an die Gedenkveranstaltung in der Johanniskirche findet ein Schweigemarsch zum Denkmal für die zerstörte Synagoge in der Julius-Bremer-Straße statt. Dort werden die Vertreter der Stadt und des Landes kränze niederlegen.
Auf dem Friedhof der Synagogengemeinde im Fermersleber Weg ist am kommenden Sonntag ein individuelles stilles Gedenken möglich, er ist bis 21.00 Uhr geöffnet.
Hintergrundinformationen
Geschichte der Juden in Magdeburg
- Anzahl der jüdischen Bewohner 1925: 2.361 (297.151 Einwohner)
1933: 1.973 (306.894 Einwohner)
- 9.11.1938: Zerstörung der Synagoge, an ihrer Stelle (Julius-Bremer-Str.) steht heute ein Mahnmal für die jüdischen Opfer des Naziregimes mit der Inschrift:
„Dem Nazi-Terror fielen 1.521 Magdeburger jüdischen Glaubens,
darunter 287 unschuldige Kinder, zum Opfer.“
- nur 83 Mitglieder der Synagogengemeinde überlebten den Nazi-Terror
- seit 1989 steigt die Zahl der Gemeindemitglieder wieder, die jüdische Gemeinde besteht heute vor allem aus russischen Zuwanderern
Begegnungen/Aktionen
Nach seiner Wahl zum OB veröffentlichte Dr. Polte 1990 einen Aufruf an alle ehemaligen Magdeburger, die ihre Vaterstadt aus religiösen oder politischen Gründen verlassen mussten und lud sie ein, nach Magdeburg zurückzukehren. Vom 24. bis 31. Mai 1994 weilten erstmals 20 jüdische Bürger, die in Magdeburg geboren sind und ihre Heimatstadt nach 1933 verlassen mussten, auf Einladung der Landeshauptstadt in Magdeburg. Für alle war es die erste Begegnung mit Magdeburg seit ihrer Emigration, für die meisten die erste Reise nach Deutschland. Seitdem haben ehemalige jüdische Mitbürger immer wieder ihre Geburtsstadt besucht und sind vielfach offiziell durch den Oberbürgermeister empfangen worden.
Nur 83 Magdeburger Juden haben den Holocaust überlebt. An sie erinnert und mahnt das 1988 errichtete Denkmal "An der Alten Synagoge" vom Magdeburger Metallgestalter Josef Bzdok. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde 2004 durch die Magdeburgische Gesellschaft von 1990 ein Relief zur Erinnerung an die 1938 zerstörte Magdeburger Synagoge aufgestellt.
Seit der Wende gibt es in Magdeburg eine Deutsch-Israelische Gesellschaft. Dadurch hat die Begegnung mit der jüdischen Kultur und jüdischen Künstlern an Bedeutung gewonnen. Vorträge und Podiumsgespräche über israelische Literatur, die Geschichte und aktuelle Politik Israels und die deutsch-israelischen Beziehungen in Vergangenheit und Gegenwart gehören inzwischen zum Alltag in Magdeburg. Erinnert sei an Gedenkveranstaltungen für den jüdischen Arzt Dr. Otto Schlein, Ausstellungen zu Nomi Rubel, die der Landeshauptstadt ihren schriftstellerischen Nachlass übereignet hat, an die Benennung von Straßen (Arthur-Ruppin-Straße) und die Taufe der neu gebauten Brücke über die Elbe auf den Namen „Jerusalem-Brücke“ im Jahr des 3000jährigen Jubiläums dieser Stadt. Erstmals fand 2007 in Magdeburg eine „Woche der jüdischen Kultur und Geschichte“ statt.
Seit 2001 erinnert das Denkmal „Magda“ an eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald gleichen Namens, wo mehr als 2000 Häftlinge – überwiegend Juden aus Ungarn – zu Tode gequält wurden. Hier gedenken alljährlich am 27. Januar Vertreter von Stadt, Land, Kirchen und Religionsgemeinschaften, Parteien und Bundeswehr der Opfer des Nationalsozialismus.
Der Jüdische Friedhof
Jüdische Friedhöfe tragen auch die Bezeichnung "Guter Ort" oder "Halle des Lebens". 1999 begann die Urbarmachung des Israelitischen Friedhofes am Fermersleber Weg in einem ABM-Projekt. Auf dem Friedhof gibt es ein Ehrengrab für die Gefallenen des I. Weltkrieges, die der jüdischen Gemeinde angehörten.
Auf dem Jüdischen Friedhof im Fermersleber Weg befinden sich die Grabsteine von Moritz Rahmer, Philippson und Guyla Grosz. Hier ist auch das Grab der legendären Magdeburger Zirkusfamilie Blumenfeld. Bis 1920 hatte sie das einzige feste Zirkusgebäude in Deutschland. Der jüdische Arzt Dr. Otto Schlein ist auf dem Westfriedhof beigesetzt worden.
Stolpersteine
Am 18. März 2007 weihte Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper im Rahmen einer Gedenkstunde die ersten Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Opfer des Nationalsozialismus in Magdeburg ein. Der erste der verlegten Stolpersteine ist dem früheren Magdeburger Bürgermeister Dr. Herbert Goldschmidt gewidmet. Der Stein wurde an der Ostseite des Rathauses gegenüber der Johanniskirche in den Fußweg eingelassen. Hier war der sozialdemokratische Bürgermeister 1933 von der Gestapo aus seinen Diensträumen abgeführt worden. 1943 wurde Dr. Herbert Goldschmidt in einem Konzentrationslager bei Riga ermordet.
Bisher wurden insgesamt 65 Stolpersteine verlegt, die an verschiedenen Orten in der Stadt an einstige jüdische Mitbürger und ihre Schicksale erinnern. Am 14. November werden im Rahmen einer Feierstunde weitere Stolpersteine zur Erinnerung an ermordete jüdische Mitbürger verlegt.
Finanziert werden die Erinnerungsmale ausschließlich durch Spenden. Ein Stein kostet 120,- Euro. Darin enthalten sind auch die Kosten für die Pflege sowie für die Dokumentation in einem "Magdeburger Gedenkbuch", das möglichst viele Angaben über Leben und Schicksal der ermordeten Menschen aufnimmt. Ein Buch, zusammengetragen von Vereinen, Initiativen, Schulklassen und Einzelpersonen. Es widmet sich der Spurensuche nach dem Lebensweg der Ermordeten – jüdischer Menschen vor allem, aber auch Sinti und Roma oder anderer Opfer. Die ersten Seiten sind bereits gedruckt.
Spenden für weitere Stolpersteine können auf das Konto 140 00 101 bei der Stadtsparkasse Magdeburg (BLZ: 81053272) überwiesen bzw. eingezahlt werden. Als Verwendungszweck muss dabei unbedingt die Ziffernfolge 0.541000.050014.3 angegeben werden.
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