02. Juni 2009. Bei Bauarbeiten auf dem Gelände der Universität Kassel wurden im Jahr 2008 menschliche Skelettreste von 60 Individuen unbekannter Herkunft gefunden.
Bürgermeister Thomas-Erik Junge nahm sich des Themas an und sorgte und für eine Verbringung der Skelette auf den Friedhof. Dabei betonte er, eine zeitliche Eingrenzung der ursprünglichen Bestattung auf dem Universitätsgelände sei für die stadtgeschichtliche Forschung „dringend erforderlich“.
Eine erste Untersuchung der Skelettfunde durch das Institut für Rechtsmedizin in Gießen erbrachte eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den gefundenen Überresten um Personen handelt, die vor 1879 verstorben sein müssen. Am ehesten kommt danach ein Todeszeitraum zwischen 1721 und 1816 in Betracht. Leider konnten bei diesen Untersuchungen keine Aussagen über die gefundenen Individuen in Bezug auf ihr Geschlecht oder ihr Alter getroffen werden.
Dr. Kai Füldner, Leiter des Naturkundemuseums, steht im Kontext der ab November 2009 zu sehenden Ausstellung „Mumien- Körper für die Ewigkeit“ in engem Kontakt mit den Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, die bereits eine erfolgreiche Mumienausstellung gezeigt haben.
Für die Fachleute in Mannheim waren die Skelettfunde in Kassel von großem Interesse. Auf Bitte der Stadt Kassel veranlassten die Reiss-Engelhorn-Museen, die geborgenen Skelettreste einer anthropologischen Untersuchung zuzuführen, um aussagekräftigere Ergebnisse - vor allem in Bezug auf eine Alters-, Körpergrößen- und Geschlechtsbestimmung- zu erhalten. Damit wurde Ende 2008 das Institut für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz beauftragt, das sich freundlicherweise bereit erklärt hatte, auf eine reguläre Kostenberechnung zu verzichten und für eine geringe Aufwandsentschädigung tätig wurde. Die Ergebnisse der Untersuchungen liegen nun vor:
Insgesamt wurden 228 Skelettteile untersucht. Dabei konnten 39 für die Geschlechtsbestimmung taugliche Knochenelemente als männlich, 16 als eher männlich und drei als weiblich bestimmt werden. Bei den als weiblich bestimmten Elementen könnte es sich jedoch auch um sehr grazile männliche Individuen handeln.
Bei der Alters- und Körpergrößenbestimmung der Individuen ließ sich feststellen, dass sich größtenteils um Erwachsene handelt, die eine durchschnittliche Größe von 170 cm hatten. Insgesamt lässt die Zusammensetzung der untersuchten Skelettteile den Schluss zu, dass es sich um eine Kohorte mit militärischem Hintergrund handelt, da fast ausschließlich Gebeine von jungen, männlichen Individuen gefunden wurden. Auffällig ist jedoch, dass sich keinerlei Hinweise auf (stumpfe oder scharfe) Gewalt finden lassen. Auch fehlen Anzeichen für verheilte Verletzungen und Frakturen. Über die Todesursache können bislang noch keine Aussagen getroffen werden. Interessante Nebenbefunde sind jedoch pathologische Veränderungen einiger Individuen wie verheilte Knochenmarksentzündungen oder starke arthrotische Veränderungen.
Die Befunde ergeben hinreichende Gründe für weiterführende Untersuchungen. Hierzu konnte Dr. Füldner das Anthropologischen Institut in Göttingen gewinnen, das im Rahmen von studentischen Diplom- und Bachelorarbeiten die Kasseler Skelette weiter bearbeiten will.
Auch einige zufällige Beifunde von Tierknochen und Keramikresten sollen einer genaueren Betrachtung unterzogen werden.
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