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Pressemitteilung vom
15. Dezember 2009
Mit „Just in Time“ rechtzeitig Alkohol- und Drogenmissbrauch bei Jugendlichen entgegenwirken
Hofgeismar/Kreis Kassel.

Sebastian (Name von der Redaktion geändert) ist auf Klassenfahrt und hat zuviel getrunken. Er torkelt und übergibt sich. Die Nacht wird turbulent für alle. „So was passiert - auch wenn die Verbote und Regeln bekannt sind, die üblichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen wurden“, berichtet Udo Reining, Abteilungsleiter der Ambulanten Jugendhilfe im Jugendamt des Landkreises Kassel. Viele Jugendliche glauben Alkohol ausprobieren zu müssen und wollen hierbei ihre Grenzen kennen lernen, so Reining weiter.

 

Heute beginne der Alkoholkonsum immer früher. Reining: „Sebastian ist 13 Jahre - man kann also noch in keiner Weise von jugendlichem Probierkonsum sprechen“. Sebastians Lehrer sprechen seinen Alkoholkonsum an, auch der Leistungsabfall der letzten Monate war ihnen aufgefallen. Es kommt zu einem Gespräch mit dem Schulsozialarbeiter der Schule. Dabei wird deutlich: Es ist nicht dass erste Mal, dass Sebastian Alkohol konsumiert. Auch außerhalb der Schule nimmt er regelmäßig Hochprozentiges zu sich. Nach dem Gespräch mit dem Schulsozialarbeiter ist Sebastian einverstanden, dass „Just in time“ bei ihm anruft.

 

Peter Geipel von der mobilen Drogenhilfe Nordhessen ruft bei Sebastian an. Beide verabreden sich zu einem Spaziergang in der Nähe von Sebastians Wohnort. Sie kommen ins Gespräch miteinander. Sebastian berichtet über den ständigen Ärger zu Hause. Aus seiner Sicht kritisieren alle ständig an ihm herum, insbesondere der neue Lebensgefährte der Mutter. Ein weiteres Gespräch findet statt. Dann folgt auch das gemeinsame Gespräch mit seiner Mutter und deren Lebensgefährten.

Sebastian hatte es nie ganz einfach und seine Mutter auch nicht mit ihm. Aber mittlerweile geht „gar nichts mehr“. Den Freund der Mutter lehnt er vollständig ab. Hinzu kommt die Clique der älteren Freunde. Sebastian kommt nach Hause wann er will und Alkohol gehört in der Clique fest dazu. Seine Mutter bestätigt, dass sie bereits länger ihren erzieherischen Einfluss auf Sebastian fast gänzlich verloren habe. Peter Geipel steht unter Schweigepflicht, aber mit Einverständnis der Beteiligten kann er Kontakt zum Jugendamt des Landkreises Kassel aufnehmen. „Wir sind, begünstigt durch die gute Vorarbeit und Vermittlung, schnell zu dem Schluss gekommen, dass für Sebastian eine Hilfe außerhalb des familiären Rahmens notwendig ist“, erläutert Reining die Vorgehensweise des Jugendamtes an diesem Beispiel.

Sebastian zieht in eine regional vorhandene, auf Jugendliche mit Suchtmittelproblemen spezialisierte Jugendwohngruppe. Hier finden seine Ansprechpartner einen Zugang zu ihm und Sebastian gelingt es im Lauf der Zeit wieder besser Regeln, auch von Erwachsenen, zu akzeptieren. Ziel bleibt jedoch die Rückkehr nach Hause. Die regelmäßigen Besuche am Wochenende zu Hause lassen hoffen. Sebastian ist frühzeitig erreicht worden. Hilfen des Jugendamtes hätten ansonsten vielleicht auch zwei oder drei Jahre später eingesetzt. Reining: „Aber Sebastian wäre dann an einem anderen Punkt gewesen“. Weiterer regelmäßiger Alkoholkonsum hätte seine Suchtgefährdung drastisch erhöht. Schulisches Versagen, schlechte berufliche Perspektiven und dauerhafte familiäre Konflikte wären als deutlich wahrscheinlicherer Weg vorgezeichnet gewesen.

 

Bei Sebastian griff die Kooperation der unterschiedlichen Hilfeangebote frühzeitig ineinander: Sensibilisierte Lehrer, ein Schulsozialarbeiter, der vermitteln konnte und ein auf die Arbeit mit suchtmittelkonsumierenden Jugendlichen spezialisierter Sozialarbeiter, der in hohem Maße Zugang und Kontakt findet, sowie ein Jugendamt, dass durch die vorherige Beratung durch „Just in time“ begünstigt und schnell die notwendige Hilfe einleitet.

 

Peter Geipel kommt wie seine Kollegin Marit Kraneis von der Drogenhilfe Nordhessen e.V. Beide führen seit anderthalb Jahren das Frühhilfeprojekt „Just in time“ für suchtgefährdete Jugendliche durch.

 

„Just in time“ wurde in Zusammenarbeit zwischen dem Jugendamt des Landkreises Kassel und der Drogenhilfe Nordhessen e.V. konzipiert und läuft seit April 2008 mit sehr gutem Erfolg, wie Reining bestätigt. 73 Jugendliche im Landkreis Kassel, die in unterschiedlichsten Situationen mit riskantem Suchtmittelkonsum „erwischt“ wurden, sind seitdem durch beide Mitarbeiter der Drogenhilfe kontaktiert, aufgesucht und beraten worden. Individuell passende Hilfen wurden nach diesem Beratungs- und Klärungsprozess eingeleitet.

 

„Jugendliche haben in der Regel kaum Problembewusstsein beim Missbrauch von Suchtmitteln und wenden sich von selbst so gut wie nie an Beratungsstellen“, weiß Geipel. Deswegen ist gerade der aufsuchende Ansatz des Projektes „Just in time“ zum Zeitpunkt der Erstauffälligkeit so bedeutsam. Geipel: „Riskanter Konsum findet leider heute überall statt“.

„Just in time“ lebt von der Zusammenarbeit mit allen Institutionen, die mit jugendlichen Suchtmittelkonsum zu tun haben. Kooperationspartner sind die Schulen, die Polizeidienstellen, die Ortsjugendarbeit in den Kommunen und die Kreiskliniken in Wolfhagen und Hofgeismar und das Jugendamt des Landkreises.

Wünschenswert wäre natürlich auch eine entsprechende aufsuchende Beratungsarbeit im ganzen Landkreis Kassel, so Reining. Allerdings sind hierzu die personellen Kapazitäten der Mitarbeiter der Drogenhilfe nicht mehr ausreichend.

 

Alkohol und Cannabis sind bei den von „Just in time“ betreuten Jugendlichen die bei weitem am häufigsten benutzten Suchtmittel, so Marit Kraneis von der Drogenhilfe Nordhessen. Der Gefährdungsgrad der jungen Menschen, die mit Suchtmittelkonsum auffallen, sei sehr unterschiedlich. Kraneis: „Manchmal reichen zwei oder drei aufklärende Gespräche völlig“.

Nicht jeder, der zu frühzeitig einmal Alkohol probiert hat, ist gleich auf dem Weg zur Sucht, betont die Suchtberaterin. Kommen aber frühes Einstiegsalter, belastende psychosoziale Lebensumstände und häufiger Konsum zusammen, ist mit diesen typischen Risikofaktoren der Weg in die Sucht oft vorgezeichnet.

Die mobile Drogenberatung im Landkreis Kassel „Just in Time“ ist über die Drogenhilfe Nordhessen e.V., Bürgermeister-Laneus-Straße 1-2 in Hofgeismar, Tel.: 05671/50199, Mail: mobile.drogenberatung@drogenhilfe.com oder drogenberatung.hofgeismar@drogenhilfe.com erreichbar. Weitere Informationen gibt es auch auf der Internetseite www.drogenhilfe.com.

 

Hintergrund:

Von April 2008 bis Oktober 2009 wurden 73 Kinder, Jugendliche und junge Volljährige, die mit unterschiedlichen Suchtmitteln auffällig wurden, von "Just in time" erreicht, betreut und gegebenenfalls weitervermittelt. Die Altersgruppe der beratenen Jugendlichen reicht von 12 - 22 Jahren. Ein Schwerpunkt sind hierbei die 14- und 15-jährigen. Ab dem 17. Lebensjahr dominieren männliche Jugendliche beziehungsweise junge Erwachsene. Der Altersschwerpunkt der Mädchen lag bei den 14-15 jährigen.

Die Vermittlungen erfolgten hauptsächlich über das Jugendamt und die Schulsozialarbeit. Beratungsanlässe sind problematischer Alkoholkonsum, Cannabismissbrauch und Amphetamine. Bei der überwiegenden Zahl dieser Frühhilfebetreuungen erfolgt eine Weitervermittlung. Das Vermittlungsspektrum erstreckt sich, abhängig von der Problemlage, über die örtliche Vereinsarbeit, die Drogenberatung, den qualifizierten Entzug in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wabern bis hin zu spezifischen ambulanten und stationären Jugendhilfemaßnahmen.



Pressekontakt: Pressestelle LANDKREIS KASSEL, Harald Kühlborn



Zu dieser Meldung können wir Ihnen folgende Medien anbieten:


Reining
Auf den angehängten Fotos sieht man die im Text zitierten Personen.


Geipel



Kraneis



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LANDKREIS KASSEL
Pressesprecher
Harald Kühlborn
Wilhelmshöher Allee 19 - 21
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Tel.: 0561/1003-1506
Fax: 0561/1003-1530
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