Trotz einiger Fortschritte immer noch viele Barrieren
Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember
Ottostadt Magdeburg.
Der 3. Dezember wird weltweit seit 1992 als Internationaler Tag der Menschen mit Behinderungen begangen. Für den Magdeburger Behindertenbeauftragten Hans-Peter Pischner ist dies auch in diesem Jahr Anlass, die Situation für die mehr als 20.000 Menschen mit Behinderungen in Magdeburg kritisch unter die Lupe zu nehmen. Das betrifft sowohl die Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden und des Nahverkehrs, als auch die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit von Angeboten der Kultur und Bildung sowie die Infrastruktur auf dem Gebiet der Beratung und Betreuung.
Mehr barrierefreie Haltestellen
Fortschritte bemerkt man vor allem dort, wo sie handgreiflich wahrnehmbar sind, also an öffentlichen Gebäuden oder Haltestellen des ÖPNV. Für das Jahr 2010 sind mehrere weitgehend barrierefreie Haltestellen in der Leipziger Straße zwischen dem Universitätsklinikum und der Raiffeisenstraße hervorzuheben. Gewöhnungsbedürftig ist vermutlich die Haltestelle Südfriedhof/Raiffeisenstraße, die als "überfahrbares Kap" gestaltet wurde, weil für zwei "Inseln" kein Platz war.
Auch für die Bewohner, Patienten und Beschäftigten in den Pfeifferschen Stiftungen ging ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung, als die Haltestelle Pfeifferstraße barrierefrei umgebaut wurde. Alle diese Maßnahmen waren in der "Dringlichkeitsliste zur Verbesserung der Barrierefreiheit" enthalten, die der Stadtrat zuletzt 2007 beschlossen hatte, als zunächst allgemeine Orientierung.
Darauf standen auch die barrierefreie Herrichtung der Städtischen Volkshochschule und des Eingangs zum Kloster Unser Lieben Frauen und des Kunstmuseums im Kloster. Dass darüber hinaus zahlreiche Schulgebäude von Grundschulen bis Gymnasien barrierefrei saniert wurden und werden, verdanken wir dem PPP-Programm der Stadt und auch den Konjunkturprogrammen. Für Kinder mit körperlichen Behinderungen lassen sich so geeignete Schulen aller Schulformen finden.
2010 konnten Vorhaben umgesetzt werden, mit deren Realisierung eigentlich nicht so schnell zu rechnen war, wie die Sanierung der Schwimmhalle Große Diesdorfer Straße, die künftig auch Behinderten zugänglich sein wird, oder der demnächst fertiggestellte barrierefreie Eingangsbereich der Gruson-Gewächshäuser.
Da noch viel für eine bessere Barrierefreiheit zu tun bleibt, wird die Dringlichkeitsliste derzeit überarbeitet. Enthalten sein werden auch die Planungen der MVB für weitere barrierefreie Haltestellen mit voraussichtlichen Kosten und Terminen, wobei sich diese aufwendigen Maßnahmen über Jahre hinziehen werden.
Das wird die Bewohner der Stadtteile, die noch warten müssen, sicher nicht ganz befriedigen.
Im Falle der Endstelle Sudenburg (Kroatenweg) sollte aus Sicht des Behindertenbeauftragten, eine provisorische Zwischenlösung geprüft werden, damit Betroffene nicht bis 2015 oder 2016 auf einen barrierefreien Ausbau warten müssen, zumal sich dort viele wichtige Einrichtungen befinden.
Der Behindertenbeauftragte hofft, dass im nächsten Jahr wie geplant ein Aufzug am Kulturzentrum Feuerwache Sudenburg angebracht werden kann und das zentrale Gebäude der Stadtverwaltung in der Julius-Bremer-Straße behindertengerechte Rampen erhält, die auch mit Rollator oder Kinderwagen genutzt werden können.
Ob und wann die MVB-Haltestelle am Zoo barrierefrei umgebaut werden kann, hängt von der Bereitstellung von Fördermitteln ab.
MVB-Fahrer geschult
Im ablaufenden Jahr fand nach einer Absprache der kommunalen Arbeitsgruppe für Menschen mit Behinderungen und den MVB eine besondere Aktion statt. Alle Straßenbahn- und Busfahrer der MVB wurden unter Beteiligung von AG-Mitgliedern ausführlich in mehr als 40 Einzelveranstaltungen über die Probleme mobilitätsbeeinträchtigter Fahrgäste informiert und geschult. Es ging dabei u.a. um die Benutzung der mobilen Rampen an den Straßenbahnen und der Klapprampen an entsprechend ausgestatteten Bussen, wo es immer wieder Schwierigkeiten mit der Verständigung und auch der Bereitschaft einzelner Fahrer gab.
Die MVB haben versprochen, an den Straßenbahnen spezielle Anforderungsschalter anzubringen, mit denen sich Rollstuhlfahrer bemerkbar machen können. Auch die Probleme von seh- und hörbehinderten Fahrgästen und Rollatornutzern kamen bei den Schulungen zur Sprache. "Bleibt zu hoffen, dass sich die vielen Stunden ehrenamtlicher Arbeit, die die AG-Mitglieder dafür aufgewandt haben, sich mit mehr Verständnis, Aufmerksamkeit und Hilfe für Betroffene auszahlen", so Pischner.
Viele soziale Probleme
Während im ÖPNV und im Baubereich erfreuliche Perspektiven zu erkennen sind, machen die Anfragen und Gespräche bei der Beratung Betroffener deutlich, dass es vielfältige soziale Schwierigkeiten für Menschen mit Behinderungen gibt, die unverändert fortbestehen.
Das betrifft Probleme bei der Anerkennung von Behinderungen durch das Landesverwaltungsamt, sehr enge gesetzliche Grenzen für Parkerleichterungen für behinderte Menschen, Langzeitarbeitslosigkeit Betroffener und gelegentliche Probleme mit dem Jobcenter, wenn es zum Beispiel um angemessenen behindertengerechten Wohnraum oder geeignete Integrationsmaßnahmen geht.
Wenig befriedigend ist es auch, so Pischner, dass viele Hilfs- und Unterstützungsangebote nur auf kurzzeitigen Arbeitsförderungsmaßnahmen beruhen, deren Fortsetzung immer wieder gefährdet ist. 2011 sollen solche Maßnahmen wegen der Einsparungen des Bundes und der Arbeitsagentur bekanntlich stark reduziert werden. Ob die von der Stadt angestrebten Bürgerarbeitsplätze hier Abhilfe schaffen können, bleibt abzuwarten. Betreuungs-, Begegnungs- und Beratungsangebote für Senioren und Menschen mit Behinderungen erfordern jedenfalls Mitarbeiter, die zuverlässig, bereit und geeignet sind.
Der Behindertenbeauftragte nimmt den Internationalen Tag am 3. Dezember zum Anlass, allen für die Belange behinderter Menschen Engagierten und Aktiven, insbesondere den in der AG Menschen mit Behinderungen mitwirkenden Betroffenen, Kommunalpolitikern und Mitarbeitern der Verwaltung auf diesem Wege zu danken.
Nähere Informationen:
Hans-Peter Pischner
Behindertenbeauftragter
Alter Markt 6
39104 Magdeburg
Telefon 0391/540 2342
E-Mail: behindert@magdeburg.de
Hintergrund
An der kommunalen AG Menschen mit Behinderungen beteiligen sich Mitglieder von
Behindertenverbänden und -vereinen, Stadträte, Mitarbeiter von Fachbereichen der Stadtverwaltung und engagierte persönlich betroffene Aktive.
In Sachsen-Anhalt leben derzeit ca. 171.300 anerkannte Schwerbehinderte (7,2 % der Bevölkerung). In der Landeshauptstadt sind mit Stand vom Dezember 2009 rund 17.200 Menschen amtlich als Schwerbehinderte anerkannt (7,5 %), einschließlich der Behinderten mit einem Grad der Behinderung (GdB) unter 50 sind bis zu 25.000 Menschen betroffen (11 %).
Von den Magdeburger Schwerbehinderten sind rund 10.000 in ihrer Mobilität wesentlich beeinträchtigt (Merkzeichen aG und G), weit über 1.000 von ihnen sind auf einen Rollstuhl angewiesen. 350 sind blind, 206 gehörlos und ca. 4.200 haben Anspruch auf die Mitnahme einer Begleitperson im ÖPNV (Merkzeichen B). Als hilflos gelten ca. 2.000 Menschen (Merkzeichen H). Rund 60 % der Betroffenen sind bereits 65 Jahre und älter, während nur 2 % jünger als 18 Jahre sind. 53,3 % der Behinderten sind weiblich.
An den beiden Werkstätten für Menschen mit Behinderungen sind rund 850 Betroffene beschäftigt. Fast 900 Menschen mit Behinderungen leben in stationären Einrichtungen (Heime bzw. Wohnstätten an den Werkstätten). Etwa 5.500 Einwohner sind pflegebedürftig, rund 2.600 von ihnen werden in stationären Einrichtungen gepflegt.
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