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Gelsenkirchen, 14.11.2013
Luftiger Kontrollgang auf dem Stadion
Arbeiten am Membrandach der Veltins-Arena in Schalke gehen zu Ende – Ingenieure sorgen für Sicherheit der Dachkonstruktion
Bei der Kontrolle der erneuerten Membrankonstruktion vertraut Tobias Schäfers auf seine Augen. Der Blick des Diplom-Ingenieurs schweift über das neue Dach der Veltins-Arena in Gelsenkirchen. In diesem November soll die Montage des weißen Membrandaches nach mehr als zweijähriger Bauzeit fertig gestellt sein. Als Baustatiker übernimmt Schäfers gemeinsam mit dem verantwortlichen Prüfingenieur Prof. Dr.-Ing. Michael Fastabend eine wichtige Aufgabe – sie sind für die Kontrolle der Bauarbeiten des neuen Stadiondaches des FC Schalke 04 verantwortlich. „Die Prüfung der Statik ist nicht so einfach. Das ist hier schon ein sehr spezielles und umfangreiches Vorhaben“, sagt der 49-jährige Schäfers. Höhenangst darf der Prüfingenieur dabei nicht haben – schließlich befindet sich sein Arbeitsplatz in etwa 35 Metern.
Mehr als 80 Baukontrollen hat das für die Prüfstatik zuständige Ingenieurbüro Domke Nachf. aus Duisburg an der Veltins-Arena durchgeführt. „Wir machen da eine sehr intensive Kontrolle. Ich kenne hier jeden Kopfbolzen mit Vornamen“, scherzt Schäfers, während er an der Dachkante entlang schreitet und immer wieder auf die montierten Membranbahnen schaut. Angebracht und gespannt werden die Bahnen von einem Montageservice, der für die Arbeiten auch Höhenretter aus den spanischen Pyrenäen einsetzt. Produziert hat die Membranen, die aus einem Polyestergewebe mit PVC-Beschichtung bestehen, eine Firma aus dem münsterländischen Greven. Um Knicke oder gar Risse in dem Material zu verhindern, werden die Membranbahnen auf Rollen angeliefert.
Die 20 rechteckigen und 20 dreieckigen Membranen mit einer Gesamtfläche von rund 30.000 Quadratmetern wurden seit Beginn der Bauarbeiten im Frühjahr 2011 montiert. Die Überprüfung der Arbeiten ist auch deshalb wichtig, weil die Stadion-Betriebsgesellschaft mit dem alten Membrandach schlechte Erfahrungen gemacht hat. Zu Weihnachten 2010 gab ein Teil des Daches während einer Phase mit sehr hoher Schneelast nach, sieben Membranen rissen oder wurden beschädigt. Mehrere Löcher mit einer Gesamtfläche von rund 7.000 Quadratmetern klafften im Dach der Veltins-Arena. Menschen kamen zum Glück nicht zu Schaden. Der materielle Schaden für Schalke aber war beträchtlich.
Das Bauvorhaben in Schalke zeigt, wie wichtig die Aufgabe von Prüfingenieuren ist. Sie kontrollieren, ob das Vorhaben so umgesetzt wird, wie es geplant war. Der zusätzliche Blick auf die Arbeiten ist da ein wichtiger Arbeitsgang. „Das Vier-Augen-Prinzip ist das A und O bei der Kontrolle. Unregelmäßigkeiten sind so in der Regel am schnellsten zu erkennen“, erklärt der Präsident der Ingenieurkammer-Bau NRW, Dr.-Ing. Heinrich Bökamp. Prüfingenieure übernehmen damit wichtige Sicherheitsaufgaben im Dach- oder auch im Brückenbau. Fehler werden frühzeitig erkannt und noch im Bauprozess beseitigt. Diese Überprüfung sei ein unverzichtbarer Bestandteil der Bauarbeiten. „Für Sicherheit gibt es keine Alternative“, erklärt Bökamp.
Die Konstruktion des Stadiondaches in Gelsenkirchen-Schalke war nach dem Vorfall überarbeitet worden, das Ingenieurbüro Teschner aus dem norddeutschen Kosel übernahm diese Aufgabe. Es entwarf eine neue Konstruktion und berechnete die Statik für das Dach, die von den Prüfingenieuren aus Duisburg kontrolliert wurde. „Das sind zwei Seiten einer Medaille. Die sachkundige Planung und die sachkundige Prüfung ergänzen sich“, sagt Michael Fastabend, der auch Vorstandsmitglied der Ingenieurkammer-Bau NRW ist.
Unterstützt werden die Arbeiten zudem durch den Bauherrn Schalke 04. Er sorgte dafür, dass nur geeignete und sachkundige Fachleute zur Reparatur eingeschaltet wurden. Sicherheit wird großgeschrieben – schließlich finden in dem Stadion neben Fußballbegegnungen auch immer wieder andere Veranstaltungen statt, zu der viele Menschen kommen.
Mit der Überprüfung des Stadiondaches ist auch Diplom-Ingenieur Klaus Saxe betraut. Saxe ist Sondersachverständiger für Membranbau und an diesem Tag gemeinsam mit Schäfers auf dem Dach unterwegs. Er schaut nach Falten in den Membranen oder die richtige Montage der Kanten an den Bahnen. „Für Membranbauten gibt es erhöhte Anforderungen bei den Prüfungen. Der Baufortschritt muss deshalb immer wieder überprüft und per Zustimmung im Einzelfall abgenommen werden“, sagt Saxe, der an der Universität Duisburg-Essen an der Fakultät Ingenieurwissenschaften, Abteilung Bauwissenschaften lehrt.
Das Bauen von Membrandächern sei in Deutschland in den 1950er Jahren aufgekommen – einer seiner bekanntesten „Protagonisten“ wurde dann das Dach des Olympia-Stadions in München. „Die Bauweise mit Membranen ist prädestiniert für Bauten mit hohem optischen Anspruch – sie werden gern als Blickfang genutzt“, berichtet der Diplom-Ingenieur. Die „nicht-ebenen Tragkonstruktionen“ seien auffälliger als Trapezblechkonstruktionen, wie sie in manchen traditionell gebauten Stadien noch benutzt würden.
Für eine maximale Schneelast von 75 Kilogramm pro Quadratmeter ist das neue Stadiondach in Schalke bemessen. Eine Bemessungsgröße, die bei den Schneemengen im Ruhrgebiet locker ausreicht und noch Raum nach oben lässt. Die Membranfelder selbst werden zunächst nach zwei Jahren und dann in regelmäßigen Abständen immer wieder kontrolliert, damit mögliche Schäden an der Dachkonstruktion frühzeitig erkannt werden. Auch nach der Fertigstellung des Daches geht die Überprüfung also weiter.
Autor: Michael Bosse, Ingenieurkammer-Bau NRW
(Abdruck honorarfrei)
Die Ingenieurkammer-Bau Nordrhein-Westfalen (IK-Bau NRW) ist die berufsständische Selbstverwaltung und Interessenvertretung der im Bauwesen tätigen Ingenieurinnen und Ingenieure in Nordrhein-Westfalen. Mit mehr als 10.000 Mitgliedern ist sie die mitgliederstärkste Ingenieurkammer in Deutschland.
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