„Minister-Rechnung erinnert an Taschenspielertricks“
Hanaus OB Kaminsky reagiert empört auf Schreiben aus Wiesbaden
„Minister Rhein versucht ganz offensichtlich, die intransparente Verteilung von Landesfördermitteln mit fadenscheinigen Argumenten zu verteidigen und mit abenteuerlichen Milchmädchen-Rechnungen den Schwarzen Peter an uns als Stadt zurückzugeben,“ kommentiert Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky die Antwort aus dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst auf seine Forderung nach einer angemessenen und damit deutlich erhöhten Landesförderung für die Brüder Grimm Festspiele. „Nichts von dem, was Herr Rhein uns mitgeteilt hat, ändert etwas an meiner Einschätzung, dass das Land die Fördermittel nach Gutdünken verteilt, und daran offenbar auch nichts ändern will.“
Eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Jörg-Uwe Hahn hatte im Oktober ein unübersehbares Ungleichgewicht bei der finanziellen Unterstützung der verschiedenen hessischen Festspielreihen ergeben. Während die Bad Hersfelder Festspiele in 2015 mit einem Zuschuss in Höhe von 577.000 Euro kalkulieren konnten, erhielten die Brüder Grimm Festspiele lediglich 12.500 Euro und die Burgfestspiele Bad Vilbel nur 10.000 Euro an direkten Fördermitteln. „Bad Hersfeld bekommt also einen Zuschuss, der das 46-Fache der Hanauer Summe beträgt.“ Es sei zwar durchaus richtig, so der OB, dass sich Kunst einer objektiven Bewertung entziehe und aus dem Grad des Publikumszuspruchs nicht auf die künstlerische Qualität einer Veranstaltung geschlossen werden dürfe. Doch das könne nicht im Umkehrschluss dazu führen, dass diese beiden Kriterien völlig außer Acht gelassen würden. Immerhin seien die Brüder Grimm Festspiele nicht nur drittgrößte Open-Air-Theaterreihe im Land, sondern auch eines der herausragenden überregionalen Leuchtturm-Projekte. „Die erhebliche Förderung durch den Kulturfonds Frankfurt RheinMain, die in den letzten Jahren explizit mit Blick auf die hohe künstlerische Qualität der Festspiele bewilligt wurde, ist ein sehr deutliches Indiz für deren außerordentliche Strahlkraft.“
Es kann nach Worten von OB Kaminsky deshalb nur als Schlag ins Gesicht aller an den Festspielen Beteiligter gewertet werden, wenn der Minister durch den Vergleich mit dem Grimm-Festival in Kassel oder dem Rheingau-Musik-Festival impliziert, dass es an Hanau liege, wenn die Eigeneinnahmen nicht hoch genug ausfallen würden. „Auf unsere berechtigte Forderung nach einer angemessenen Förderung eines Leuchtturm-Projektes mit dem Hinweis zu reagieren, dass die herausragende künstlerische Qualität andernorts für einen außergewöhnlich hohen Anteil an Eigeneinnahmen sorgt, ist eine völlig unverdiente und überzogene Negierung des Ansehens der Brüder Grimm Festspiele.“
Die Rechnung, bei der Minister Rhein die Zuschüsse des Kulturfonds Frankfurt RheinMain plötzlich als versteckte Landeszuschüsse zu deklarieren versuche, erinnern nach Worten von Kaminsky fast an Taschenspielertricks. Das würde im Umkehrschluss ja bedeuten, so der Hanauer OB, dass der Beitritt zum Kulturfonds mit einem Verzicht auf Landesförderung einherginge. Zudem wolle er daran erinnern, dass die Fördergrenze in der Regel ein Drittel der förderfähigen Gesamtkosten betrage. Um beispielsweise die bewilligten 85.000 Euro für 2016 vom Kulturfonds zu erhalten, müsse die Stadt selbst mindestens 170.000 seitens der Festspiele einbringen plus des Beitrags in Höhe von 180.000 Euro für die Mitgliedschaft im Kulturfonds. Dem stünden die vom Land genannten 53.000 Euro gegenüber.
Gegen den versteckten Vorwurf, die Qualität der Brüder Grimm Festspiele seien nicht vergleichbar mit dem künstlerischen Anspruch der Bad Hersfelder Reihe, setzt sich der Intendant Frank-Lorenz Engel mit Nachdruck zur Wehr. Engel erinnert daran, dass alle Grimm-Dramatisierungen in Hanau Uraufführungen seien, die exklusiv für die Festspiele geschrieben wurden. „Andere Festspiele spielen meist nur bereits existierende Stücke nach.“ Nach den überaus erfolgreichen Autoren-Wettbewerben, die bundesweit Beachtung fanden, sei dieses Jahr ein Kompositionswettbewerb für das Musical ausgeschrieben worden, an dem sich 32 renommierte Komponisten beteiligten. Auch die Besetzung der Jury mit der „Creme de la Creme“ der deutschen Musicalszene zeige, welchen Stellenwert die Hanauer Festspiele in der Branche haben. Dem Hinweis von Boris Rhein, dass in Hersfeld die absolute Elite der deutschen Schauspieler auf der Bühne stehen, will der Hanauer Intendant nicht widersprechen, doch er weist ausdrücklich darauf hin, dass viele Mitglieder des Hanauer Ensembles sonst in Hamburg, Wien oder Berlin auf der Bühne zu sehen sind. „Obwohl wir mit dem Gagenbudget von Hersfeld überhaupt nicht mithalten können, arbeiten zum Teil die gleichen Künstler bei beiden Festspielen,“ so Engel und verweist auf Cusch Jung, der in der vergangenen Spielzeit die Uraufführung des Musicals „Der Gestiefelte Kater“ in Hanau inszenierte und in 2016 die Regie von „My fair Lady“ in Hersfeld übernehmen wird, oder auch auf Tobias Bungter, der 2015 „Don Quichotte“ für Hersfeld schrieb und inszenierte, in der kommenden Spielzeit aber Autor für „Die Goldene Gans“ in Hanau ist. „Sie alle kommen wegen der künstlerischen Qualität und der besonderen Atmosphäre der Hanauer Festspiele“, stellt der Intendant klar, dass in Branchenkreisen ein Engagement für die Hanauer Open-Air-Reihe längst ein sehr begehrtes ist.
Daran habe der aktuelle Intendant zweifelsohne einen großen Anteil. „Es ist uns unter dem Festspielleiter Engel gelungen, innovative Neuerungen erfolgreich zu platzieren und Bewährtes auf hohem Niveau zu erhalten,“ würdigt OB Kaminsky die Entwicklung der letzten Spielzeiten. Aber Qualitätssteigerung habe natürlich auch etwas damit zu tun, Schauspieler, Regisseure, Autoren oder Komponisten angemessen bezahlen zu können, ergänzt OB Kaminsky, und erinnert daran, dass der Magistrat sich herber Kritik ausgesetzt sieht, weil er eine Erhöhung der Eintrittspreise beschlossen hat, um die Einnahmeseite der Festspiele zu erhöhen.
Geradezu hanebüchen sei es jedoch, so der OB abschließend, damit zu argumentieren, dass die von den anderen Festspielstädten monierte Förderpraxis des Landes Hessen bereits seit 16 Jahren unverändert bestehe. Dies belege den offensichtlichen Erklärungsnotstand des Ministers. „Nur weil etwas schon seit langer Zeit falsch ist, wird es durch den schieren Zeitraum doch nicht richtig.“
Pressekontakt: Stadt Hanau, Güzin Langner, Telefon 06181/295-929
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