Bocholt, 20. Januar 2016
"Markus, Amalie Sara hat am Vortag aus Angst Essig-Essenz getrunken"
Vortrag im Stadtmuseum erinnert am Holocaust-Tag an ermordetes jüdisches Ehepaar aus Bocholt
Bocholt (PID).
„Markus, Amalie Sara hat am Vortag aus Angst Essig-Essenz getrunken.“ Mit diesem Satz aus der Bocholter Kriegschronik zum 11. Dezember 1941 ist der Gedenkvortrag überschrieben, den Josef Niebur und Hermann Oechtering (VHS-Arbeitskreis Synagogenlandschaften) am Mittwoch, 27. Januar, um 19.30 Uhr im Stadtmuseum, Osterstraße 66, halten.
Die Verzweiflungstat geschah am 9. Dezember 1941. Einen Tag später sollten Bocholter jüdischen Glaubens in das Ghetto in Riga/Lettland deportiert werden. Unter ihnen Amalie und Leopold Markus. Das Ehepaar aus Duisburg war 1937 nach Bocholt gezogen. Hier mussten die Eheleute zusammen mit den 1940 hier wohnenden 39 Juden ihre totale Entrechtung miterleben: Sie gingen tagsüber kaum noch aus dem Haus.
Die Bocholter sollten sie nicht sehen
Und wenn dies nicht zu umgehen war, drückten sie sich an den Häusern entlang: Die Bocholter sollten sie nicht sehen. Am 18. November 1941 erließ die Gestapo Münster an den Oberbürgermeister in Bocholt die Aufforderung, dass 26 Juden am 10. Dezember 1941 nach Münster zu bringen seien. Hierunter war auch das Ehepaar Markus. Von dort würden sie "nach Riga evakuiert“.
Freitodversuch
Am Vortag unternahm Amalie Markus den Versuch eines Freitodes. Sie trank aus Angst vor dem Ungewissen, das die Deportation für sie bedeutete, Essig-Essenz. Hieran starb sie qualvoll an Verätzungen in der Luftröhre am 16. Dezember 1941 im Krankenhaus in Rhede. Ihr Mann Leopold Markus war dennoch drei Tage zuvor nach Riga deportiert worden. Er überlebte das mörderische Leben im Ghetto 16 Monate lang. Im März 1943 wurde er durch die im Ghetto Riga herrschenden unmenschlichen Lebensverhältnisse getötet.
Neffe zu Besuch in Bocholt
2012 war der Neffe der Eheleute Markus, Wolfgang Euler aus Cali/Kolumbien, zu Besuch in Bocholt. Zu dessen in Düsseldorf wohnenden Sohn Gerardo Mera-Euler haben Niebur und Oechtering noch heute Kontakt. Durch viele Hinweise und Dokumente trugen die Eulers zum Zustandekommen des Gedenkvortrags zu Amalie und Leopold Markus bei.
Am 27. Januar, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, erinnern der VHS-Arbeitskreis Synagogenlandschaften, das Stadtmuseum Bocholt und die Volkshochschule seit 1999 jeweils mit einem biographischen Vortrag an einen der ermordeten Bocholter jüdischen Glaubens.
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