Mit Vorkaufsrecht will die Stadt die Sanierung der Annastraße-Siedung in die eigenen Hand nehmen
„Der Wohnungsmarkt ist angespannt; insofern kann es nicht im städtischen Interesse sein, dass die Wohnsiedlung Annastraße weiter verkommt“, sagt Oberbürgermeister Claus Kaminsky zur seit Jahren ausbleibenden Sanierung der 172 Wohneinheiten am Kinzigheimer Weg 7-61. Daher ergreife die Stadt Hanau nun die Initiative und wolle über das Vorkaufsrecht in dem seit 2014 förmlich festgelegten Sanierungsgebiet das Grundstück wieder in den eigenen Besitz bringen. Die Bauprojekt Hanau Baubetreuungs- und Projektentwicklungsgesellschaft will es zum Verkehrswert von vier Millionen Euro erwerben, den der Gutachterausschuss aktuell ermittelt hat. Der Magistrat hat bereits so entscheiden, die Stadtverordneten befassen sich in einer Sondersitzung am Montag, 19. Juni, um 15.30 Uhr im Bürgerhaus Wolfgang, mit dem Thema. Diese ist nötig, weil die Frist für das Vorkaufsrecht abläuft, bevor die Stadtverordnetenversammlung am 26. Juni wieder regulär tagt.
Momentan sind die unter Denkmalschutz stehenden 13 zwei- und dreigeschossigen Mehrfamilienhäuser am Kinzigheimer Weg im Besitz der Dolphin Capital 214. Projekt Gmbh & Co KG. Diese hat die 2015 erworbene Immobilie weiter veräußert, obgleich das Hannoveraner Unternehmen vertraglich verpflichtet gewesen wäre, den Verkauf mit der Stadt Hanau abzustimmen. Insofern kommentiert OB Kaminsky das mit deutlichen Worten: „Wer glaubt am Kinzigheimer Weg spekulieren zu können, dem schieben wir einen Riegel vor.“
Das geschehe auch aus sozialer Verantwortung gegenüber den verbliebenen zwei Dutzend Mietern in vereinzelten Wohnungen. Den für eine Häusersanierung notwendigen Sozialplan, der Modernisierung und Umzug regelt, habe die Stadt Dolphin Capital 214. bereits entzogen und kümmere sich selbst darum.
Dolphin ist bereits die fünfte Besitzerin der 1939/40 erbauten Siedlung, nachdem die städtische Baugesellschaft sie im Jahr 2009 an ein Wiesbadener Unternehmen veräußert hatte. Nach zwei Weiterverkäufen übernahm 2013 ein Hanauer Immobilienentwickler die Gebäude und Grünfläche, um sie 2014 an Dolphin weiter zu reichen. Zu diesem Zeitpunkt war ein Teil der Häuser entkernt, deren Fassaden modernisiert und Dächer neu eingedeckt worden. Eine Dolphin-Sprecherin hatte 2016 auf Presseanfrage versichert, 2017 würden die Häuser saniert. „Passiert ist freilich nichts“, kritisiert der Oberbürgermeister.
Kaminsky legt Wert auf die Feststellung, dass sich die Baugesellschaft seinerzeit zum Verkauf der Annastraße-Siedlung gezwungen sah, weil die Sanierungskosten „wirtschaftlich nicht vertretbar“ gewesen seien. – Den entsprechenden Beschluss fasste der Aufsichtsrat nach einer positiven Bonitätsprüfung einstimmig. – So habe 2009 inmitten der Finanzkrise das durchschnittliche Zinsniveau der Stadt „aus heutiger Sicht exorbitante“ 4,12 Prozent betragen. Die Baugesellschaft verkaufte für 2,4 Millionen Euro, der Sanierungsaufwand für die 13 Mehrfamilienhäuser wurde damals auf 6,5 Millionen Euro veranschlagt.
Der OB gibt zu bedenken, dass die Baugesellschaft mit dem Verkaufserlös für die Siedlung am Kinzigheimer Weg seinerzeit Finanzmittel in die Hand bekam, um viele Nachkriegsbauten in der Stadt zu sanieren. Dazu zählten Liegenschaften am Biberweg, in der Glockenstraße und in der Dresdener Straße. „Viele leer stehende Einzelwohnungen mit Kohle- und Ölöfen ließen sich so wieder vermietungsfähig machen“, erinnert er. „Das geschah zum Wohle vieler Mieter“, betont er.
Auch am Kinzigheimer Weg waren 2009 nur noch 61 von 172 Wohneinheiten belegt. Zu den Bedingungen des Kaufvertrags mit dem Wiesbadener Unternehmen gehörte 2009, dass Mieter die Wohnungen hätten kaufen können und dass die Baugesellschaft die nicht veräußerten, weiterhin bewohnten Einheiten verwaltet. Verankert wurde auch, dass die Mieter eine Sanierung ihrer Wohnung ablehnen konnten. „All das sprach zu dieser Zeit für den Käufer, und die Baugesellschaft blieb gegenüber den verbliebenen Mietern in der Verantwortung“, so Kaminsky. Leider sei das in Folge der Insolvenz und der Weiterverkäufe nicht so geblieben.
Die Sanierungsvereinbarung, welche die Stadt 2014 mit dem damaligen Grundstückseigner aus Hanau schloss, sieht eine Sanierungspflicht vor. Diese Verpflichtung hat Dolphin aufgrund eines Vertrags von 2015 übernommen. „Dem ist Dolphin bisher nicht nachgekommen, die Gebäude sind in einem schlechten Zustand und drohen zu verfallen“, kritisiert Kaminsky. Eine aktuelle Inspektion der städtischen Bauaufsicht habe ergeben, dass „Bausubstanz fortschreitend geschädigt“ werde. Hinzu komme, dass aufgebrochene Türen, geöffnete oder zerstörte Fenster sowie eine Vermüllung in den offenen, nicht bewohnten Gebäuden „deutliche Kennzeichen der Verwahrlosung“ zeigten.
„Hier müssen wir umgehend handeln und die Handlungsoptionen in der eigenen Hand halten können“, stellt Hanaus Oberbürgermeister klar. Daher mache die Stadt von ihrem Vorkaufsrecht im Sanierungsgebiet Gebrauch und durchkreuze die Absicht von Dolphin die Immobilie für 9,9 Millionen Euro zu veräußern. „Dolphin hat die Annasiedlung 2014 für 6,1 Millionen Euro erworben, seither die Häuser weiter verfallen lassen und den Kaufpreis von damals jetzt um mehr als die Hälfte erhöht“, kritisiert Kaminsky. „Diesem Spekulantentum widersetzen wir uns“, schließt der OB.
Er lehnt gleichzeitig aber Pauschalverurteilungen von Investoren ab: „Die Stadt hat sehr viel positive Erfahrungen mit Wohnungsbau-Investoren gemacht. Es gibt konstruktive und vertrauensvolle Zusammenarbeit an vielen Stellen in der Stadt, auf die wir auch angewiesen sind, weil wir mit öffentlichen Mitteln nicht in der Lage sind, diese notwendigen Investitionen zu stemmen.“ Deshalb bleibe die Stadt für seriöse Partner selbstverständlich auch weiter offen. Dolphin freilich falle „völlig aus dem Rahmen unserer Erfahrungen“.
Mit Ausüben des Vorkaufsrechts sei die städtische Hanau Bauprojekt GmbH in der Lage die dringend erforderliche Sanierung endlich auszuführen. Damit entstehe für eine große Anzahl Wohnungssuchender „in verkehrsgünstiger Lage und fast wie in einer Gartenstadt neuer Wohnraum. Die städtische Gesellschaft tritt in die bestehenden Mietverträge ein.
Pressekontakt: Stadt Hanau, Joachim Haas-Feldmann, Telefon 06181/295-266
Zu dieser Meldung können wir Ihnen folgende Medien anbieten:
Kinzigheimer Weg 1
Teilweise in marodem Zustand: Balkone an Wohnungen in der Annastraße-Siedlung.
Kinzigheimer Weg 2
Jalousie und Fenster zerstört, Graffito auf renovierter Fassade
Kinzigheimer Weg 3
Zeichen der Verwahrlosung: Haustür und Briefkästen aufgebrochen und demoliert
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