Magdeburg.
Zum Ende des Europäischen Jahres für Menschen mit Behinderungen hat Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt im Landeswettbewerb "Barrierefreie Kommune" eine Anerkennungsurkunde erhalten. Magdeburgs Behindertenbeauftragter Hans-Peter Pischner und Roswitha Baumgart, Abteilungsleiterin Verkehrsplanung im Stadtplanungsamt, nahmen die Auszeichnung entgegen.
Magdeburgs Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bau und Verkehr, Werner Kaleschky, freute sich besonders über den Dotierung, die mit der Anerkennung verbunden ist. "Wir werden mit dem Behindertenbeauftragten beraten, wie wir die 100.000 Euro einsetzen können, um weitere Barrieren abzubauen und Magdeburg noch behindertenfreundlicher zu gestalten."
Das Jahr 2003 stand auf Beschluss des EU-Ministerrates als Europäisches Jahr der Menschen mit Behinderungen unter dem Motto "Nichts über uns ohne uns". In Magdeburg hatte im Februar die nationale Eröffnungsveranstaltung stattgefunden. Mehr als 900 Betroffene und Vertreter der Öffentlichkeit trafen sich in der Elbestadt, um für die mehr als acht Millionen von Behinderungen betroffenen Menschen in Deutschland eine wirkliche Gleichstellung sowie bessere Chancen und Teilhabemöglichkeiten zu fordern.
Auch die Magdeburger Stadtverwaltung hat sich im Europäischen Jahr für Menschen mit Behinderungen mit Beschlüssen und konkreten Maßnahmen zu den Zielen einer verbesserten Integration von Behinderten bekannt. Im November hat Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper die Einführung einer kommunalen "Behindertenfreundlichkeitsprüfung" verfügt. Dadurch werden künftig alle Vorhaben und Maßnahmen der Stadtverwaltung auf ihre Behindertenfreundlichkeit geprüft.
Auf der Abschlussveranstaltung des Europäischen Jahres Anfang Dezember trat Magdeburg offiziell der Erklärung von Barcelona "Die Stadt und die Behinderten" bei. Damit bekennt sich die Stadt dazu, im Rahmen ihrer kommunalen Möglichkeiten, ihre behinderten Mitbürger zu fördern und Barrieren, die Behinderte in ihrem Leben und ihren Mitwirkungsmöglichkeiten einschränken, abzubauen.
Die Erklärung von Barcelona, die im März 1995 auf einem Kongress in der spanischen Metropole formuliert wurde, beinhaltet Ziele zur Schaffung gleichberechtigter Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten für behinderte Menschen in den und durch die Kommunen. Seit 1995 sind der Erklärung mehr als 30 deutsche Städte beigetreten, darunter Berlin, Bonn, Düsseldorf, Erfurt, Frankfurt/Main, Göttingen, Jena, Kassel und Münster.
Die Anerkennung im Landeswettbewerb "Barrierefreie Kommune" würdigt die Schritte, die die Landeshauptstadt bisher zur Integration Behinderter unternommen hat. Bereits 1996 hatte der Stadtrat die Berufung eines hauptamtlichen Behindertenbeauftragten beschlossen, seit 1998 ist diese Stelle besetzt. Der Behindertenbeauftragte hat seitdem als Interessenvertreter der behinderten Magdeburgerinnen und Magdeburger die Möglichkeit, an allen Planungen und Entscheidungen mitzuwirken. Er ist u.a. Mitglied verschiedener Gremien, leitet u.a. die AG "Behinderte in Magdeburg".
Seit 1994 gibt es in Magdeburg einen gedruckten "Stadtführer für behinderte Menschen", in diesem Jahr wurde er um eine digitale Version auf der Homepage der Stadt unter www.magdeburg.de ergänzt. Im Oktober beschloss der Stadtrat die "Leitlinien der kommunalen Behindertenpolitik", die seitdem politische Entscheidungen und Verwaltungshandeln bestimmen.
Besondere Aufmerksamkeit widmet die Stadt der barrierefreien Gestaltung von öffentlichen Gebäuden sowie der Straßen und Plätze. Beim Neubau oder der Sanierung öffentlicher Gebäude werden grundsätzlich die Prinzipien barrierefreien Bauens umgesetzt oder entsprechende technische Hilfsmittel wie Rampen und Aufzüge nachgerüstet. Beispiele für behindertenfreundliche Einrichtungen sind
- das sanierte und erweiterte Arbeitsamt
- integrative Kindertagesstätten und Schulen
- die Theater und das Kulturhistorische Museum
- Stadtbibliothek und Konservatorium
- die Johanniskirche
- das Erich-Rademacher-Bad
- die Bördelandhalle
- die Elbeschwimmhalle
- der zentrale Omnibusbahnhof einschließlich Zugänge zum Hauptbahnhof
Fast 80% der tagsüber in Magdeburg verkehrenden Straßenbahnen sind behindertenfreundliche Niederflurbahnen, abends und an den Wochenenden ist fast ausschließlich dieser Wagentyp auf den Schienen unterwegs. Fast die Hälfte der Straßenbahnhaltestellen und ein beträchtlicher Teil der Bushaltestellen wurde inzwischen hochbordig ausgebaut, um Behinderten Ein- und Ausstieg aus den Fahrzeugen zu erleichtern. Rund eine halbe Million Euro hat Magdeburg seit 1990 investiert, um Ampeln mit Signalgebern für Blinde auszurüsten. In der Innenstadt sind diese Signalgeber flächendeckend installiert, stadtweit ist bereits jede zweite Ampel damit ausgestattet.
Hintergrundinformationen zu Behinderten in Magdeburg
In Magdeburg leben derzeit rund 20.000 schwerbehinderte Menschen, darunter etwa 12.000 mit erheblichen Bewegungseinschränkungen, 1.600 Blinde und Sehbehinderte, fast ebenso viele Hör- und Sprachbehinderte, etwa 1.000 Menschen mit geistigen Behinderungen sowie etwa 2.000 Menschen mit psychischen und seelischen Beeinträchtigungen. In den Kreis der von Behinderungen Betroffenen gehören aber auch fast 5.000 Pflegebedürftige und bis zu 2.000 an verschiedenen Formen von Altersdemenz erkrankte Menschen. 56 Prozent der Betroffenen sind älter als 65 Jahre, während weniger als drei Prozent jünger als 18 Jahre sind. Bei den meisten von ihnen trat die Behinderung nicht von Geburt an auf, sondern entstand - zumeist durch Erkrankung - im Laufe des Lebens. Etwa 54 Prozent der Betroffenen sind weiblich. In Sachsen-Anhalt gibt es über 170.000 Schwerbehinderte, in ganz Deutschland sind es rund 6,7 Millionen.