"Erreichtes sollte Kraft geben für
die Wegstrecke, die noch vor uns liegt!"
100 Oberbürgermeister aus ganz Deutschland waren in der Vorwoche zu Gast in Magdeburg. Nicht wenige von ihnen zum ersten Mal. Vor allem bei meinen Amtskollegen aus den westlichen Bundesländern habe ich vielfach Überraschung gespürt, weil das, was sie hier gesehen und erlebt haben so gar nicht ihren Erwartungen entsprach. Magdeburg strahlt Modernität aus, auch Vitalität - trotz klammer Kassen gibt es viele Baustellen in der Stadt, darunter sehr interessante und anspruchsvolle Vorhaben, wie das Hundertwasserhaus oder die Sanierung unseres Rathauses.
Das schönste Kompliment kam von der Präsidentin des Deutschen Städtetages, Petra Roth, Oberbürgermeisterin in Frankfurt am Main. Sie verband ihre Begeisterung für unsere wieder aufgebaute Johanniskirche mit der Anerkennung für das Engagement der Magdeburgerinnen und Magdeburger dabei: "Wie hier historische Substanz und moderne Architektur miteinander harmonieren - das ist beispielhaft für modernen Städtebau. Und dass die Magdeburger selbst diesen Wiederaufbau so enthusiastisch unterstützt haben, nötigt Respekt und Anerkennung ab."
Was das alles mit dem 9. November 1989 zu tun hat?
Ohne den Mauerfall würde es das alles so nicht geben. Mehr noch als der 3. Oktober 1990, der Tag der Wiedervereinigung Deutschlands, hat der 9. November 1989 die Weichen für die Entwicklung Deutschlands in den letzten 15 Jahren gestellt. Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs war das Ende der DDR endgültig besiegelt. Alle Züge fuhren fortan in Richtung deutsche Einheit, die am 3. Oktober 1990 offiziell vollzogen war.
Wie hat sich Magdeburg seitdem verändert!
In den letzten 14 Jahren wurde hier mehr gebaut als in den letzten 30 Jahren der DDR! Und vor allem: Wir selbst, die Bürger dieser Stadt haben entschieden, was gebaut wird! Der Stadtrat ist nicht mehr nur ein "demokratisches Feigenblatt" wie zu DDR-Zeiten, sondern eine politische Kraft mit eigenen Zielen und eigener Verantwortung. Dafür zum Beispiel steht die Johanniskirche: Ihr Wiederaufbau war der erste Beschluss der ersten demokratisch gewählten Stadtverordnetenversammlung 1990.
Ohne das zehntausendfache Engagement der Magdeburgerinnen und Magdeburger wäre dieser Wiederaufbau jedoch unvollständig geblieben. Dieses Engagement ist bis heute ungebrochen. Das hat nichts mit Nostalgie zu tun, sondern ist Zeichen der Identifikation mit dieser Kirche, die seit fast 1000 Jahren für Bürgerstolz und Selbstbestimmung steht. Eine neue Qualität von Gemeinsinn ist seit 1990 entstanden - auch dafür steht die Johanniskirche.
All das sollten wir uns bewusst machen, wenn wir uns morgen an den Mauerfall vor 15 Jahren erinnern. Wir haben viel geschafft und geschaffen. Wir hatten dabei eine Menge Unterstützung, für die wir ehrlich und von Herzen danken. Vor allem aber haben wir eigene Kräfte mobilisiert, haben neues, unbekanntes Terrain mutig betreten und manch unvorhergesehene Hürde genommen. Das Wissen um diese Stärke sollte uns Kraft geben, die Aufgaben zu bewältigen die noch vor uns liegen.
Dr. Lutz Trümper
Oberbürgermeister