Magdeburg.
Mit einem innovativen Modellprojekt will Magdeburgs Beigeordnete für Soziales, Jugend und Gesundheit, Beate Bröcker Langzeitarbeitslosen den Weg in ein geregeltes Arbeitsleben ebnen und damit die Situation betroffener Familien mit Kindern nachhaltig stabilisieren. „Jobpiloten“ sollen sie über einige Monate begleiten, bei der Lösung individueller Probleme unterstützen und ihnen helfen, wieder ein regelmäßiges Arbeitsleben zu „lernen“. Am 1. August 2006 machten sich 24 Männer und Frauen in Olvenstedt auf diesen Weg. Jetzt wagen die ersten von ihnen mit einem festen Job einen Neustart ins Arbeitsleben.
„Viele Langzeitarbeitslose haben es verlernt, regelmäßig zu einer bestimmten Zeit aufzustehen, Termine pünktlich wahrzunehmen oder sich ein Tagesziel zu setzen“, weiß Magdeburgs Sozialbeigeordnete Beate Bröcker. „Wenn dann noch weitere Probleme wie Schulden, Gewalt in der Familie oder Sucht hinzukommen, haben diese Menschen auf dem Arbeitsmarkt nicht die geringste Chance.“
Helfen sollen „Jobpiloten“. Nachdem Magdeburg bereits zu Jahresbeginn 2006 mit dem BIB – Berufliche Integration Benachteiligter – ein Kooperationsprojekt gestartet hat, das Langzeitarbeitslosigkeit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vermeiden und die Chancen extrem Benachteiligter auf dem Arbeitsmarkt verbessern soll, wendet sich das im August 2006 gestartete Projekt „Jobpilot“ an die mittlere Generation.
„Unsere Zielgruppe sind auch hier die extrem Benachteiligten, die die Hoffnung, jemals wieder eine geregelte Beschäftigung zu finden, schon fast aufgegeben haben“, so Beate Bröcker. „Dabei wollen wir vor allem Mütter und Väter unterstützen, damit sich die Familienbeziehungen stabilisieren. Das ist vor allem für die Kinder wichtig.“
Umgesetzt wird das Projekt von „Soziale Stadt und Land Entwicklungsgesellschaft mbH“ (SPI) im Auftrag der Landeshauptstadt. Finanziert wird das Projekt „Jobpilot“ aus dem Europäischen Sozialfonds nach dem „Rahmenprogramm zur Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen auf lokaler Ebene“ des Landes Sachsen-Anhalt, aus Mitteln der Jobcenter ARGE GmbH Magdeburg sowie aus Mitteln der Landeshauptstadt.
SPI ist am 1. August in Olvenstedt mit 24 Frauen und Männern in das sechsmonatige Projekt gestartet. Drei von ihnen wagen ab morgen den Neustart in ein geregeltes Arbeitsleben. Weitere drei Teilnehmer sind in einer Discounterkette zum Einsatz gekommen und haben eine Einstellungsoption erhalten, die bei Neueröffnung eines weiteren Marktes greift.
In einem Gartenbaubetrieb haben zwei Teilnehmer mit Beginn der Saison 2007 die Möglichkeit, als geringfügig Beschäftigte eingestellt zu werden.
Ein weiterer Teilnehmer findet Berücksichtigung bei der Neubesetzung eines Multimediabüros (Maßnahme der ARGE) und eine Teilnehmerin beginnt im August 2007 eine Umschulung zur examinierten Altenpflegerin (Maßnahme der ARGE).
Programm und Teilnehmer
19 Frauen und 5 Männer haben das sechsmonatige Förderprogramm inzwischen durchlaufen. 20 von ihnen sind alleinerziehend, durchschnittlich hat jeder Teilnehmer 2 Kinder. Für jede Stunde Anwesenheit enthalten die Teilnehmer 1,28 Euro zusätzlich zu den Sozialleistungen, die sie beziehen – ein finanzieller Anreiz, der in das Haushaltsbudget der Familien einmündet.
„Für das Programm haben wir Männer und Frauen aus Olvenstedt ausgewählt,
weil die Zahl der Bedarfsgemeinschaften mit Kindern in diesem Stadtteil überdurchschnittlich hoch ist und hier viele erwerbsfähige Hilfebedürftige leben, auf die das Programm zugeschnitten ist“, begründet Beate Bröcker die Auswahl der Teilnehmer.
Als die Männer und Frauen am 1. August 2006 bei SPI in das Programm starteten, lagen zwischen 2 und 15 Jahren Arbeitslosigkeit hinter ihnen. „Alle Teilnehmer brauchten deshalb ganz individuelle Beratung und Hilfe, um zunächst einmal ihren Lebensalltag wieder so zu organisieren, dass eine geregelte Beschäftigung überhaupt möglich wird“, beschreibt SPI-Geschäftsführer Michael Scherschel die Ausgangssituation.
Welche Hilfen erforderlich sind, wurde in Einzelgesprächen ermittelt (Profiling) und in Zielvereinbarungen mit jedem einzelnen Teilnehmer festgeschrieben. In enger Zusammenarbeit zwischen den Sozialarbeitern des Jugendamtes der Stadt, den Fallmanagern der ARGE und den „Jobpiloten“ von SPI konnten individuelle und passgenaue Lösungen entwickelt werden. Dieser innovative Ansatz eines konkreten „Netzwerkes“ der Hilfen vor Ort wurde von allen Beteiligten als gelungen bezeichnet.
Für jeden Teilnehmer wurde ein 5-Phasen-Beschäftigungprogramm maßgeschneidert:
- in der Einstiegsphase wurden die vorhandenen Kompetenzen ermittelt und qualifiziert
- in einer Trainingsphase erhielten die Teilnehmer Beschäftigungsmöglichkeiten mit intensiver Anleitung und Begleitung
- anschließend wurde – begleitet von Sozialarbeitern - ein 3wöchtiges Betriebspraktikum absolviert
- die dabei gemachten Beobachtungen und Erfahrungen waren Grundlage für einen Förderplan, der weitere Qualifizierungen festschreibt
- mit einem Abschlusspraktikum wurden die erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten gefestigt, parallel bemühten sich die Sozialarbeiter um eine Vermittlung des Teilnehmers auf dem ersten Arbeitsmarkt.
Für die Trainingsphase hatte der Träger gemeinsam mit sozialen Einrichtungen im Stadtteil zwei Tätigkeitsfelder entwickelt: Als „Veranstaltungsscouts“ und „Stadtteilhelfer“ haben die Teilnehmer soziale Projekte vor Ort unterstützt, beispielsweise durch das Herstellen von Kostümen und Dekorationen für Kinderfeste, die Organisation von Tauschbörsen (für Schulmaterialien, Babysachen etc.), das Anfertigung von Tast- und Geruchssäckchen oder Schaugärten für Kinder, Unterstützung bei Freizeitangeboten oder die Aufarbeitung von Spielzeug und Kleinmöbeln für Kindereinrichtungen und Schulen.
„Den Nutzen haben die Grundschulen und Kitas im Stadtteil, das heißt, die Arbeit der Teilnehmer kommt ihnen selbst und ihren Kindern zugute“, erläutert der SPI-Geschäftsführer. „Die Teilnehmer erfahren somit unmittelbar Anerkennung und erleben wieder das Gefühl, Etwas geschaffen zu haben und nützlich zu sein.“
Erste Erfahrungen
Nachdem die ersten Teilnehmer alle Phasen des Programms durchlaufen haben, hat SPI als Träger die gesammelten Erfahrungen gemeinsam mit der ARGE und dem städtischen Sozial- und Wohnungsamt ausgewertet. Der Träger empfiehlt vor allem, die Teilnehmer, die nicht auf den regulären Arbeitsmarkt vermittelt werden konnten, in einer Anschlussmaßnahme auf dem geförderten Arbeitsmarkt zu beschäftigen, damit die erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten vertieft werden.
Das Programm wird bis zum 30. Juni 2007 mit 24 Teilnehmern fortgesetzt. Dabei werden zunehmend auch Praktikumsplätze außerhalb von Olvenstedt angeboten.