Magdeburg.
Am Valentinstag 1408, genau vor 600 Jahren, erhielt die litauische Stadt Kaunas vom Großfürsten Vytautas das Recht zur Selbstverwaltung nach Magdeburger Recht. Das Jubiläum wurde Ende Mai mit dem Kaunas City Day gefeiert – Magdeburgs Beigeordneter für Kultur, Schule und Sport Dr. Rüdiger Koch gratulierte und hielt einen Festvortrag.
Das Datum der Rechtsverleihung markiert für die litauische Stadt die Entstehung einer Bürgergemeinde mit Stadtfreiheiten. Kaunas gehörte im Großfürstentum Litauen zu den bedeutendsten Handelsstädten, die ab der Mitte des 14. Jahrhunderts eine qualitativ neue Stufe der Stadtentwicklung erreichten. Die wirtschaftliche Prosperität brachte städtische Autonomie mit sich; der Stadtherr räumte der Stadt eine privilegierte Rechtsstellung ein und ließ für die Stadtbürger von Kaunas die Freiheiten der Stadt Magdeburg gelten.
Neben Kaunas waren zahlreiche Städte in Mittel- und Osteuropa mit dem Magdeburger Stadtrecht bewidmet. Breslau, Krakau, Lublin, Nowgorod, Lemberg und Kiew lassen sich als wichtigste Städte des Magdeburger Rechts nennen. Das Magdeburger Stadtrecht verband vom 13. bis zum 18. Jahrhundert Ost und West und bildete 600 Jahre lang eine Brücke zwischen den osteuropäischen Siedlungen.
Warum war das Recht der Stadt Magdeburg ein „Exportschlager“? Die mittelalterlichen Quellen sprechen vom deutschen Recht, das mit dem magdeburgischen Recht gleichgesetzt wurde. Die Rechtsverleihungen, die für die Siedlungen ein höheres Niveau der Stadtfreiheiten bedeuteten, erreichten wellenmäßig Osteuropa. Diese Rechtsbewidmungen und die daran anschließenden Rechtsfragen an den Magdeburger Schöffenstuhl zeigen, dass Magdeburg in der europäischen Rechts- und Kulturgeschichte eine herausragende Rolle spielte. Übertragen wurde vor allem die Stadtverfassung nach dem Magdeburger Modell: In den privilegierten Städten Osteuropas waren für die Verwaltung und Justiz der Bürgermeister, der Rat und der Gerichtsstuhl zuständig - eine frühe Form städtischer Selbstverwaltung also.
Mit diesen und weiteren Fragen der Magdeburger Stadtrechtsgeschichte beschäftigt sich das Forschungsprojekt „Das sächsisch-magdeburgisches Recht als kulturelles Bindeglied der Rechtsordnungen Ost- und Mitteleuropas“. Das Projekt arbeitet bei der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig unter der Leitung des Hallenser Rechtshistorikers Prof. Dr. Heiner Lück und des Leipziger Slawisten Prof. Dr. Ernst Eichler.
Die ersten Ergebnisse der Forschung wurden in diesem Jahr in einem Sammelband publiziert, der den Titel trägt: „Rechts- und Sprachtransfer in Mittel und Osteuropa. Sachsenspiegel und Magdeburger Recht“. In dieser Publikation kann man auch weiterführende Informationen zur Rolle des sächsisch-magdeburgischen Rechts in der Stadtgeschichte von Kaunas finden.
Seit einigen Jahren wird jeweils im Mai in Kaunas der so genannte Kaunas City Day gefeiert, an dem an die Erweiterung der Stadtfreiheiten am 20. Mai 1463 gedacht wird. Dieses Jahr wurde der Kaunas City Day vom 23. bis 25. Mai gefeiert, womit die Stadt an den 600. Jahrestag des Privilegs von Vytautas anknüpfte. Mit diesem Privileg war der Stadt die Selbstverwaltung nach Magdeburger Recht garantiert worden. Zu diesjähriger Feier wurden auch Vertreter anderer Partnerstädte eingeladen: Ferrara, Tartu, Barcelona, Riga, Charkow und Kaliningrad hatten ihre Delegationen nach Kaunas geschickt.
Die Stadt Magdeburg wurde von Dr. Rüdiger Koch, dem Beigeordneten für Kultur, Schule und Sport, vertreten. Am 23. Mai traf er Repräsentanten der Stadtverwaltung von Kaunas, am 24. Mai fand eine Festveranstaltung im dortigen Opernhaus statt. Dabei hielt Dr. Koch den Festvortrag über die Bedeutung des Magdeburger Rechts. In seinem Festbeitrag ging er unter andere auf die historischen und gegenwärtigen Verbindungen zwischen Magdeburg und Litauen ein und betonte die Bedeutung des Magdeburger Stadtrechts. Auch prominente Vertreter des Landes und des diplomatischen Corps nahmen an der Festveranstaltung teil. Beim abendlichen Empfang der Stadt Kaunas im Rathaus trafen die Vertreter der Partnerstädte zusammen, und es ergab sich die Möglichkeit, in persönlichen Gesprächen auf die historischen Wurzeln der Verbundenheit zwischen Magdeburg und Kaunas hinzuweisen.
Als Geschenk hat der Magdeburger Beigeordnete Dr. Koch den Stadtvätern von Kaunas eine Abbildung des ältesten Siegels der Stadt Magdeburg aus dem Jahre 1244 überreicht. Es ist beabsichtigt, dieses Geschenk in Kaunas dauerhaft zu präsentieren.
Das Stadtjubiläum wurde von einem bunten Straßenfest begleitet; für die feierliche Stimmung sorgten Musikanten und Schauspieler aus Polen, aus der Tschechischen Republik, aus Frankreich, Russland, Italien und Litauen. An das Mittelalter dachten die Veranstalter, als sie auch mittelalterliche Tänze, Spiele und ein Ritterturnier in das Programm aufnahmen – all das fand passend im Schloss von Kaunas statt.
Das Stadtjubiläum in Kaunas ist ein guter Anlass, an die Verbindungen der Regionen Mittel- und Osteuropas zu erinnern – und insbesondere daran, dass Magdeburg durch die Verbreitung des Magdeburger Rechts in Osteuropa in der europäischen Rechtskultur vielfältig verankert ist.
Für Rückfragen:
Dr. Katalin Gönczi
"Das sächsisch-magdeburgische Recht in Osteuropa"
Arbeitsstelle Magdeburg
Tel.: 540 2347