Zum vierten Mal wurden in Magdeburg Stolpersteine zur Erinnerung an jüdische Opfer des Nationalsozialismus gesetzt. Im Rahmen von Gedenkstunden verlegte der Arbeitskreis "Stolpersteine" gemeinsam mit Angehörigen der Opfer und Spendern dieser Erinnerungsmale heute 26 neue Stolpersteine.
"Mit den neuen Stolpersteinen erinnern wir an das individuelle Schicksal von 26 jüdischen Magdeburgerinnen und Magdeburgern, die während der NS-Zeit deportiert und ermordet wurden", so Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper, der am Nachmittag Familienangehörige der Opfer empfängt.
Gemeinsam mit dem Kölner Künstler Gunter Demnig wurde der erste Stolperstein an der Humboldtstraße 2 in den dortigen Fußweg eingelassen. Gewidmet ist er dem Justizrat Emil Kaufmann, der mit mehreren Kollegen bis 1933 erfolgreich eine Kanzlei am Alten Markt führte und im Alter von 78 Jahren ermordet wurde. Emil Kaufmann war Autor zahlreicher Fachpublikationen, Träger hoher Auszeichnungen und voll in die deutsche Gesellschaft integriert. Über das Leben von Emil Kaufmann spricht der Jurist Georg Pick am 2. Dezember dieses Jahres heute im Rahmen der Ausstellung "Justiz im Nationalsozialismus" im Landgericht Magdeburg.
Ein Stolperstein erinnert am City Carré an Erich Sperling. Älteren Magdeburgern wird der Nachfahre des renommierten Druckhauses und Papiergeschäftes L. Sperling vielleicht noch bekannt sein, hat dort doch jedes Schulkind für das neue Schuljahr eingekauft. Die von den Nazis ermordeten Familien Friedler, Herz, Biener, Jankelowitz, Bruch und Herrmann gehörten zu Geschäftsleuten der Innenstadt. Dr. Hans Aufrecht, Neffe des Direktors des Altstadtkrankenhauses Emanuel Aufrecht, praktizierte in der Otto-von-Guericke-Straße. Der Sohn des Kaufmannsehepaares Landeck besuchte das Vereinigte Dom- und Klostergymnasium. Und die beiden Frauen, Henriette Pessel und Marianne Zentawer, lebten bei ihren Familien, wo sie das Enkelkind hüteten bzw. die Eltern pflegten.
Die insgesamt 26 neune Stolpersteine befinden sich an folgenden Orten: Humboldtstraße 2 (für Justizrat Emil Kaufmann), Große Klosterstraße (für das Ehepaar Otto und Regina Herrmann), Breiter Weg 11a (für die Familie Alice, Friedrich und Günther Jankelowitz), Otto-von-Guericke-Straße/Ecke Kantstraße (für Erich Sperling), Otto-von-Guericke-Straße 104 (für das Ehepaar Dr. Hans und Ilse Aufrecht), Erzberger Straße 12 (für Henriette Pessel), Falkenbergstraße/Einfahrt zur Otto-von-Guericke-Universität (für Elise und Margot Bruch), Breiter Weg/Nordabschnitt (für Familie Abraham, Frieda Marie und Joseph Friedler, Gusta Herz sowie für Familie Eugen, Regina und Philipp Biener), Weitlingstraße/Ecke Große Steinernetischstraße (für Familie Siegfried, Peppi und Hirsch Tenenbaum), Friesenstraße 51 (für Marianne Zentawer), Goethestraße 40 (für Klaus Zindel) sowie Große Diesdorfer Straße/Ecke Annastraße (für das Ehepaar Axel und Anita Landeck).
18 Angehörige der Ermordeten besuchten heute Magdeburg und nahmen an den Zeremonien vor Ort teil, einige von ihnen sprachen auch Worte des Gedenkens. Die Angehörigen, darunter amerikanische und britische Staatsbürger, werden am Nachmittag bei einem Empfang der Stadtsparkasse von Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper begrüßt. Die Sparkasse setzt mit ihrem Engagement ein Zeichen gegenüber der Familie Zindel. Dr. Karl Friedrich Zindel war von 1926 bis 1936 Syndikus der Sparkasse Magdeburg. Er wurde entlassen, weil er sich nicht von seiner jüdischen Frau trennen wollte. Sein Sohn Klaus, Zwangsarbeiter in Frankreich, wurde ermordet – an ihn erinnert seit heute ein Stolperstein.
Am Abend, um 19.00 Uhr, wird im Kulturzentrum Moritzhof der Dokumentarfilm "Stolpersteine" von Dörthe Franke gezeigt. Im Anschluss steht der Künstler Gunter Demnig für Gespräche zur Verfügung.
Mit der Verlegung der neuen Stolpersteine steigt die Gesamtzahl dieser Erinnerungsmale im Stadtgebiet auf nunmehr 91. Verlegt wurden alle Stolpersteine von dem Kölner Künstler Gunter Demnig. In die Messingoberfläche sind die Namen und biografischen Daten der Opfer, der Zeitpunkt der Deportation und der Deportationsort eingraviert. Seit 1997 setzt Gunter Demnig diese zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader mit eingelassener Messingplatte in den Boden vor ehemalige Wohnhäuser und Wirkungsstätten von Opfern des Nationalsozialismus.
Finanziert werden die Erinnerungsmale ausschließlich durch Spenden. "Die Bereitschaft, mit Spenden die Patenschaft für die Stolpersteine zu übernehmen, verdient Dank und Anerkennung. Je mehr Menschen dieses Projekt mit einer Spende unterstützen, umso mehr Steine können weiterhin verlegt werden", wirbt Dr. Lutz Trümper gleichzeitig auch für die künftige Unterstützung in der Bürgerschaft.
Ein Stein kostet 95,- Euro. Hinzu kommen 25 Euro für die Pflege sowie für die Dokumentation in einem "Magdeburger Gedenkbuch", das möglichst viele Angaben über Leben und Schicksal der ermordeten Menschen aufnimmt. Das Buch wird zusammengetragen von Vereinen, Initiativen, Schulklassen und Einzelpersonen und widmet sich der Spurensuche nach dem Lebensweg der Ermordeten. Die Seiten für die neuen Stolpersteine sind bereits gedruckt.
Spenden für die Verlegungsaktion von Stolpersteinen im März 2009 können ab sofort auf das Konto 140 00 101 bei der Stadtsparkasse Magdeburg (BLZ: 81053272) überwiesen bzw. eingezahlt werden. Als Verwendungszweck muss dabei unbedingt die Ziffernfolge 0.54100.050014.3 angegeben werden.
Für Fragen und weitere Informationen zu den Stolpersteinen stehen die Mitarbeiter des Kulturbüros der Stadtverwaltung unter der Rufnummer 5 40 21 34 zur Verfügung.
Hintergrundinformationen
Der Magdeburger Stadtrat hat 2005 auf Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen beschlossen, sich der Möglichkeit des Erinnerns und Gedenkens durch so genannte Stolpersteine vor Hauseingängen und auf Gehwegen anzuschließen, von denen es mehr als 10.000 in über 190 Städten und Gemeinden Deutschlands gibt.
Eine Arbeitsgruppe, der neben der Stadtverwaltung und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auch die Vereine "Miteinander e.V." und "Förderverein Neue Synagoge Magdeburg e.V." sowie das Ökumenische Domgymnasium angehören, haben Informationen über die Personen zusammengetragen, denen die neuen Stolpersteine gewidmet sind.
Weitere Informationen über die Stolpersteine in der Landeshauptstadt Magdeburg sind im Internet unter http://www.magdeburg.de zu finden.