Magdeburg.
Aus Anlass des Welttages der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember äußert sich Hans-Peter Pischner, Behindertenbeauftragter der Landeshauptstadt, zu einigen aktuellen Problemen von behinderten Magdeburgerinnen und Magdeburgern.
Was brachte das Jahr 2008 aus der Perspektive des Beauftragten?
Zunächst sind wiederum positive Entwicklungen zu verzeichnen, was den Abbau baulicher Barrieren für behinderte und mobilitätseingeschränkte Menschen betrifft. Seit Jahr und Tag bemüht sich die Stadt, nach und nach die Bedingungen für die rund 17.000 schwerbehinderten Menschen auf diesem Gebiet zu verbessern.
Das kann man beispielsweise an den 2008 fertiggestellten Schulgebäuden festmachen, der Grundschule Lindenhof und den Sekundarschulen „Thomas Müntzer“ und „Wilhelm Weitling“, die im Rahmen des IZBB-Ganztagsschulprogramms vorbildlich barrierefrei saniert wurden. Auch die mit privaten Partnern in den vier Paketen des vom Stadtrat beschlossenen PPP-Programms enthaltenen Schulgebäude werden barrierefrei umgebaut oder neu errichtet. Auch die Städtische Volkshochschule wird künftig behinderte Menschen einbeziehen können, wenn der lange ersehnte Aufzug fertig ist. Zumindest theoretisch stehen diese Schulen künftig allen Menschen, auch solchen mit Behinderung, offen.
Auch die Magdeburger Verkehrsbetriebe sind bereit, bei ihren Vorhaben die Barrierefreiheit zu verbessern. Derzeit sind die ersten behindertengerechten Haltestellen in der Leipziger Straße im Bau. Ihre Gegenstücke werden im kommenden Jahr folgen, so dass wichtige Ziele, etwa das Universitätsklinikum, die Städtische Seniorenwohnanlage oder die Schule für Körperbehinderte sowie künftig auch der Südfriedhof barrierefrei erreicht werden können.
Dass diese Anstrengungen nicht vergeblich sind, kann man leicht erkennen, wenn man sich in den Straßenbahnen und Bussen umschaut. Immer mehr Rollstuhlbenutzer oder Senioren mit einem Rollator nutzen die MVB ganz selbstverständlich. Bleibt zu hoffen, dass auch das Fahrpersonal sich dieser Kunden annimmt und bei Bedarf ohne langes Zögern die klappbaren und mobilen Rampen anlegt.
Defizite gibt es dagegen immer noch bei der Versorgung mit barrierefreiem Wohnraum, obwohl sich immer mehr Wohnungsanbieter der Bedürfnisse behinderter und mobilitätseingeschränkter potentieller Mieter bewusst sind. Neben der barrierefreien Zugänglichkeit und Nutzbarkeit müssen aber auch die Lage und vor allem die Bezahlbarkeit stimmen, da viele Betroffene keineswegs über höhere Einkommen verfügen.
Manches ist aber auch unbefriedigend und bedarf nachhaltiger Lösungen, die allerdings nicht allein auf dem Tisch der Stadtverwaltung liegen, so Pischner.
So klagen Betroffene immer wieder über Probleme mit der ambulanten ärztlichen Versorgung, zumal sie nicht nur darauf angewiesen sind, geeignete Fachärzte zu finden und Termine zu erhalten, sondern auch darauf, dass die Praxen barrierefreie zugänglich sind. Das ist derzeit absolut noch nicht Standard, so Pischner. Gelegentlich kommt es sogar zu Praxisumbauten oder Neueinrichtungen, die nicht barrierefrei zugänglich sind.
Was derzeit ebenfalls fehlt, sind verlässliche und nachhaltige ambulante Hilfestrukturen für ältere und behinderte Menschen. Dabei geht es nicht um Pflegedienste, sondern um Alltagshilfen, Begleitdienste auf nötigen Wegen, Hilfen beim Einkauf oder bei Verrichtungen, die Betroffene nicht mehr selbst schaffen. Viele wünschen sich auch mehr soziale Kontakte und Begleitung in der Freizeit.
Obwohl auf diesem Gebiet eine Reihe von Vereinen und Trägern haupt- und ehrenamtlich tätig sind und auch immer wieder die eine oder andere Maßnahme des zweiten Arbeitsmarktes anbieten, haben viele Betoffene kaum Zugang zu solchen Hilfen, zumal es keine zentrale Anlauf- und Vermittlungsstelle für Angebote und Services gibt.
Die zunehmend prekäre soziale Situation vieler behinderter Menschen tut ein Übriges, um die Teilhabechancen einzuschränken, so Pischner. „Viele der Betroffenen, die sich an mich wenden, müssen jeden Euro zweimal umdrehen und können sich keine Hilfe leisten, die Geld kostet“, meint der Behindertenbeauftragte. Viele bedürftige Betroffene leiden darunter, dass es nach Einführung des SGB II und des SGB XII kaum noch Möglichkeiten gibt, trotz dringendem Bedarf einmalige Beihilfen zu erhalten.
Auch das mit viel Vorschusslorbeer versehene sogenannte „Persönliche Budget“ ist in der Praxis für die wenigsten Betroffenen eine Lösung, ist es doch an eine Reihe von Voraussetzungen und erheblichen bürokratischen Aufwand gebunden. Derzeit nehmen nur 20 betroffene Magdeburger ein solches Budget in Anspruch, alle auf Grundlage der Eingliederungshilfe, also eines Sozialhilfeanspruchs.
Eine weitere offene „Baustelle“ ist nach wie vor die Verbesserung der Betreuung langzeitarbeitsloser behinderter Menschen, wofür sich Pischner ein Kompetenzzentrum innerhalb der Jobcenter Arge GmbH wünscht.
So sieht der Behindertenbeauftragte anlässlich des Internationalen Tages der Behinderten nicht nur Grund zum Jubeln sondern meint, dass noch ein gehöriges Stück zu tun bleibt in der täglichen Praxis, aber auch im Bewusstsein der Bürger und der Politik, um die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen im Leben der Kommune voranzubringen.
Der Behindertenbeauftragte möchte auf diesem Wege allen persönlich Betroffenen, ehren- und hauptamtlichen Helfern und Verantwortlichen in den Vereinen, der Kommunalpolitik und der Stadtverwaltung danken, die sich auch im Jahre 2008 engagiert für die Interessen und Bedürfnisse behinderter Mitbürger eingesetzt haben, sei es im Kleinen durch persönliche Hilfe oder durch Mitarbeit bei der Umsetzung sozialer oder infrastruktureller Projekten, die den Alltag behinderter Menschen erleichtern.
Hintergrund
Die Interessenvertretung behinderter Menschen wird in Magdeburg u.a. vom Behindertenbeauftragten und der kommunalen Arbeitsgruppe „Menschen mit Behinderungen“ wahrgenommen. An dieser AG beteiligen sich seit 1999 Mitglieder von Behindertenverbänden und –vereinen, Stadträte, Mitarbeiter von Fachbereichen der Stadtverwaltung und engagierte persönlich betroffene Aktive. Die AG tritt i.d.R. fünfmal jährlich zusammen.
In Sachsen-Anhalt leben ca. 171.600 anerkannte Schwerbehinderte (7,1 % der Bevölkerung). In der Landeshauptstadt sind mit Stand vom Dezember 2007 rund 17.000 Menschen amtlich als Schwerbehinderte anerkannt (7,4 %), einschließlich der Behinderten mit einem Grad der Behinderung (GdB) unter 50 sind rund 25.000 Menschen betroffen (11 %).
Von den Magdeburger Schwerbehinderten sind rund 10.000 in ihrer Mobilität wesentlich beeinträchtigt (Merkzeichen aG und G), weit über 1.000 von ihnen sind auf einen Rollstuhl angewiesen. 361 sind blind, 195 gehörlos und ca. 4.000 haben Anspruch auf die Mitnahme einer Begleitperson im ÖPNV (Merkzeichen B). Als hilflos gelten knapp 2.000 Menschen (Merkzeichen H).
Rund 60 % der Betroffenen sind bereits 65 Jahre und älter. 53,3 % der Behinderten sind weiblich, wobei dieser Anteil mit zunehmendem Lebensalter ansteigt. Etwa 6.000 EinwohnerInnen sind pflegebedürftig, rund 2.600 von ihnen werden in stationären Einrichtungen gepflegt.
Nähere Informationen:
Hans-Peter Pischner, Behindertenbeauftragter, Telefon 0391/540 2342
E-Mail: behindert@magdeburg.de
Der Behindertenbeauftragte ist im Alten Rathaus, Alter Markt 6, Südflügel Erdgeschoss, Zimmer 043 zu erreichen.
Sprechzeit i.d.R. Dienstag 9-12 und 14-17.30 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung.