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Leverkusen, 20. August 2009

Gemeinschaftsveranstaltung von kunststoffland NRW und Wirtschaftsförderung lockte über 70 Gäste in die neue bahnstadt

Die Meldung von 60.000 unbesetzten Stellen im MINT-Bereich

vor einigen Wochen hat in Zeiten der Wirtschaftskrise für viel

Aufsehen gesorgt. Die Experten des Instituts der deutschen

Wirtschaft gehen davon aus, dass sich diese Situation in Zukunft

noch verschlimmern wird. Die Arbeitsgruppe Qualifikation des

Vereins kunststoffland NRW und die Wirtschaftsförderung

Leverkusen (WfL) haben die Problematik aufgegriffen und eine

Veranstaltung zum Thema „Hochschule & Unternehmen –

gemeinsame Ansätze gegen den Fachkräftemangel“ ins Leben

gerufen. Fachvorträge und eine abschließende

Podiumsdiskussion von Vertretern der Wirtschaft, der

Gewerkschaften und Institutionen sowie der Fachhochschule

standen dabei am Dienstagnachmittag im Mittelpunkt.

Mehr als 70 Gäste, darunter Vertreter von Unternehmen,

Bildungseinrichtungen, Netzwerken und Organisationen aus

Leverkusen und der Region, waren der Einladung der

Arbeitsgruppe Qualifikation von kunststoffland NRW e.V. und

der Wirtschaftsförderung Leverkusen in das alte

Ausbesserungswerk und den zukünftigen Hochschulstandort

neue Bahnstadt Opladen gefolgt. Begrüßt wurden die Gäste

durch Dr. Bärbel Naderer, Geschäftsführerin von

kunststoffland NRW und WfL-Geschäftsführer Wolfgang Mues,

der sich besonders über das Engagement der Arbeitsgruppe

für Leverkusen freute.

 

Nach einer Führung über das riesige Areal durch Hausherrin

Vera Rottes, Geschäftsführerin der Gesellschaft neue

Bahnstadt, bekamen die Gäste bei Vorträgen zum Thema

Fachkräftemangel die Problematik und Lösungsansätze

anhand unterschiedlicher Sichtweisen erläutert. Kern der

Diskussionen war die Ausbildung von Fachkräften.

Dr. Michael Neumann vom Institut der deutschen Wirtschaft in

Köln ging der Frage nach, warum vor dem Hintergrund des

demographischen Wandels die Unternehmen jetzt aktiv

werden müssen. Eine sinkende Geburtenrate und eine erhöhte

Lebenserwartung durch bessere Ernährung und einen

medizinisch-technischen Fortschritt seien die Hauptursachen

für den demographischen Wandel und somit auch für den

Rückgang der Fachkräfte. „Die Wirkung des Ganzen hat uns

aber noch nicht getroffen“, so Neumann. Erst ab dem Jahr

2015 nehme der Anteil der Jüngeren deutlich ab. Von dieser

Entwicklung betroffen seien vor allem die Ingenieursberufe,

hier liegt die Ersatzrate in Deutschland nur bei 0,9. Zum

Vergleich: In Schweden werden 4,7 neue Ingenieure für einen

Pensionär ausgebildet. „Wir müssen daher versuchen, ältere

Arbeitnehmer verstärkt zu integrieren und verhindern, sie zu

verlieren“, sagte Neumann.

 

Die Gründungsdekanin des Campus Leverkusen, Prof. Dr.

Astrid Rehorek, hob in ihrem Vortrag und der folgenden

Podiumsdiskussion die Bedeutung des künftigen

Hochschulstandorts mit kooperativen Studiengängen als

regionalen Ansatz gegen den Fachkräftemangel hervor: „Wir

stehen zu diesem Projekt und glauben, dass das

demographische Problem sehr effektiv bekämpft werden

kann.“ Die Dekanin warb darum, mit den ansässigen

Unternehmen in der Chemieregion Leverkusen in direkten

Kontakt zu kommen und dies auch vertraglich festzuhalten.

Sie bezeichnete es als „glücklichen Umstand“, dass das Land

die Fachhochschulen weiter ausbauen will, da diese eine

praxisorientierte und fachbezogene Ausbildung garantierten.

„Das ist eine große Chance, die wir ergreifen müssen.“

Über das Schülerlabor-Projekt als Schnittstelle zwischen

Schule, Berufsausbildung und Studium berichtete Baylab

plastics-Gesamtprojektleiter Dr. Johann Thim. In eintägigen

Live-Projekten können die Schüler für einen Tag die Schulbank

mit dem Forscherkittel tauschen und sich in kleinen Teams an

der Entwicklung eines Produktes bis zur Fertigstellung

beteiligen. Bayer MaterialScience will auf diese Weise die

Jugendlichen für das für viele uninteressante Thema

Naturwissenschaften und Technik begeistern. „Bei uns

können die Jugendlichen aktiv sein, einen praktischen Einblick

in die Berufswelt bekommen und erleben, wie ein

Unternehmen funktioniert“, so Dr. Thim.

 

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion, die durch

kunststoffland NRW e.V.-Geschäftsstellenleiterin Antje Lienert

moderiert wurde, unterstrich Dr. Ernst Grigat, Leiter des

CHEMPARKS Leverkusen, die Bedeutung des Chemiestandorts

Leverkusen für den Erhalt der Auszubildenden in der Region.

Dazu müsse der Standort an sich attraktiv gehalten, das

Interesse am CHEMPARK gefördert und die Qualifikation der

Bewerber hoch gehalten werden. Fachliche Kompetenz sei nur

durch eine gute Ausbildung zu erlangen.

 

Eine langfristige Standortsicherung ist nach Ansicht von Peter

Hausmann, Landesbezirksvorsitzender der IG BCE Nordrhein,

möglich, wenn zukunftsorientierte Fachbereiche gefördert und

mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden. Man müsse dafür

die Tendenz zum Ausbildungs-Abbau unbedingt stoppen. Zur

Frage, wie sich mittelständische Unternehmen engagieren

können, empfahl Dr. Johann Thim, die Netzwerke der Aus- und

Weiterbildung auszubauen und die Erwachsenenbildung zu

fördern, um auch bei den Eltern die Akzeptanz für

Einrichtungen wie Schülerlabore zu verstärken. Zudem müsse

man die Vorurteile gegenüber Haupt- und Realschülern

abbauen, um so die Motivation der Absolventen zu steigern.

Eine Möglichkeit, dies zu tun, bietet das Deutsche Museum in

Bonn. Museumsleiterein Dr. Andrea Niehaus berichtete von

eigenen Aktivitäten mit dem Technik-Nachwuchs und einem

Labor-Führerschein, den die Jugendlichen erwerben können.

Dieser Labor-Führerschein könne eine Eintrittskarte ins

Berufsleben darstellen.

 

Bei vielen Gesprächen im Anschluss an die Diskussionsrunde

ließen die Gäste den Nachmittag ausklingen und nutzten

dabei auch die Chance, Kontakte zu knüpfen. Man war sich

einig, dass die Veranstaltung einen Startschusscharakter

hatte für die weitere Behandlung des Themas

Fachkräftemangel in Leverkusen.

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