Magdeburg.
Das Stadtarchiv der Landeshauptstadt Magdeburg wendet sich mit einem Aufruf an die geschichtsinteressierte Magdeburger Bevölkerung: Am 16. Januar 2010 jährt sich zum fünfundsechzigsten Mal jener Tag, an dem Magdeburg seinen schwersten Luftangriff im Zweiten Weltkrieg erlebte. Nicht nur der verheerende Angriff hat eine Geschichte, sondern auch die Erinnerung an jene „Schreckensnacht“, in der Tausende Menschen starben und weite Teile der Stadt in Trümmer fielen. Gesucht werden Zeugnisse und persönliche Erinnerungen daran, wie seit Kriegsende der Katastrophe gedacht worden ist, sei es im engsten Familienkreis, sei es bei offiziellen Gedenkveranstaltungen.
Von besonderem Interesse sind Erinnerungen und Zeugnisse aus der DDR-Zeit. Bereits seit den frühen fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts führte die Stadt regelmäßig Gedenkveranstaltungen am Jahrestag der Zerstörung durch, und auch das Friedensgebet im Magdeburger Dom weist eine lange Tradition auf. Heute weiß man aber kaum noch etwas darüber, mit welchen Gefühlen das Gedenken in der Bevölkerung aufgenommen wurde und welche privaten Formen der Erinnerung es gab.
Alle Zuschriften werden im Stadtarchiv archiviert und auf Dauer der Forschung zugänglich gemacht werden. Der Aufruf erfolgt in Verbindung mit einem öffentlichen Vortrag des Freiburger Historikers Dr. Jörg Arnold, der am 15. Januar 2010 in der Stadtbibliothek zum Thema "Im Schatten Dresdens? Magdeburg und das Gedenken an den 16. Januar 1945" sprechen wird.
Arnold hat die öffentliche und private Erinnerung an den folgenschweren Luftangriff auf Magdeburg in der SBZ/DDR eingehend untersucht. Offenbar wurde die Zerstörung Magdeburgs jahrzehntelang als Variation des verheerenden Luftangriffs auf Dresden, der im Februar 1945 erfolgte, betrachtet. Eine eigenständige lokale Erinnerungskultur konnte sich aufgrund zentraler Vorgaben des SED-Regimes demgegenüber nur begrenzt entwickeln. Insbesondere seit den achtziger Jahren positionierte man Magdeburg auch international in einer Reihe mit Städten, die im Weltkrieg besonders stark zerstört wurden. Auf Friedenskonferenzen trat die Elbestadt nun gemeinsam mit Dresden neben Städten wie Hiroshima und Nagasaki auf.
Die offiziellen Formen der Erinnerung wirken bis in die Gegenwart fort, lautet eine der Schlussfolgerungen Arnolds. Die Vergegenwärtigung lange vorherrschender Deutungen, so seine Annahme, liefert einen wichtigen Beitrag zur Erklärung aktueller ideologischer Vereinnahmungen des Gedenktages.
Das Stadtarchiv nimmt dies zum Anlass, Erinnerungen und Dokumente von Zeitzeugen zu diesem Thema zu sammeln und bittet die Magdeburgerinnen und Magdeburger um Unterstützung. Einsendungen können bitte an folgende Adresse erfolgen: Stadtarchiv Magdeburg, 39090 Magdeburg. Per E-Mail können sich Interessierte auch unter joerg.arnold@geschichte.uni-freiburg.de melden.