Ottostadt Magdeburg.
Magdeburgs Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper hat heute gemeinsam mit Vertretern der Fraktionen im Stadtrat auf der Südseite des Alten Rathauses eine Gedenkstele für Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung, hauptamtliche Stadträte, Bürgermeister und Oberbürgermeister eingeweiht, die zwischen 1933 und 1945 Opfer des nationalsozialistischen Regimes geworden waren.
„Dieser ‚Ort der Erinnerung’ zwingt den Betrachter zum Innehalten und wahrt damit das ehrende Gedenken an all jene Stadtverordneten und Verwaltungsmitarbeiter, deren Arbeit, politische Überzeugung, Glaube oder Herkunft nicht in die menschenfeindliche Ideologie der Nationalsozialisten passte und die in der Konsequenz ihrer Existenz beraubt, verfolgt, verhetzt, deportiert oder ermordet wurden“, so OB Dr. Lutz Trümper im Rahmen der Gedenkveranstaltung. „Die heute hier am Rathaus eingeweihte Gedenktafel mahnt aber auch uns, die wir selbst in der Kommunalpolitik tätig sind. Als frei gewählte Vertreter des Volkes müssen wir uns der Verantwortung stets bewusst sein, die uns für die Gestaltung einer demokratischen, weltoffenen und toleranten Stadt zum Wohle aller Einwohner in die Hände gelegt wurde.“
Die Inschrift auf der Stele lautet:
Die Landeshauptstadt Magdeburg gedenkt der Frauen und Männer, die als Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung und als Kommunalpolitiker in den Jahren der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 diskriminiert, ihres Amtes beraubt, verfolgt, in Konzentrationslager verschleppt, ins Exil getrieben oder ermordet wurden.
Das Andenken schließt auch diejenigen ein, deren Namen und Schicksale unbekannt geblieben sind.
Der Inschrift folgen 68 Namen von Stadtverordneten und Kommunalpolitikern, die nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 aus dem Rathaus vertrieben wurden. Ihre Einzelschicksale konnten im Kulturhistorischen Museum und im Stadtarchiv recherchiert werden. Gestaltet hat die Stele der Diplom-Designer Ernst-Albrecht Fiedler.
Die Gedenkstele erinnert daran, wie sich die Stadt Magdeburg von einer demokratischen zu einer gleichgeschalteten Kommune wandelte. Bereits Anfang 1933 erfolgte eine „Säuberung des Rathauses“ von unerwünschten Mitarbeitern. Viele herausragende und fähige Leute, die stets nach bestem Gewissen zum Wohle der Stadt gehandelt hatten, mussten ihr Amt niederlegen und ins Exil gehen oder wurden verhaftet.
Zu ihnen gehörten unter anderem:
- Oberbürgermeister Ernst Reuter,
- Bürgermeister Herbert Goldschmidt,
- Stadtverordnetenvorsteher Otto Baer,
- Stadtbaurat Johannes Göderitz sowie
- ein erheblicher Teil der Dezernenten, Räte und
Verwaltungsmitarbeiter.
Hintergrund
Ein Antrag der Linksfraktion im Stadtrat vom 1. Februar 2008 forderte eine Gedenktafel für die Opfer des Nationalsozialismus unter den Stadtverordneten in Anlehnung an die Ausstellung „Unerwünscht-Verfolgt-Ermordet“ im Kulturhistorischen Museum. In einem Änderungsantrag vom 3. Juni 2008 fordert die CDU-Ratsfraktion, auch die Opfer der SED-Diktatur in das Gedenken einzubeziehen.
Die Opfer beider Unrechtsstaaten auf einer Gedenktafel darzustellen, lehnte die Stadtverwaltung als wissenschaftlich nicht begründbar ab, da die Unterschiede zwischen beiden Diktaturen zu erheblich sind. Der Stadtratsbeschluss vom September 2008 fordert daraufhin die Anbringung einer Gedenktafel für den Zeitraum von 1933-1945 und einer gesonderten Gedenktafel für den Zeitraum 1945-1989 am Rathaus.
Die erste Gedenktafel wird jetzt eingeweiht, die Realisierung der zweiten Gedenktafel ist nur im Rahmen eines universitären Forschungsprojektes unter Einbeziehung der Otto-von-Guericke-Universität, der Gedenkstätte Moritzplatz und der BstU-Außenstelle Magdeburg möglich.
Gestaltungskonzept
Gestaltet wurde die Gedenkstele vom Magdeburger Designer Ernst Albrecht Fiedler. Die Gestaltung des Ortes der Erinnerung versteht sich als integratives Element im Ensemble des Alten Rathauses. Die Position am Gebäude setzt sinnfällig die Achse über den Stolperstein für Bürgermeister Herbert Goldschmidt bis zu den Trümmerfrauen vor dem Westportal der Johanniskirche fort.
Form und Gestalt der Stele sollen ihr einen hinweisenden Charakter geben. Als "Hinweiser" wurde die Stele aus Edelstahl in ihrer Form auf den Grundriss eines Dreieckes reduziert und setzt so bewusst einen "aggressiven" Kontrapunkt zur homogenen und gefälligen Gestalt des Rathausgebäudes. Die 68 im Vorprozess gefundenen Namen stehen für 68 Einzelschicksale.
Der Bruch im Leben der Opfer wird durch den Bruch ihrer Vor- und Zunamen zwischen je zwei Stelenflächen symbolisiert. Der Betrachter liest zunächst Ernst und erst bei weiterer Betrachtung (nach dem Umbruch) Reuter. Die Wahl der Position am Gebäude schließt das Dach der gläsernen Vorhalle als "Hüter des Ortes" bewusst in die Gestaltung ein.