Der 69-jährige Lette George Jaunzemis wusste über mehrere Jahrzehnte nicht, wie er wirklich heißt, wer seine leibliche Mutter ist und wo er geboren wurde. Diese Fragen konnte der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen jetzt klären – 66 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Diese Woche traf Jaunzemis erstmals seine Familie, besuchte seinen Geburtsort Magdeburg und trug sich im Beisein von Oberbürgermeister Dr. Lutz Trümper in das Gästebuch der Landeshauptstadt ein.
„Ich fühle mich erleichtert, zu wissen, wer ich bin. Es ist sehr emotional, plötzlich eine Familie zu haben“, sagte der 69-Jährige.
Die Lebensgeschichte
George Jaunzemis wurde am 29. Oktober 1941 unter dem Namen Peter Thomas in Groß-Ottersleben bei Magdeburg geboren. Seine Mutter Gertrud heiratete hier unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges den Belgier Albert van der Velde, der vermutlich als Zwangsarbeiter in Deutschland war. Dieser nahm Peter als sein Kind an und die Familie ging gemeinsam nach Belgien. Laut den Unterlagen im Archiv des ITS kam die Mutter als illegal eingereiste Deutsche jedoch zunächst für drei Monate in ein Internierungslager. Mutter und Kind wurden getrennt. Nach ihrer Freilassung suchte Gertrud gemeinsam mit ihrem Mann jahrelang vergeblich nach dem Kind. Die Lettin Anna Rause, später Jaunzemis, hatte sich des Kindes angenommen, nannte es George und nahm es mit nach Deutschland. Nach Aufenthalten in Displaced Persons Camps in Lübeck und München wanderte sie 1949 mit dem Kind nach Neuseeland aus. Hier lebte George Jaunzemis bis zum Jahr 2000, in dem er zu seiner Frau nach Riga, Lettland, zog.
Klärung des Suchfalls
Im Archiv des ITS in Bad Arolsen befindet sich eine Kindersuchakte zu George Jaunzemis, alias Peter Thomas. Sie beschreibt die Suche nach dem verloren gegangenen Kind durch die Alliierten und enthält den tatsächlichen Namen des Kindes. Zudem gibt es im Archiv des ITS Unterlagen zur Auswanderung von Anna und George Jaunzemis. Mit Hilfe des Roten Kreuzes in Lettland und Belgien und vor allem der Landeshauptstadt Magdeburg konnte der ITS innerhalb eines Jahres die wahre Identität von Jaunzemis klären und seine Familie in Deutschland finden. Die Landeshauptstadt Magdeburg lieferte mit der Geburtsurkunde von Peter und der Heiratsurkunde seiner Mutter einen entscheidenden Hinweis. „Dies ist auch für uns ein ungewöhnlicher Fall“, sagte Margret Schlenke, Abteilungsleiterin Suchdienst und Schicksalsklärung beim ITS.
Begegnung mit der Familie und dem Geburtsort
Diese Woche lernte Jaunzemis erstmals seinen Neffen in Berlin und zwei Cousins in Magdeburg kennen. „Meinen 70. Geburtstag möchte ich dieses Jahr in Deutschland feiern“, sagte Jaunzemis.
Über den Internationalen Suchdienst
Der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen dokumentiert das Schicksal von Millionen Opfern der nationalsozialistischen Verfolgung. Sein Archiv umfasst rund 30 Millionen Dokumente aus Konzentrationslagern, zur Zwangsarbeit und zu Displaced Persons. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Klärung von Schicksalen und die Suche nach Überlebenden der Verfolgung und Zwangsarbeit die Hauptaufgabe des Suchdienstes. Heute macht die eigentliche Sucharbeit und Schicksalsklärung nur noch einen kleinen Teil der Arbeit aus. Sie betraf im vergangenen Jahr 1.062 der insgesamt 12.981 Anfragen.