Stadt Kassel erweitert Grimm-Sammlung durch Neuerwerbungen

25. August 2020.

Die Stadt Kassel erweitert kontinuierlich die Bestände ihrer Grimm-Sammlung. In den vergangenen zwei Jahren konnten einige interessante Objekte erworben werden, darunter Briefe der Brüder Grimm, Zeichnungen Ludwig Emil Grimms und Carl Hassenpflugs sowie verschiedene Märchen-Darstellungen. Vier besonders attraktive Neuzugänge präsentierten Kulturdezernentin Susanne Völker und Kulturamtsleiterin Carola Metz jetzt im Stadtmuseum Kassel.

 

Hauptstadt der Deutschen Märchenstraße, Heimat der von der UNESCO zum Weltdokumentenerbe ernannten Handexemplare der Kinder- und Hausmärchen und Sitz des international renommierten Ausstellungshauses GRIMMWELT: Kassel ist Grimmstadt. Rund 30 Jahre lebten und arbeiteten Jacob und Wilhelm in Kassel und hinterließen der Stadt ein umfassendes und vielseitiges Erbe. Die Bedeutung der Brüder Grimm für die Stadt zeigt sich deshalb auch in der umfassenden Grimm-Sammlung der Stadt Kassel, die eine Vielzahl an Objekten zum Leben und Wirken der Brüder und zu ihren Märchen verwahrt.

 

Dazu zählen über 20 Sammlungsgruppen, neben Büchern, Autographen und Hausrat der Familie Grimm auch Zeichnungen, Grafiken, Scherenschnitte, Skulpturen und Gemälde. Durch den Erwerb neuer Objekte wird die Sammlung stetig erweitert, um die Relevanz und Attraktivität der Sammlung zu sichern.

 

Kulturdezernentin Susanne Völker erklärte zur Bedeutung der vorgestellten Neuerwerbungen: „Die vier Ankäufe, die wir heute vorstellen, helfen uns dabei, ein noch besseres Verständnis für die Lebens- und Arbeitswelt der Brüder Grimm zu entwickeln. So verrät uns der Brief Wilhelm Grimms von 1839 beispielsweise, dass ein Jahr nach Beginn der Arbeit am Deutschen Wörterbuch bereits rund 45 Menschen daran mitarbeiteten. Es sind diese Einblicke und Erkenntnisse, die ausschlaggebend für unsere Entscheidung sind, Neuerwerbungen für die städtische Grimm-Sammlung zu tätigen. Damit erweitern wir einerseits die Forschungsgrundlage und schaffen gleichzeitig neue Impulse für die öffentliche Auseinandersetzung mit der Arbeit der Brüder Grimm.“

 

Die dezentrale Grimm-Konzeption

Dabei arbeitet die Grimm-Sammlung der Stadt Kassel insbesondere mit der GRIMMWELT und der Universität Kassel eng zusammen. Gemäß der sogenannten „dezentralen Grimm-Konzeption“, die von der Stadt zusammen mit der Universität Kassel im Zuge der Planungen um die im Jahr 2015 eröffnete GRIMMWELT Kassel entwickelt wurde, werden die klassischen musealen Aufgaben entsprechend der jeweiligen Kompetenzen auf die Schultern dieser drei Institutionen verteilt.

 

Während die GRIMMWELT das Thema als Ausstellungshaus für die Öffentlichkeit zugänglich macht und vermittelt, widmet sich die Universität Kassel mit einer außerordentlichen Professur und einem Grimm-Schwerpunkt der Universitätsbibliothek vor allem der Aufarbeitung und Erforschung des Themas. Die Grimm-Sammlung der Stadt Kassel übernimmt die verantwortungsvolle Aufgabe des Sammelns und Bewahrens.

 

Die Neuerwerbungen:

 

1) Brief von Wilhelm Grimm vom 14. Juli 1839, vermutlich an Friedrich Hesekiel

Der zweiseitige Brief wurde von Wilhelm Grimm (1786–1859) am 14. Juli 1839 in Kassel geschrieben, vermutlich an den Theologen und Generalsuperintendenten Friedrich Hesekiel (1794–1840). Er dankt dem Generalsuperintendenten für dessen Mitarbeit am Wörterbuch und nennt weitere Mitarbeiter, die für das Wörterbuch gewonnen werden konnten.

 

In dem Brief, der ein Jahr nach Arbeitsbeginn am Deutschen Wörterbuch geschrieben wurde, wird der Arbeitsumfang des Großprojektes „Wörterbuch“ deutlich, so schreibt Wilhelm Grimm von „etwa 45“ Mitarbeitern in der Hoffnung, dass „die sich hoffentlich noch vermehren“ und bittet den Empfänger ausdrücklich darum, sich nach weiteren potentiellen Mitarbeitern im Bekanntenkreis umzuhören. Denn Wilhelm Grimm ist klar: „die aufgabe ist ihrer natur nach groß, und kann sonst nicht vollständig bezwungen werden.“ Wie groß die Aufgabe tatsächlich war, wird vor allem im Rückblick deutlich. Erst 15 Jahre später, 1854, erschien der erste Band des Deutschen Wörterbuchs – der 32. und letzte Band erst 102 Jahre nach dem Tod Wilhelm Grimms, im Jahr 1961.

 

2)  Zeichnung von Ludwig Emil Grimm: Konzertmeister Adolf Wiele mit Dr. Wehr am Krankenbett seiner Frau

Die Federzeichnung von Ludwig Emil Grimm (1790–1863), jüngster Bruder von Jacob und Wilhelm Grimm und seines Zeichens Maler, Radierer und Kupferstecher, zeigt den Konzertmeister Adolf Wiele, im Dialog mit dem Hausarzt Dr. Wehr am Krankenbett seiner Frau Friederike. Wiele hat seine Violine unter den Arm geklemmt und redet in gebückter Haltung eindringlich mit dem Arzt. Das skurrile Gespräch über die passende Dosierung eines Medikaments ist in der Zeichnung festgehalten:

 

„Geben Sie davon ihrer Frau, dann wird es beßer

Aber mein Gott Herr M. Rath [Medizinalrat], es ist doch nicht zu viel?

Dann geben sie ihr weniger

Aber dann hilft es nichts?

Dann geben sie ihr mehr“

 

Wiele war eine bekannte Kasseler Persönlichkeit – Geiger im kurfürstlichen Theaterorchester und später Konzertmeister – und mit Ludwig Emil Grimm verwandt: Wieles früh verstorbene erste Ehefrau war Johanna Böttner, eine jüngere Schwester von Ludwig Emil Grimms Frau Marie Böttner, die beiden waren somit Schwager. Auch wenn Ludwig Emil Grimm bei dieser Szene wohl kaum persönlich anwesend war, kennt er die Personen gut und hat demnach vermutlich eine ihm geschilderte Anekdote in dieser humoristischen Zeichnung festgehalten.

 

3) Gemälde von Ludwig Emil Grimm: Porträt der Amalie Hassenpflug „Cassel May 1818“

Das Ölgemälde – ebenfalls von Ludwig Emil Grimm – zeigt Amalie Hassenpflug (1800–1871), eine enge Freundin der Grimm’schen Familie, Beiträgerin zur Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm und als Schwester Ludwig Hassenpflugs ab 1822 Schwägerin der Grimm-Schwester Charlotte Amalie. Es handelt sich um ein schönes Gemälde einer Weggefährtin und Märchenbeiträgerin der Grimms und um eine passende Ergänzung der Sammlung, in der sich bereits mehrere Zeichnungen von Ludwig Emil Grimm befinden, die Amalie Hassenpflug zeigen.

 

4) Märchen-Aquarelle von Carl Hassenpflug (1824–1890)

Urheber der Märchenaquarelle ist Carl Hassenpflug (1824–1890), Sohn von Charlotte Amalie, geb. Grimm, und Ludwig Hassenpflug und somit Neffe der Brüder Grimm. Hassenpflug, der vor allem als Bildhauer bekannt ist, war ab 1868 als Professor an der Kasseler Kunstakademie tätig. Die vorliegenden Märchen-Aquarelle malte er wohl auf Wunsch der 4 Töchter seiner Schwägerin. Die für den Pressetermin ausgewählten Aquarelle zeigen das Märchen „Vom klugen Schneiderlein“ in drei Motiven: wie der Schneider das Rätsel der stolzen Prinzessin löst, in einer zweiten Aufgabe einen wilden Bären listig bändigt und schließlich mit der Prinzessin zur Kirche fährt, um deren Gemahl zu werden.

 

Aufgrund der Vielzahl an Sammlungsobjekten von Carl Hassenpflug und der Erweiterungen in den vergangenen Jahren nicht nur im Bereich der Märchen-Aquarelle, sondern auch bei Skizzen, Zeichnungen und Landschaftsaquarellen, kann die Grimm-Sammlung der Stadt Kassel mittlerweile einen repräsentativen Bestand zu Carl Hassenpflug vorweisen, der als ein Alleinstellungsmerkmal der Sammlung bezeichnet werden kann.

 

Weiterführende Informationen unter www.kassel.de/grimm

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Pressekontakt: documenta-Stadt Kassel, Michael Schwab

Zu dieser Meldung können wir Ihnen folgende Medien anbieten:

Vorstellung Neuerwerbung Grimm-Sammlung Stadt Kassel
©Harry Soremski/Stadt Kassel

Vorstellung Neuerwerbung Grimm-Sammlung Stadt KasselKulturdezernentin Susanne Völker (links) und Kulturamtsleiterin Carola Metz präsentieren die neuen Exponate der Grimm-Sammlung der Stadt Kassel.

Brief von Wilhelm Grimm vom 14. Juli 1839 Seite 1
©Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Brief von Wilhelm Grimm vom 14. Juli 1839 Seite 1Brief von Wilhelm Grimm vom 14. Juli 1839, Seite 1.

Brief von Wilhelm Grimm vom 14. Juli 1839 Seite 2
©Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Brief von Wilhelm Grimm vom 14. Juli 1839 Seite 2Brief von Wilhelm Grimm vom 14. Juli 1839, Seite 2.

Zeichnung von Ludwig Emil Grimm des Konzertmeisters Adolf Wiele mit Dr. Wehr am Krankenbett seiner Frau
©Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Zeichnung von Ludwig Emil Grimm des Konzertmeisters Adolf Wiele mit Dr. Wehr am Krankenbett seiner FrauZeichnung von Ludwig Emil Grimm des Konzertmeisters Adolf Wiele mit Dr. Wehr am Krankenbett seiner Frau.

Gemälde von Ludwig Emil Grimm: Porträt der Amalie Hassenpflug
©Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Gemälde von Ludwig Emil Grimm: Porträt der Amalie HassenpflugGemälde von Ludwig Emil Grimm: Porträt der Amalie Hassenpflug.

Märchen-Aquarell von Carl Hassenpflug
©Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Märchen-Aquarell von Carl HassenpflugMärchen-Aquarell von Carl Hassenpflug: Vom klugen Schneiderlein.

Transkription des Briefes von Wilhelm Grimm
©Grimm-Sammlung der Stadt Kassel

Transkription des Briefes von Wilhelm Grimm   Transkription des Briefes von Wilhelm Grimm



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