Meldungsdatum: 06.10.2021

Preisverleihung Kasseler Demokratie-Impuls: Stadt zeigt Haltung

Zum ersten Mal fand in Kassel die Verleihung der Auszeichnung Kasseler Demokratie-Impuls statt. Bei einer Festveranstaltung in der documenta-Halle standen gesellschaftliche Brennpunktthemen im Fokus, die sich unter anderem mit rechtsextremistischen, rassistischen und antisemitischen Anschlägen in Kassel, Halle und Hanau befassen.

Diese schrecklichen Ereignisse seien in das Gedächtnis unserer Gesellschaft gebrannt, sagt Oberbürgermeister Christian Geselle, der betonte: „Es ist Anliegen der Stadt, Impulse zu setzen und Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention zu fördern. Dies ist Ausdruck einer entschiedenen Haltung gegen jede Form von Menschen- und Demokratiefeindlichkeit.“

Der Dresdner Extremismusforscher Dr. Steffen Kailitz machte in seinem Festvortrag eine deutliche Spaltung der Gesellschaft aus, die sich im Gefolge der Fluchtkrise 2015 zeige und entscheidend vertieft habe. Die Verschwörungstheorie eines „Großen Austauschs“ der einheimischen Bevölkerung durch Zuwanderer habe dabei ausgehend von Pegida und dem rechtsextremistischen Teil der AfD in die Gesellschaft verbreitet, zugleich habe sie immer wieder rechtsextremistische Gewalttaten wie in Hanau und Halle inspiriert. Im Zuge der Corona-Pandemie hätten Verschwörungstheorien weitere Verbreitung gefunden. Es gelte, so Kailitz, rechtsextremen Parolen und Verschwörungstheorien, auch wenn sie von vielen getragen werden, nie als normal zu akzeptieren, ihnen unbeirrbar entgegenzuwirken und potentielle Opfer effektiv zu schützen.

Kailitz würdigte die journalistischen Arbeiten der diesjährigen Preisträgerinnen und Preisträger, die sich intensiv und tiefgründig brennenden Fragen und Phänomenen widmen. Ausgezeichnet wurden Spiegel-Redakteur Peter Maxwill für sein Reportagebuch „Die Reise zum Riss – Berichte aus einem gespaltenen Land“, die Redakteurin der Zeitung „Die Zeit“, Jana Simon, für ihre Reportage über einen ehemaligen NSU-Ermittler des Landeskriminalamtes Thüringen, und Dr. Peter Voegeli, Korrespondent des Schweizer Rundfunks, der sich nach dem Attentat auf die Synagoge in Halle an der Saale mit zunehmendem Antisemitismus in Deutschland beschäftigt hat.

 

Aufgrund der Corona-Pandemie, die einer Preisverleihung im vergangenen Jahr entgegenstand, wurden auch die Preisträger des Jahres 2020 während der Veranstaltung in der documenta-Halle ausgezeichnet. Preisträger des Demokratie-Impulses 2020 ist das Autoren-Team der Süddeutschen Zeitung, Annette Ramelsberger, Rainer Stadler, Wiebke Ramm und Prof. Dr. Tanjev Schultz, für die Artikelserie „Der Prozess“. Die Journalisten hatten den Jahrhundertprozess, bei dem es auch um die Ermordung des Kasseler Bürgers Halit Yozgat im Jahr 2006 durch den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) ging, fünf Jahre lang begleitet und dokumentiert.

 

Wie es den Angehörigen der Opfer des rassistischen Terroraktes am 19. Februar 2020 in Hanau noch heute ergeht, schilderte Armin Kurtovic eindrucksvoll im Interview mit Moderatorin Amira El Ahl. Sein 22-jähriger Sohn Hamza war, wie acht weitere Menschen, von einem rechtsextremistischen Täter ermordet worden.

 

Wissenschaftliche Förderpreise vergeben

Es sei wichtig, dass sich auch der wissenschaftliche Nachwuchs mit „Tiefenbohrungen nach Ursachen, Verstrickungen, Zusammenhängen und Entwicklungen befasst“, betonte Oberbürgermeister Geselle. Aus diesem Grund hatte die Jury im vergangenen Jahr drei Förderpreise für wissenschaftlichen Nachwuchs vergeben. Ausgezeichnet wurden Rebekka Bonacker, Adriana Fink und Mara Teutsch für ihre Forschungsarbeit mit dem Titel „Kritische Analyse der Dynamiken im Erinnern an den NSU-Komplex“, Ann-Kathrin Mogge für ihre Masterarbeit „Nach der Wende die Wende? Diskussionen um die Nation in zwei neurechten Periodika nach der Wiedervereinigung“ und Andrea Horni für ihre Masterarbeit zu dem Thema „Erinnerungsort: eine Straße für Halit Yozgat – Die Kasseler Diskussion um ein Opfer nazistischer Gewalt“.

 

Die Auszeichnung „Kasseler Demokratie-Impuls“, die verbunden ist mit dem Gedenken an die NSU-Opfer, wurde im Jahr 2019 von der Stadt Kassel erstmals bundesweit ausgeschrieben. Sie ist mit 3.000 Euro dotiert. Insgesamt wurden bei der diesjährigen Ausschreibung 45 wissenschaftliche und journalistische Arbeiten eingereicht, die sich vor allem mit den Themen Rechtsextremismus, Rassismus, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit auseinandersetzen.

 

Die Preisverleihung wurde durch das Landesprogramm „Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus“ sowie der Kasseler Sparkasse gefördert und unterstützt.

 

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Elena Padva und Attila Günaydin, die sich mit ihrem Projekt Selam & Shalom für die Verbindung jüdischer und muslimischer Kultur einsetzen.

 

Hintergrund zum „Kasseler Demokratie-Impuls“

Mit der Auszeichnung „Kasseler Demokratie-Impuls“ sollen herausragende wissenschaftliche Arbeiten sowie tiefgreifende, analytische journalistische Arbeiten, die Rassismus, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt in der Gesellschaft thematisieren und sich insbesondere mit Rechtsextremismus, Ausländerfeindlichkeit, Islamfeindlichkeit und Antisemitismus auseinandersetzen, gewürdigt werden.

 

Die Jury besteht aus: Prof. Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer, ihrem Mitarbeiter Taha Kahya, Hans Eichel, ehemaliger Bundesfinanzminister, Hessischer Ministerpräsident und Kasseler Oberbürgermeister, PD Dr. Steffen Kailitz, Politikwissenschaftler und Extremismusforscher am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden, sowie Prof. Dr. Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Universität Kassel und am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Demokratie und Demokratisierung.

 

Pressekontakt: Michael Schwab


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Preisträger 2021

©  Harry Soremski/Stadt Kassel
Preisträger 2021

V.l.n.r: Oberbürgermeister Christian Geselle, Peter Maxwill, Dr. Peter Voegeli und Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Martina van den Hövel-Hanemann.


Preisträger 2020

©  Harry Soremski/Stadt Kassel
Preisträger 2020

V.l.n.r: Dr. Martina van den Hövel-Hanemann, Prof. Dr. Tanjev Schultz, Rainer Stadler, Wiebke Ramm, Annette Rammelsberger und Oberbürgermeister Christian Geselle.


Förderpreise für wissenschaftlichen Nachwuchs

©  Harry Soremski/Stadt Kassel
Förderpreise für wissenschaftlichen Nachwuchs

V.l.n.r.: Jochen Johannink (Kasseler Sparkasse), Ann-Kathrin Mogge, Rebekka Bonacker, Mara Teutsch, Andrea Horni und Oberbürgermeister Christian Geselle.