Meldungsdatum: 22.05.2019

Ngũgĩ wa Thiong’o erhält den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis 2019

Sonderpreis für „Sea-Watch e.V.“

Seit 1991 verleiht die Stadt Osnabrück alle zwei Jahre den nach dem weltbe-kannten, in Osnabrück geborenen Schriftsteller Erich Maria Remarque be-nannten Friedenspreis. In diesem Jahr wird die Auszeichnung zum 15. Mal vergeben.

Den mit 25.000 Euro dotierten Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis erhält der kenianische Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Ngũgĩ wa Thiong'o vor allem im Hinblick auf seine aufklärerischen antikolonialistischen Themen, seinen Bezug auf traditionelle afrikanische Theater- und Erzählkunst sowie für sein Eintreten für den Erhalt der Muttersprache als Identifikationsmerkmal. Ngũgĩ wa Thiong'o versteht die Kommunikation unter den Sprachen als friedensstiftendes Element. Er gilt als eine der wichtigsten Stimmen der Literatur aus Afrika, seine im Sammelband Dekolonisierung des Denkens versammelten Essays bestimmen bis heute die Diskussion über die fortbestehenden Folgen der Kolonisierung Afrikas. Seit 1984 schreibt er seine literarischen Texte nur noch in seiner Muttersprache, dem Kikuyu, und übersetzt sie anschließend selbst ins Englische. Zu einer afrikanischen Literatur gehört für ihn das Schreiben in afrikanischen Sprachen, da in ihr die Mythen, die Denkweisen, die gesamte Kultur und die Mentalität der Menschen verankert sind, die diese Sprache sprechen. Über eine Gleichberechtigung der Sprachen sowie eine Dekolonisierung auf allen Ebenen könnten herrschende, postkoloniale Machtverhältnisse in den Ländern Afrikas überwunden und eine eigene, starke Identität gewonnen werden, die letztendlich auch die zu erwartenden Fluchtbewegungen in Richtung Europa verhindern könnte. Unter anderem in seinem Essayband Dekolonisierung des Denkens findet sich eine Auswahl von Vorträgen und Artikeln, die grundlegend seine postkoloniale Kritik und kulturwissenschaftlichen Thesen verdeutlichen.

„Vor allem in seinen Essays verweist Ngũgĩ wa Thiong'o schon sehr früh auf die gerade heute sehr aktuelle Diskussion über die Folgen der Kolonialzeit – ich denke da z.B. an die Frage der Rückgabe erbeuteter Kulturgüter – und die Notwendigkeit, die auch durch europäische Staaten unterstützten oder sogar erst ermöglichten Herrschaftsstrukturen in den postkolonialen Staaten Afrikas zu überwinden“, so Oberbürgermeister Wolfgang Griesert.

„Mit Ngũgĩ wa Thiong'o zeichnen wir einen Schriftsteller aus, dem es um Selbstbestimmung afrikanischer Kulturen geht und um eine Loslösung aus kolonialen Zwängen. Sein Versuch, einen Dialog trotz oder gerade wegen der verschiedenen Sprachen über die Literatur herzustellen, ruft Verständnis für den anderen Kontinent hervor und kann so zum Frieden beitragen. Auch im Hinblick auf die Vermeidung eines neuen Kolonialismus, wie er heutzutage z.B. durch China angestrebt werde, ist Ngũgĩ wa Thiong'o ein wichtiger Vertreter der Eigenständigkeit durch Sprache“, so die Begründung der Jury.

Ngũgĩ wa Thiong'o tritt vehement ein für ein kulturelles Selbstbestimmungsrecht der Völker als identitäts- und friedensstiftendes Merkmal und entspricht damit dem Denken und der Überzeugung Erich Maria Remarques, der sich 1929 zu den Folgen des Ersten Weltkriegs äußerte: „Man weiß endlich, dass alle Menschen auf der Welt gleich sind; man weiß, dass alle gleiche Sorgen haben, gleiche Freuden, gleiche Hoffnungen und das gleiche Leben. Heute macht man sich die Mühe, in den Kopf des anderen Mitmenschen zu schauen. Und vier Jahre Krieg haben uns einzig den Wert des Friedens bewiesen.“

Der Verein „Sea-Watch“ erhält den mit 5.000 € dotierten Sonderpreis. Damit soll das zivile Engagement zur Seenotrettung von Flüchtenden geehrt und stärker in die Öffentlichkeit gerückt werden. Darüber hinaus wird auch das Eintreten für legale Flucht- bzw. Einreisewege gewürdigt sowie die Forderung n ach einer Rettung in Seenot geratener Flüchtende durch die zuständigen europäischen Institutionen. Die ausschließlich durch Spenden finanzierte Initiative wird durch Freiwillige aus ganz Europa unterstützt. „Sea-Watch“ war bisher an der Rettung von weit über 37.000 Menschen beteiligt.

Die Preisverleihung findet statt am Freitag, 29. November 2019, um 11 Uhr im Friedenssaal des historischen Rathauses der Stadt Osnabrück


Allgemeine Informationen zu den Preisträgern:

Der in Kenia geborene Schriftsteller und Kulturwissenschaftler Ngũgĩ wa Thiong’o gilt als einer der bedeutendsten Schriftsteller Ostafrikas und wurde immer wieder als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt, u.a. auch für seine kritischen Essays in dem auf Deutsch vorliegenden Band Dekolonisierung des Denkens. Ngũgĩ lehrte als Vergleichender Literaturwissenschaftler unter anderem an der Yale University, New York University und an der University of California, Irvine. Ngugi wa Thiongo'o war von 1992 bis 2002 an der NYU, er war dort sowohl Professor für Vergleichende Literatur und Theaterwissenschaft (Comparative Literature and Performance Studies) als auch „Remarque Professor“ für Sprache, hat aber nicht direkt zu Remarque geforscht oder publiziert. Während des Mau-Mau-Aufstands in den 1950er Jahren wurde seine Familie gefangengenommen, sein Stiefbruder getötet, seine Mutter gefoltert. Ngũgĩ veröffentlichte 1964 seinen ersten Roman Weep Not, Child, mit dem er bereits weltbekannt wurde. Er versteht sich als antikolonialer Schriftsteller und publiziert deshalb seit 1978 in seiner Muttersprache, dem Kikuyu (Gikuyu). Seine Werke übersetzt er selbst ins Englische, aber auch in vielen anderen Sprachen sind sie präsent. Populär machten ihn nicht nur die aufklärerischen Themen, sondern vor allem sein Widerstand gegen die britische Kolonialpolitik und die spätere postkoloniale Herrschaft der Regierung von Daniel arap Moi sowie sein Bezug auf traditionelle afrikanische Theater- und Erzählkunst. 1977 wurde er aufgrund eines kritischen Theaterstücks gefoltert und ohne Prozess inhaftiert, seine Bücher wurden verboten. Anfang der 1980er Jahre gelang es ihm, in England politisches Asyl zu erhalten. Bei einem Besuch Kenias im Jahr 2004 wurden er und seine Frau überfallen, woraufhin beide zurück in die USA reisten, wo sie bis heute leben. Ngũgĩs antikolonialistische Thesen bestimmten seit ihrem ersten Erscheinen vor 30 Jahren die Diskussion in Afrika und weltweit (siehe auch https://ngugiwathiongo.com).

Aus einer Initiative von Freiwilligen, die sich der Seenotrettung verschrieben haben, ist „Sea-Watch“ Ende 2014 entstanden. Am 19. Mai 2015 wurde dann der Verein „Sea-Watch e.V.“ gegründet. Die Lücke einer institutionalisierten, flächendeckenden Seenotrettung mit klarem Mandat, wie etwa Mare Nostrum, die mehr als 130.000 Menschen retteten, aber von der EU nicht übernommen und daher beendet wurde, versucht der Verein so lange wie möglich und im Rahmen seiner Möglichkeiten zu füllen. Die Mitglieder fordern darüber hinaus eine internationale, institutionalisierte Seenotrettung mit eindeutigem Mandat und auf lange Sicht vor allem legale und sichere Einreisewege für Schutzsuchende im Sinne einer #SafePassage. Seit Anfang 2015 arbeitet die ständig wachsende Organisation, die vor allem aus engagierten Freiwilligen aus ganz Europa besteht, an der Projekt-Organisation und Umsetzung von „Sea-Watch“ (siehe homepage https://sea-watch.org).


Allgemeine Informationen zum Remarque-Friedenspreis:

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis wird im Sinne seines Namensgebers für belletristische, journalistische oder wissenschaftliche Arbeiten vergeben, die sich mit Themen des inneren und äußeren Friedens auseinandersetzen, sowie für beispielhaftes Engagement für Frieden, Humanität und Freiheit.

Unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Wolfgang Lücke, Präsident der Universität Osnabrück, gehören der Jury Prof. Dr. Heribert Prantl, Prof. Dr. Rita Süssmuth, Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, Dr. Johano Strasser, Dr. Hubert Winkels, Jutta Sauer sowie Prof. Dr. Tilman Westphalen als Vertreter der Erich-Maria- Remarque-Gesellschaft und Dr. Thomas Schneider als Leiter des Erich Maria Remarque-Friedenszentrum an sowie als Vertreter der Stadt Osnabrück Oberbürgermeister Wolfgang Griesert und der städtische Pressesprecher Dr. Sven Jürgensen.

Der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis wurde bisher vergeben an Lew Kopelew (1991), Hans Magnus Enzensberger (1993), Uri Avnery (1995), Ludvik Vaculik (1997), Huschang Golschiri (1999), Swetlana Alexijiwitsch (2001), Prof. Dr. Dan Bar-On und Mahmud Darwisch (2003), Leoluca Orlando (2005), Prof. Dr. Tony Judt (2007), Henning Mankell (2009), Tahar Ben Jelloun (2011), Abdallah Frangi und Avi Primor (2013), Adonis (2016) sowie an Aslı Erdoğan (2017).

S
onderpreise erhielten Anja Lundholm (1991), Dörte von Westernhagen (1993), Milijenko Jergovic (1995), die Gemeinsame deutsch-tschechische Historikerkommission (1997), das Gründungskomitee des Verbandes iranischer Schriftsteller (1999), die Internationale Gesellschaft für historische Aufklärung, Menschenrechte und soziale Fürsorge MEMORIAL (2001), Juri Andruchowytsch (2005), Grigori Pasko (2007), Lukas Bärfuss (2009), die Menschenrechtsorganisation PRO ASYL (2011), die Initiativen EXIT-Deutschland (2013) und „Pulse of Europe“ (2017).

Pressekontakt: Dr. Thomas Schneider | Erich-Maria-Remarque-Archiv | Telefon 0541 969-2441 | E-Mail: remarque-friedenspreis@web.de