70 Jahre Grundgesetz - Bürgermeisterin Friedrich würdigte Verdienste der Kasseler Juristin und Politikerin Elisabeth Selbert

24. Mai 2019.

An die Verdienste und das Leben der Kasseler Juristin und Politikerin Elisabeth Selbert hat Bürgermeisterin Ilona Friedrich anlässlich einer Gedenkveranstaltung zu 70 Jahre Grundgesetz am Grab der Kasseler Ehrenbürgerin erinnert. „Sie war eine außergewöhnliche Frau, die als Mitglied des Parlamentarischen Rates, der 1948 zusammentrat und die Aufgabe hatte, das Grundgesetz der Bundesrepublik zu erarbeiten, mit der Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ eine zentrale Aussage im Kernbereich des Grundgesetztes in Artikel 3 Absatz 2 GG durchgesetzt und die Weichen für eine Reformierung des Ehe- und Familienrechts gestellt hat. Sie ermöglichte damit für die nachfolgenden Generationen von Frauen auch die Emanzipation vom tradierten Frauenbild.“ Es sei, so betonte Bürgermeisterin Friedrich, ein zähes Ringen gewesen, das Elisabeth Selbert mit großem Einsatz und Durchsetzungswillen verfolgt habe. Dazu habe sie neben Friederike Nadig, die wie sie der SPD angehörte, auch Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrumspartei) als Mitstreiterinnen gewinnen können. Gemeinsam seien sie in die Geschichte als die „Mütter des Grundgesetzes“ eingegangen.

„In Kassel sind wir stolz auf Elisabeth Selbert, diese herausragende Frau und Persönlichkeit aus unserer Mitte, die dafür gesorgt hat, dass Gleichberechtigung als Verfassungsgrundsatz in das Grundgesetz aufgenommen wurde. Auch wenn das Gleichberechtigungsgesetz dann erst 1957 verabschiedet wurde, hat sie doch dafür gesorgt, dass Frauen im damals noch jungen Staat Bundesrepublik Deutschland buchstäblich zu ihrem Recht kamen.“

Dass ein derartig kämpferischer Einsatz notwendig werden würde, hatte Elisabeth Selbert nicht vorhergesehen und deshalb zunächst nicht im Grundrechtsauschuss mitgearbeitet. Zuversichtlich war sie davon ausgegangen, dass die Leistungen der Frauen in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts, dass ein zeitgemäßes Frauenbild der neuen Bundesrepublik Deutschland durch den parlamentarischen Rat anerkannt würden. Doch erst nach mehreren Anläufen gelang es, den entscheidenden Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ statt dem aus der Weimarer Verfassung stammenden „Männer und Frauen haben die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten“ zu verankern.

Ein langer Weg

Dabei war Elisabeth Selbert selbst einen langen Weg gegangen. 1896 in Kassel geboren und unterstützt von ihrem aus Kassel-Niederzwehren stammenden Mann, legte sie erst nach der Geburt von zwei Söhnen als „Externe“ das Begabtenabitur ab und begann ihr juristisches Studium. 1930 promoviert sie über „Die Zerrüttung als Ehescheidungsgrund“ – doch erst 47 Jahre später wurde das Schuldprinzip im Scheidungsrecht abschafft.

Während der Zeit des Nationalsozialismus sorgte Elisabeth Selbert für das Familieneinkommen, da ihr Mann als SPD-Parteimitglied 1933 aus dem Staatsdienst entlassen worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie von 1946 bis 1952 Stadtverordnete der SPD in Kassel sowie von 1946 bis 1958 Mitglied des Hessischen Landtags.

Zeit ihres Lebens war die Gleichberechtigung von Mann und Frau das zentrale Thema für sie, sowohl im politischen Leben als auch in ihrer Anwaltskanzlei in Kassel. Bis weit über ihr achtzigstes Lebensjahr hinaus war sie als Anwältin tätig.

Elisabeth Selbert starb am 9. Juni 1986 in ihrer Heimatstadt Kassel.

Ehrungen und Auszeichnungen für eine Persönlichkeit des 20. Jahrhundert

Für ihre Verdienste wurde Elisabeth Selbert 1956 mit dem Großen Bundesverdienstkreuz, 1969 mit dem Wappenring der Stadt Kassel und 1978 mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille ausgezeichnet. Im Jahr 1984 wurde sie zur Ehrenbürgerin der Stadt Kassel ernannt. 

Im Gedenken an diese Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts lobte die hessische Landesregierung 1983 den „Elisabeth-Selbert-Preis“ für journalistische und wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Gleichberechtigung von Mann und Frau aus, der alle zwei Jahre verliehen wird.  

In der Stadt Kassel erfährt sie Anerkennung durch die Benennung des Bürgerhauses in Niederzwehren und einer Promenade, ebenso erinnert die Elisabeth-Selbert-Halle im Rathaus an sie. Zudem sind viele deutsche Straßen, Plätze und Schulen nach Elisabeth Selbert benannt

 

 

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Kassel ist mit über 205.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die größte Stadt in der Mitte Deutschlands. Rund 111.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte sind am Wirtschaftsstandort tätig. Gut 25.000 Menschen studieren an der Universität.

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