Meldungsdatum: 19.07.2021

„Humor als Haltung zur Welt“ – Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor an Felicitas Hoppe verliehen. Förderpreis komische Literatur an Lukas Linder

„Kröne dich selbst – sonst krönt dich keiner!“, sagt Felicitas Hoppe. Am 17. Juli wurde die Schriftstellerin nun aber mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor unter Corona-Bedingungen gekrönt. Der Preis, bestehend aus 10.000 Euro und einer Bronze-Skulptur der Bildhauerin E.R. Nele, wurde statt im Kasseler Rathaus ausnahmsweise in der Grimmwelt Kassel in einem kleinen Kreis geladener Gäste verliehen.

Zugleich erhielt der Schweizer Autor und Dramatiker Lukas Linder den Förderpreis Komische Literatur in Höhe von 3.000 Euro. Vorgeschlagen von seinem Verlag Kein & Aber aus Zürich, hatte er sich gegenüber Nominierungen von knapp 40 Verlagen durchgesetzt.

 

Oberbürgermeister Christian Geselle hob in seiner Ansprache hervor, wie wichtig es sei, dass die gemeinsam von der Stadt Kassel und der Stiftung Brückner-Kühner vergebene Auszeichnung trotz widriger Umstände öffentlich und würdig verliehen werde. Den Gründern der Stiftung, dem Schriftstellerpaar Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner, die in diesem Jahr beide 100 Jahre alt geworden wären, sei die Stadt zu stetem Dank verpflichtet und ehre sie.

 

Stiftungsrätin Friederike Emmerling betonte, der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor zähle wie wenige andere zu den bedeutenden unter den über tausend jährlich vergebenen Literaturpreisen und mehre wie auch die weitere Arbeit der Stiftung Brückner-Kühner das Ansehen Kassels als Kulturstadt weit über deren Grenzen hinaus.

 

Die Lobreden hielten für Felicitas Hoppe der Berliner Germanist Prof. Dr. Steffen Martus und für Lukas Linder Ulle Bourceau vom Zürcher Verlag Kein & Aber:

 

„Nur, weil es kein ideales Leben gibt, wie Felicitas Hoppe sagt“, heißt es in der Laudatio von Steffen Martus, „benötigen wir Literatur, nur weil in der Welt die Gegensätze aufeinander angewiesen sind, nur weil die Welt also konstitutiv grotesk ist und weil es sich um eine humorbedürftige Welt handelt.“ Literatur sei ein Akt der Selbstbehauptung und darin liege auch das Märchenhafte von Felicitas Hoppes Erzählkunst des feinen Humors.

 

Und Ulle Bourceau sagte zu Lukas Linder: „Seine meisterhafte Verbindung von tragischen und komischen Elementen verdeutlichen den inneren Konflikt seiner Figuren, man leidet mit ihnen, man lacht über ihre liebenswerte Ungeschicktheit und fragt sich zugleich, ob man lachen darf. Immer wieder ist man verblüfft über Lukas Linders überbordende Fantasie und spürt zugleich, dass die Realität seiner Figuren gar nicht so weit weg ist von einem selbst.“

 

Felicitas Hoppe und Lukas Linder bedankten sich jeweils mit Lesungen einschlägiger Passagen aus ihrem Werk.

 

Umrahmt wurde die Veranstaltung vom Schlagzeug-Ensemble der Universität Kassel (Leitung: Olaf Pyras) mit einer furiosen Interpretation des „Trio per uno“ des deutsch-serbischen Komponisten Nebojsa Živković.

 

 

Hoppes Humor als Zugang zur Lebenskunst

Der Stiftungsrat hat seine Wahl von Felicitas Hoppe als Preisträgerin wie folgt begründet:

 

„Felicitas Hoppes einzigartigem und vielfältigem Oeuvre liegt auf allen Ebenen des Schreibens Humor als Haltung zur Welt und als Quelle literarischer Einbildungskraft zugrunde. Ihre faszinierende poetische Beweglichkeit hat sagen- und märchenhaft verdichtete Geschichten hervorgebracht, die von „Picknick der Friseure“ bis „Prawda“ reichen. Gelehrt und vergnüglich werden dabei viele volkstümliche und hochliterarische Traditionen eingeflochten und fortgesponnen. So wird erzählt und zugleich gewitzt gezeigt, wie Erzählen vor sich geht. Komik ist dabei Mittel zur Distanzierung wie zum Lustgewinn, fein dosiert und doch reichhaltig eingesetzt, ob nun als ironische Metafiktion, als Sprach-, Figuren- oder Situationskomik oder auch bloß als Kalauer. Das Grotesk-Komische und mit ihm Verfremdung und Verrätselung bescheren dem Lesepublikum eine entschleierte und erfrischte Wahrnehmung, ein waches Staunen bei der Erkundung von Fiktionen und Wahrheiten: Der groteske Humor von Felicitas Hoppes Sprachkunst eröffnet auf ausgesprochen zugewandte Weise einen neuen Zugang zur Lebenskunst.“

 

 

Komik der Peinlichkeit: Lukas Linder

 Knapp 40 Verlage hatten Vorschläge eingereicht. Der Stiftungsrat entschied sich für den vom Zürcher Verlag Kein & Aber vertretenen Autor Lukas Linder. Mit seinen beiden dort erschienenen Romanen „Der letzte meiner Art“ und „Der Unvollendete“ sowie auch in zahlreichen erfolgreich aufgeführten Theaterstücken habe Linder gezeigt, dass er die Kunst des Grotesk-Komischen versiert beherrsche, so die Jury: „Ironie, Sprachwitz, Karikatur, pointierte Dialogführung, oft bizarre Situationskomik und ein Tableau skurriler und kauziger Figuren sind Mittel seiner humoristisch-melancholischen Poetik des Scheiterns und der Peinlichkeit. Mit viel Mitgefühl lässt Lukas Linder Anti-Helden auftreten, deren negativer Narzissmus die Brüchigkeit gegenwärtiger Orientierungsstrategien in der Leistungsgesellschaft tragikomisch spiegelt.“

 

 

 

 

„Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ und „Förderpreis Komische Literatur“

 Der „Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor“ wurde der Stadt Kassel von der Stiftung Brückner-Kühner zum Geschenk gemacht und erstmals 1985 vergeben. Er ist mit 10.000 Euro dotiert und wird Sprachkünstlerinnen und Sprachkünstlern (im ersten Jahrzehnt des Preises auch Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftlern) zugesprochen, deren Werk sich auf hohem künstlerischen Niveau durch Humor, Komik und Groteske auszeichnet. Folgende Personen erhielten die Kasseler Auszeichnung: Loriot, Eike Christian Hirsch, Ernst Jandl, Wolfgang Preisendanz, Irmtraud Morgner, Ernst Kretschmer, Robert Gernhardt, Walter Hinck, Christoph Meckel, Volker Klotz, Hanns Dieter Hüsch, Karl Riha, Max Goldt, Franzobel, Ingomar von Kieseritzky, Peter Bichsel, George Tabori, Franz Hohler, Eugen Egner, Ror Wolf, Katja Lange-Müller, Gerhard Polt, F.W. Bernstein, Peter Rühmkorf, Herbert Achternbusch, Thomas Kapielski, Ulrich Holbein, Wilhelm Genazino, Dieter Hildebrandt, Frank Schulz, Wolf Haas, Karen Duve, Eckhard Henscheid, Sibylle Berg und zuletzt Heinz Strunk.

 

Den gleichzeitig vergebenen „Förderpreis Komische Literatur“ in Höhe von 3000 Euro, gefördert von der Kasseler Sparkasse, erhielten Frank Schulz, Jochen Schmidt, Tilman Rammstedt, Jess Jochimsen, Philipp Tingler, Michael Stauffer, Rebekka Kricheldorf, Jan Neumann, Tino Hanekamp, Wolfram Lotz, Arno Camenisch, Kirsten Fuchs, Ferdinand Schmalz, Dagmara Kraus, Jakob Nolte und zuletzt Chrizzi Heinen.

 

 

Die Stiftung Brückner-Kühner

 wurde 1984 von den Schriftstellern Christine Brückner und Otto Heinrich Kühner ins Leben gerufen, die 30 Jahre zusammen in Kassel lebten und dort 1996 kurz nacheinander verstarben. Beide wären im Jahr 2021 100 Jahre alt geworden. Die Stiftung würdigt das Jubiläum mit einem umfangreichen Programm, siehe <https://brueckner-kuehner.de> Die Stiftung wirkt heute als Literaturzentrum auf den Gebieten des Komischen und der international avancierten Poesie, und sie unterhält das Dichterhaus Brückner-Kühner als Literaturmuseum, um von hier aus die Erinnerung an das Stifterpaar wach zu halten.

 

Dem Stiftungsrat gehören folgende Personen an: der Literaturprofessor Dr. Dr. h.c. Walter Pape (Vorsitzender, Brühl), die Lektorin Dr. Renate Jakobson (Berlin), Friederike Emmerling, Leiterin des Verlags S. Fischer Theater und Medien (Frankfurt a.M.), Sandra Kegel (Ressortleiterin beim Feuilleton der FAZ), der Literaturwissenschaftler und Autor Christian Maintz (Hamburg), der Literaturprofessor Dr. Uwe Wirth (Gießen), Dr. Thomas Wohlfahrt, Leiter des Hauses für Poesie in Berlin, sowie einmalig, wer zuletzt mit dem Kasseler Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Geschäftsführender Kurator der Stiftung ist der Literaturwissenschaftler Dr. Friedrich W. Block.

 

Näheres zum Engagement der Literaturstiftung unter

https://brueckner-kuehner.de.

Hintergrund

 

Über Felicitas Hoppe

Geboren am 22. Dezember 1960 in Hameln, studierte Felicitas Hoppe Literatur, Rhetorik und Religionswissenschaft sowie Italienisch und Russisch in Tübingen, Berlin und an der University of Oregon. Sie lebt in Berlin und im schweizerischen Leuk. Felicitas Hoppe veröffentlichte Erzählungen, Romane, Kinderbücher, Feuilletons sowie Übersetzungen als eine der Klügsten und Beweglichsten unter den Autorinnen und Autoren der deutschen Literatur. Das gilt neben der Dichtung ebenso für den Diskurs bei ihren verschiedenen Gastprofessuren in Deutschland, den USA und China. So hatte sie im Jahr 2019 auch die „Brüder-Grimm-Poetikprofessur“ der Universität Kassel inne. Felicitas Hoppes humoristisches und selbstbezügliches Erzählen manifestierte sich brillant schon in dem mit dem „Aspekte-Literaturpreis“ ausgezeichneten Band „Picknick der Friseure“ (1996). Es entwickelte sich in ihren Romanen weiter, die u.a. Reise- oder Märchenmotive wie auch historische Stoffe verarbeiten wie „Pigafetta“ (1999), „Paradiese, Übersee“ (2003), „Johanna“ (2006), der Jugendroman „Iwein Löwenritter“ (2008) oder zuletzt „Prawda. Eine amerikanische Reise“ (2018). Außergewöhnlich ist dabei das changierende Spiel mit Fiktion und Wirklichkeit, das vor ihrer eigenen Person nicht Halt macht, wie ihre fiktive Autobiografie „Hoppe“ (2012) oder auch der Film „Felicitas Hoppe sagt“ (2018) zeigen. Für ihr Werk, das vornehmlich im S. Fischer-Verlag erscheint, erhielt sie hohe literarische Würdigungen, so im Jahr 2012 den Georg-Büchner-Preis und im letzten Jahr den erstmal vergebenen „Großen Preis des Deutschen Literaturfonds“.

 

Über Lukas Linder

Geboren 1984 in Uhwiesen (Kanton Zürich), studierte Lukas Linder Germanistik und Philosophie in Basel. Er ist Dramatiker, schrieb über 20 Theaterstücke, u.a. für die Theater Basel und Biel-Solothurn. Sein Stück „Der Mann aus Oklahoma“ (2016) brachte den Durchbruch: Linder wurde unter anderem mit dem Kleist-Förderpreis, dem Publikumspreis des Heidelberger Stückemarkts sowie dem Förderpreis der Internationalen Bodenseekonferenz ausgezeichnet. Im Zürcher Verlag Kein & Aber erschien 2018 sein Romandebüt „Der Letzte meiner Art“, 2020 gefolgt von „Der Unvollendete“. Lukas Linder lebt in Basel und im polnischen Łódź.

Pressekontakt: Michael Schwab


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Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Kassel

©  Harry Soremski/Stadt Kassel
Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Kassel

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Kassel (v.l.): Stadtverordnetenvorsteherin Dr. Martina van den Hövel‐Hanemann, Felicitas Hoppe und Oberbürgermeister Christian Geselle.


Preisträgerin 2021: Felicitas Hoppe

©  Anja Köhne/Stadt Kassel
Preisträgerin 2021: Felicitas Hoppe

Felicitas Hoppe


Preisträger 2021: Lukas Linder

©  Anja Köhne/Stadt Kassel
Preisträger 2021: Lukas Linder

Lukas Linder