
(pen) „Es macht Freude, junge Menschen glücklich zu erleben. Vielen Kindern auch hier bei uns im Ennepe-Ruhr-Kreis ist das große Geschenk unbeschwerter erster Lebensjahre aber nicht gegeben. Betroffen sein können unter anderem Kinder, deren Eltern an psychischen Erkrankungen leiden. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit, sie benötigen unsere Hilfe, wenn es darum geht, sie in ihrer schwierigen Lage nicht alleine zu lassen und ihnen wieder mehr Kindheit zu schenken.“ Sabine Kelm-Schmidt, 1. stellvertretende Landrätin, wählte zur Eröffnung des Fachtages „Manchmal ist Mama eben anders“ Worte, die sowohl nachdenklich stimmen als auch aufrütteln sollten.
Kinder mit psychisch kranken Eltern sind keine Einzelfälle und haben kein Einzelschicksal. Zwar gibt es keine wirklich verlässlichen Zahlen. „Allerdings“, so machte Prof. Dr. Albert Lenz von der Katholischen Hochschule NRW deutlich, „kann man bundesweit von rund 3,8 Millionen betroffenen Kindern und Jugendlichen ausgehen. Sie leben beispielsweise mit Eltern zusammen, die unter Angststörungen oder Depressionen leiden, alkohol- oder drogenabhängig sind.“
Katrin Johanna Kügler vom Fachbereich Soziales und Gesundheit der Kreisverwaltung nannte für den Ennepe-Ruhr-Kreis eine ebenso begründete wie erschreckende Schätzung: „2011 mussten vermutlich rund 50 Kinder erleben, wie ein Elternteil zwangs eingewiesen wurde. Es macht also Sinn, sich der großen Aufgaben zu stellen, für diese Kinder Angebote zu entwickeln und aufrecht zu erhalten.“
Den Fachtag in Hattingen nutzten Mitarbeiter aus Kindergärten, Jugendhilfe und Erwachsenenpsychiatrie, um sich zum einen grundsätzlich über das Thema zu informieren und zum anderen um zu erfahren, was es vor Ort schon gibt und was wünschenswert wäre. „Die große Nachfrage hat uns bereits im Vorfeld gezeigt, wie hoch der Bedarf an dieser Stelle ist“, verweist Kügler darauf, dass die Veranstaltung bereits kurz nach ihrer Ausschreibung ausgebucht war.
Mit zwei weiteren Fakten untermauerte Lenz den Handlungsbedarf. Zum einen tragen Kinder mit einem depressiven Elternteil ein höheres Risiko ebenfalls zu erkranken, eine Störung im Sozialverhalten zu entwickeln oder mit Leistungsproblemen in der Schule kämpfen zu müssen. Zum anderen gibt gut die Hälfte der psychisch kranken Eltern an, aktiv den Kontakt mit dem Jugendamt aus Angst vor Bevormundung oder Sorgerechtsentzug vermieden zu haben. „Daraus müssen wir für die Therapiepraxis Konsequenzen ziehen. Es gilt, die Eltern in ihrer Rolle als Mutter und Vater wahrzunehmen und sie nach ihren Kindern, ihren Belastungen und ihrem Unterstützungsbedarf zu fragen“, so Lenz. Wirksame Hilfeleistung könne nur gelingen, wenn die Kooperation zwischen Kinder- und Jugendhilfe und dem Gesundheitssystem funktioniere.
Wie das in Dortmund mit dem Netzwerk „Kinder psychisch kranker Eltern“ seit 2007 Schritt für Schritt entwickelt worden ist, stellte Ulrike Sundermann vor. „Heute engagieren sich 20 Ämter und Organisationen in unserem Netzwerk. Dabei sind unter anderem die psychiatrischen Krankenhäuser, das Jugendamt, die Kindertagesstätten, die Fachhochschule und der Kinder- und jugendärztliche Dienst“, berichtete sie. Es sei gelungen, verbindliche Strukturen aufzubauen und verlässliche Ansprechpartner anzubieten, es gebe gemeinsame Fortbildungen und Notrufnummern, anonyme Beratung und Helferkonferenzen.
Der Bericht einer Betroffenen, die von einer chronisch psychisch kranken Mutter erzogen wurde, führte den Teilnehmern zudem sehr deutlich und eindringlich vor Augen, wie wichtig es ist, ein Kind angemessen zu beteiligen.
„Den parallel zum Fachtag aufgebauten ´Markt der Möglichkeiten´ nutzten gut 20 Anbieter aus Jugend- und Gesundheitshilfe aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis um sich zu präsentieren und miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Kombination mit den Fachvorträgen hat vielen Teilnehmern wichtige Erkenntnisse geliefert“, zog Kügler am Ende ein zufriedenes Fazit.